08.02.2019 - 15:53 Uhr
AmbergOberpfalz

Traudls Mörder ist immer noch frei

In der Nacht von 20. auf 21. März 1980 verliert Gertrud Kalweit ihr Leben. Die 38-Jährige wird im Stadtgraben, direkt neben dem Nabburger Tor, brutal vergewaltigt und ermordet. Bis heute befindet sich der Täter auf freiem Fuß.

Hier wurde vor 39 Jahren Gertrud Kalweit ermordet. Als das Foto vor knapp einer Woche entstanden ist, herrschten ähnlich äußere Bedingungen, wie sie am 20. März 1980 gewesen sein müssen. Die Pressesprecher des Polizeipräsidiums (von links) Florian Beck und Albert Brück identifizieren die Stelle, an der das Mordopfer gefunden worden ist.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Es ist Donnerstag, der 20. März 1980, und es ist kalt. Draußen hat es ein bisschen geschneit, als Gertrud Kalweit, die Traudl, gegen 23 Uhr ihre Schicht in der Emaillefabrik Baumann beendet. Gemeinsam mit ihrer Kollegin geht sie den gewohnten Gang durch die Bahnunterführung bis zum Kreisverkehr, dort trennen sich die Wege der beiden Frauen. Die 38-jährige Gertrud Kalweit nimmt die übliche Route den Stadtgraben entlang, um zu ihrer Wohnung am Kaiser-Wilhelm-Ring zu gelangen, wo sie mit ihren beiden Kindern lebt. Was dann passiert, darüber ist in den vergangenen 39 Jahren viel spekuliert worden.

Fest steht, dass am 21. März 1980 gegen 6.50 Uhr der Hausmeister des Rathauses mit seinem Dackel im Stadtgraben spazieren geht. Plötzlich bellt der Hund und der Mann findet die übel zugerichtete Leiche von Gertrud Kalweit. Überall ist Blut, das Gesicht der Frau, so zugerichtet, dass es kaum zu erkennen ist. Um den Hals ist ein Schal geschlungen. Die Obduktion wird später ergeben, dass die 38-Jährige gleich mehrfach ermordet wurde: Sie ist erschlagen, erdrosselt und erstochen worden. Offenbar hat sie der Täter auf dem Fußweg überwältigt, in den im Winter unbeleuchteten Stadtgraben hinunter geschleift und sie dort umgebracht.

Neue Soko Stadtgraben

39 Jahre später. Kriminalhauptkommissarin (KHK) Birgit Fröhlich und ihr Kollege von der Spurensicherung, KHK Harald Wächter, stehen gemeinsam mit Albert Brück und Florian Beck von der Pressestelle des Polizeipräsidiums an der Stelle, an der Gertrud Kalweit ermordet worden ist. Die Ligusterhecke, hinter der ihre Leiche gefunden worden war, gibt es nicht mehr, einige Bäume wurden gefällt, andere sind inzwischen richtig groß geworden. Seit Oktober 2018 sind Fröhlich und Wächter Teil einer Sonderkommission der Kripo, die den Fall Kalweit noch einmal - vielleicht zum letzten Mal - aufrollt. Anhand der Spuren von damals - aber mit den technischen Möglichkeiten von heute.

"Es sind einfach noch zu viele Unklarheiten in diesem Fall", erläutert Gerhard Huf, der Leiter der Amberger Kripo, die Beweggründe, die hinter der Soko Stadtgraben stecken. "Unsere Motivation waren die fortgeschrittene Zeit und die neuen technischen Möglichkeiten", sagt Gerhard Tröster, der Chef des Kommissariats 1. Dazu gehöre nicht nur die Chance, heute die noch vorhandene DNA auszuwerten, auch der Dienste von professionellen Profilern habe man sich ganz bewusst bedient. "Wir sind heute schon einen ganzen Schritt weiter", ergänzt Gerhard Huf.

Rückblende: Unter Leitung von Oberkommissar Johann Schreier und Hauptkommissar Josef Lettl laufen 1980 die Ermittlungen auf Hochtouren an. Spuren werden ausgewertet und Zeugen befragt - insgesamt rund 600 im Laufe des Verfahrens. Die Ermittler finden in unmittelbarer Nähe des Tatorts ein Ratschenstück, das aus einem amerikanischen Werkzeugkasten stammt, und die Kappe eines - ebenfalls amerikanischen - Sturmfeuerzeugs. Und sie haben die Blutgruppe des mutmaßlichen Mörders: AB. Die Fahndung konzentriert sich sehr schnell auf die amerikanischen Soldaten, die zu dieser Zeit noch in großer Zahl in der Möhlkaserne stationiert sind. Ein Verdächtiger ist schnell ermittelt, er redet sich aber raus und wird schließlich ganz schnell in die USA versetzt.

