Um Berge, an denen Geschichte geschrieben wurde, dreht sich Reinhold Messners neuester Vortrag. Er zeigt dreizehn Berge auf bis dato unbekannte Weise. Auf Basis von Satellitenaufnahmen entstanden digitale Abbilder, dreidimensional, fotorealistisch. So wurden virtuelle Darstellungen aus zuvor undenkbaren Perspektiven möglich.
Der Zuschauer wird zum Teilnehmer historischer Expeditionen und zugleich Zeuge neuer alpinistischer Herausforderungen. Mit seinem beeindruckenden Wissen und der Erfahrung aus seinen Expeditionen erfüllt Messner die Bilder mit Leben. Ein Gespräch über Steigerung durch Verzicht und den Pisten-Alpinismus am Everest.
ONETZ: Herr Messner, mit Ihrem neuen Vortrag „Weltberge“ verlassen Sie die Erde und bauen die Gipfel der Welt mit Satellitendaten aus dem All virtuell nach. Wie real ist das trotzdem?
Reinhold Messner: Reinhold Messner: Es ist real, denn es ist ein Abbild der Realität. Mit dieser Methode ist es möglich, den Berg dreidimensional zu verstehen. Aber die Bilder sind für mich nur ein Hintergrund.
ONETZ: Hintergrund wofür?
Ich benutze diese Bilder, um mit dreizehn Bergen die Entwicklung des Alpinismus zu erzählen.
ONETZ: Nach welchen Kriterien haben Sie die Berge ausgewählt?
Für jede Phase in der Entwicklung des Alpinismus von 1786 bis heute habe ich zwei Berge genommen. Es beginnt mit der Eroberung des Mont Blanc. Der Vortrag rankt sich immer an der Frage entlang: Möglich oder unmöglich? Jede neue Generation hat versucht, das, was die Alten als unmöglich definiert hatten, möglich zu machen.
ONETZ: Vor gut vierzig Jahren standen Sie zum ersten Mal auf dem Mount Everest, ohne künstlichen Sauerstoff für die Besteigung verwendet zu haben. Viele sehen darin einen Wendepunkt des modernen Bergsteigens. War es auch der entscheidende Wendepunkt in Ihrem Leben?
Nein. In meinem Leben war das nur eine Etappe nach einer anderen Etappe. Nachdem ich – auch das erstmals – einen Achttausender im Alpin-Stil geklettert hatte, kam die Frage auf: Kann man das auch am Everest machen? Und: Geht das ohne Sauerstoff? Diese Frage haben wir beantwortet. Was Sie als Wende ansprechen, fand im Grunde schon 1975 statt. Aber 1978 wurde durch unsere Besteigung des Everest noch einmal betont, dass Verzicht eine weitere Steigerung erlaubt. Wenn ich auf Technologie verzichte, dann wird das, was schon einmal geschafft wurde, wieder unmöglich.
ONETZ: Durchgesetzt hat sich diese Herangehensweise in der Breite nicht.
Was heute stattfindet, ist genau das Gegenteil. Heute wird eine Piste vom Basislager bis zum Gipfel gebaut. Die kostet Millionen. Da arbeiten Hunderte Sherpas quasi als Straßenarbeiter. Wenn die Piste fertig ist, werden die Leute raufgeschoben und raufgezogen auf den Gipfel.
ONETZ: So wird jetzt vielen Menschen ermöglicht, einmal auf dem Mount Everest zu stehen.
Aber dadurch gerät der Alpinismus unter Druck. Die Leute gehen fast alle dort hin, wo eine Infrastruktur ist. Sie wollen diese Piste haben. Oder eine Aussichtsplattform. Oder eine Seilbahn. Alles ist eventisiert worden. Dabei ist Alpinismus genau das Gegenteil. Der Alpinist geht dort hin, wo niemand sonst ist, keine Spur, keine Markierung, nichts. Der Alpinismus ist kein Sport. Es geht ihm nicht um schneller, höher, weiter, sondern um die Erfahrung des Verhältnisses Mensch/Berg.
ONETZ: Sie sind vom Südtiroler Lehrerkind aus einem Bergbauerndorf zum größten Abenteurer unserer Zeit geworden, haben die Grenze des Möglichen verschoben, das Unerreichbare erreicht. Gibt es Dinge, die Sie nicht geschafft haben?
Ja, viele. Bei manchen habe ich eingesehen, dass es nicht geht. Bei anderen habe ich es wieder und wieder versucht und es ist mir später gelungen. Mein Leben besteht bisher darin, dass ich sieben Mal umgestiegen bin von einem Tun ins andere. Ich habe mich immer wieder neu erfunden. Gerade bin ich dabei, meine siebte Phase zu leben: als Filmemacher. Ich gehe immer noch auf den Berg, aber mein Ziel ist es nicht mehr, einen Gipfel zu erreichen, sondern eine Geschichte zu erzählen.