Neue Ansätze

Für die Kommissare damals steht am Ende fest: Sie wissen, wer der Mörder ist, haben aber keinen Zugriff auf ihn, weil er in den Vereinigten Staaten nicht mehr aufspürbar ist. Der Fall scheint abgeschlossen, doch nicht erledigt. Bis heute ärgern sich Hans Schreier und Josef Lettl, dass ihnen der vermeintliche Täter damals so durch die Maschen geschlüpft ist. "Hätte es damals schon die Möglichkeit einer DNA-Analyse gegeben, dann säße der Mörder schon längst hinter Schloss und Riegel", sagten die inzwischen pensionierten Beamten vor einigen Jahren, als das Privatfernsehen den Fall zum wiederholten Male neu aufrollte. Aber hat sich das damals wirklich so zugetragen? Steht der Name des Mörders wirklich ganz dick in der Akte Kalweit, die inzwischen auf über zehn Leitzordner angewachsen ist? Oder war alles ganz anders? Haben die Fahnder damals etwas übersehen? Ergibt die DNA-Analyse ganz neue Ansätze? Und waren sich die Ermittler 1980 tatsächlich einig, den wahren Täter zu kennen? Die Soko Stadtgraben ist den nahe liegenden Schritt gegangen und hat die ehemaligen Ermittler einfach gefragt.

Und so saßen Mitte Januar die Beamten der Sonderkommission mit sechs der Ehemaligen zusammen und redeten intensiv über den alten Fall. "Wie haben sie ihn empfunden, gerochen, geschmeckt?", sagt Erster KHK Gerhard Tröster. "Und plötzlich hat sich herausgestellt, dass sich die eigentlich damals nie ganz einig waren in der Einschätzung des Falls", erzählt Albert Brück, der dabei war.

Gar nicht so kalt

Die Zweifel wurden groß und größer, ob der Fall Kalweit tatsächlich einer dieser "Cold Cases" ist, der niemals aufgeklärt werden kann. "Es existiert auch die Möglichkeit, dass es jemand anders gewesen ist", macht Gerhard Tröster die Tür für die Ermittler ganz weit auf.

Gibt es einen Texas Willi?:

Ist er nur ein Hirngespinst?

Rund 600 Zeugenbefragungen absolvierte die Amberger Kripo seit dem Mord an Gertrud Kalweit 1980. Darunter auch die mit einem Zeugen, der sich vor rund zehn Jahren nach der Ausstrahlung einer Fernsehsendung über ungeklärte Mordfälle gemeldet hat. Der Mann, der aus einer anderen Region stammt, sich aber zur Tatzeit in Amberg aufgehalten hat, gab gegenüber den Beamten und kurze Zeit später auch bei der Amberger Zeitung an, er kenne den wahren Mörder der damals 38-Jährigen.

„Es war der Texas Willi“, hatte der Zeuge beim Gespräch mit der AZ behauptet. Und damit einen Namen in die Ermittlungen gebracht, der noch nie gefallen ist – und der möglicherweise reine Erfindung ist. Angeblich hatte ihm dieser Texas Willi detailliert geschildert, wie er die 38-Jährige umgebracht hat. Ob es diesen Texas Willi überhaupt gibt, ist bislang völlig ungeklärt. Er soll sich nach den Angaben des Zeugen vor allem im Umfeld der Kneipen und Diskotheken aufgehalten haben, in denen zu dieser Zeit vorwiegend die amerikanischen Soldaten verkehrt sind. Wie der Zeuge gegenüber der Kripo ergänzte, soll es sich bei Texas Willi um einen Arbeitskollegen von Gertrud Kalweit bei der Firma Baumann gehandelt haben. Der Mann habe einen auffälligen Oberlippen- und Kinnbart getragen, vergleichbar mit dem legendären Bart des amerikanischen Generals Custer. Texas Willi soll zudem einen – möglicherweise – roten Jeep gefahren haben, der mit einem auffälligen US-Flaggen-Aufkleber verziert war.

Trotz umfangreicher Überprüfungen konnte die Sonderkommission bisher nicht herausfinden, ob es in Amberg oder der näheren Umgebung einen solchen Mann gegeben hat. Er müsste mit seinem auffälligen Äußeren und seinem ungewöhnlichen Auto gerade älteren Bürgern noch ein Begriff sein. Die Kripo will sich aber nicht ausschließlich auf den Texas Willi konzentrieren, der möglicherweise auch nur das Hirngespinst eines Wichtigtuers ist. Trotzdem will man sich auch hier keinen Fehler erlauben und geht daher auch dieser Spur akribisch nach.

Die Polizei sucht Zeugen:

10000 Euro Belohnung

Auch wenn der Mord an Gertrud Kalweit 39 Jahre her ist, gibt es vielleicht Menschen, die rund um den Tattag am 20. März 1980 etwas beobachtet oder aber später etwas gehört haben, das mit dem Fall in Zusammenhang stehen könnte. Die Ermittler der Soko Stadtgraben erhoffen sich dadurch neue Ansätze. Die Polizei bittet darum, dass alle Wahrnehmungen gemeldet werden. Also auch solche vom Hörensagen – auch wenn sie noch so unwichtig erscheinen mögen. „Nur Informationen, die der Polizei auch bekannt sind, können von den Beamten auf einen möglichen Tatzusammenhang geprüft werden“, appelliert die Kripo an die Bevölkerung. Möglicherweise kann jemand Hinweise zum unten beschriebenen „Texas Willi“ geben, der den Mord angeblich einem Zeugen gestanden hat. Hinweise nimmt die Kriminalpolizeiinspektion Amberg unter der Rufnummer 09621/890-0 entgegen. Das Landeskriminalamt hat für Hinweise, die zum Täter führen, eine Belohnung von 10 000 Euro ausgelobt.

Die Bilder zum Fall Kalweit

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