ONETZ: Sie wollten immer den Heroismus aus dem Bergsteigen herausnehmen. Waren Sie erfolgreich?
Vielleicht erfolgreicher als mit meiner Vorstellung vom Verzichts-Alpinismus. Dafür gibt es jetzt halt diesen Kirchturm-Heroismus: Die erste Frau aus Buxtehude hat den Everest bestiegen. In der Straße, wo sie wohnt, ist das dann eine Heldengeschichte. Die Leute wollen nicht verstehen, dass das mit Heldentum nichts zu tun hat. Das ist nur ein Bild, das die Nazis entworfen haben, um die jungen Männer auf den Krieg vorzubereiten. Die Eiger-Bezwinger wurden durch ganz Deutschland gefahren. Sie wurden ausgestellt als Menschen, die bereit sind, alles zu geben, die bereit sind, in den Tod zu gehen. Helden ohne Angst. Alles Humbug: Die hatten die gleiche Angst wie wir. Nur hat man damals von der Angst nicht reden dürfen.
ONETZ: Aber Sie selbst werden doch von vielen als Held der Berge verehrt.
Das will ich aber nicht sein. Das zeigen auch meine Vorträge: Da gibt es nichts Heroisches.
ONETZ: Sie waren fünf Jahre lang Abgeordneter im Europäischen Parlament. Was haben Sie dort erfahren, was Sie aus den Bergen noch nicht kannten?
Dass Politik genau das Gegenteil ist von Bergsteigen. Politik ist die Kunst des Kompromisses und der Überzeugungsfähigkeit. Überzeugungsfähigkeit brauche ich auch als Abenteurer. Aber Kompromisse kann ich nicht ununterbrochen machen. Damit käme man nicht weit.
ONETZ: Was, glauben Sie, sind die größten Herausforderungen für die Menschheit in den nächsten Jahren?
Der Klimawandel ist ein großes Problem. Die Verschmutzung der Meere ebenso. Ich bin überzeugt, dass die Menschheit nur eine Chance hat, dieses Habitat zu erhalten, wenn der Verzicht zu einem der wichtigsten Werte wird. Nicht nur im Bergsteigen, sondern generell.
ONETZ: Das Messner-Mountain-Museum auf Schloss Juval widmet sich der mystischen Bedeutung der Berge. Haben Berge auch für Sie eine religiöse Dimension?
Ja, eindeutig. Der Mensch hat die Berge schon immer als etwas verstanden, was zwischen Himmel und Erde verbindet. Im Hinduismus hat man sich vorgestellt, dass da oben Shiwa wohnt. Diese mythologischen Bilder sind mindestens so wichtig wie der moderne Alpinismus.
ONETZ: Sie waren dem Tod auf Ihren Expeditionen oft sehr nahe. Haben Sie noch Angst vor ihm?
Oft sehr nahe ist übertrieben. Es gab eine Handvoll Situationen, die tödlich hätten ausgehen können. Die Kunst beim Bergsteigen ist das Überleben. Und das habe ich bisher geschafft. Ich lebe mit der Tatsache, dass ich sterben werde.
ONETZ: Wo wird Ihre letzte Ruhestätte sein?
In einem tibetischen Grabmal, einem Tschorten. Das sind kleine, ganz einfache Stupas. Ich habe meine schon lange gebaut. Dort wird meine Asche eingemauert.
Mit seinem Vortrag „Weltberge – die 4. Dimension“ ist Reinhold Messner live zu erleben: Am Donnerstag, 21. November (19.30 Uhr), Amberg, Congress-Centrum sowie am Samstag, 23. November (19.30Uhr), Regensburg, RT-Halle
Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0.
Tickets für den Vortrag von Reinhold Messner
Zur Homepage von Reinhold Messner
Reinhold Messner, am 17. September 1944 in Brixen in Südtirol geboren und mit acht Geschwistern in Villnöß aufgewachsen, ist der bekannteste Bergsteiger der Welt. Der Abenteurer ist zudem Buchautor, Vortragsreisender und Filmschaffender sowie ehemaliger Europaabgeordneter für die italienischen Grünen. 1978 erreichte er gemeinsam mit Peter Habeler als erster Mensch den Gipfel des Mount Everest ohne Flaschensauerstoff. Bis 1986 hatte er alle vierzehn Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. 1980 schaffte er die Besteigung des Everest als Erster im Alleingang.
Heute lebt er in Meran und auf seinem Schloss Juval am Eingang des Schnalstals. Bei seinem Projekt Messner-Mountain-Museum (MMM) bilden sechs Standorte ein Bergmuseum.













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