27.12.2018 - 17:09 Uhr
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Bei Streit nicht gleich vor Gericht: Individuelle Wege aus dem Konflikt

Die Weihnachtsmusik war zu laut - nun ist der Streit mit den Nachbarn eskaliert? Ein Gerichtsprozess ist selten die beste Lösung. Oft hilft eine Mediation. Trotzdem nutzen nur wenige Oberpfälzer diese Alternative.

Ein Pärchen streitet sich am hinter einem geschmückten Christbaum. Wenn die Familie sich um den Weihnachtsbaum schart, kracht es schnell.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Das Ziel einer Mediation sei immer eine gute Lösung für alle Beteiligten, erklärt die Mediatorin Monika Hebeisen. In ihrem Büro in Hahnbach (Kreis Amberg-Sulzbach) vermittelt sie zwischen streitenden Parteien.

Im Idealfall würden sich die Beziehungen nach einer Mediation stabilisieren und verbessern. "Da passiert oft ein Aha-Erlebnis: Man bekommt einen Blick von außen und merkt, dass man über Probleme auch in angenehmer Atmosphäre reden kann. Ich sehe das als absolute Win-Win-Situation", sagt Hebeisen. Eine Statistik, die sie vor rund zwei Jahren für ihr Büro anfertigen ließ, unterstreicht dies: In 98 Prozent der Fälle fänden die Parteien eine einvernehmliche Lösung. Details über die einzelnen Fälle darf Monika Hebeisen nicht verraten.

Meist sei das Verhältnis der beiden Parteien vor dem Treffen so weit eskaliert, dass sie schon nicht mehr miteinander kommunizierten. "Das ist sehr heikel", sagt Hebeisen. Viele seien hilflos, ärgerlich oder enttäuscht. Im schlechtesten Fall sei der Zwist so tief verankert, dass gar kein Gespräch zustande komme.

Neutraler Punkt

Hebeisen ist seit zwölf Jahren Mediatorin. "Und ab und zu geht dieser Beruf ganz schön an die Substanz", sagt sie. Man müsse immer einen neutralen Punkt zwischen den beiden Parteien finden. "Hat man zum Beispiel selbst eine Scheidung durchlebt, ist es oft schwieriger, in solchen Situationen neutral zu bleiben." Dafür aber sei sie ausgebildet. "Die Ausbildung ist anspruchsvoll." Man müsse viel an sich selbst arbeiten. "Vor allem, wenn beide Parteien an einer einvernehmlichen Lösung interessiert sind, ist Mediation eine Option", sagt Hebeisen. Wenn sich die Beteiligten Lösungsoptionen vorstellen können und gesprächsbereit sind, funktioniere dies erfahrungsgemäß gut. "Eine Einigung ist fast immer möglich, wenn die Betroffenen denn am runden Tisch erscheinen", so Hebeisen. Damit zeigen sie Bereitschaft, die Angelegenheit eigenverantwortlich zu lösen.

Fragen, keine Anweisungen

Und im schlechtesten Fall? "Sollte zum Beenden des Streits eine machtvolle, externe Entscheidung notwendig sein, ist eine Mediation aussichtslos." Schließlich solle ein Mediator Fragen stellen - keine Anweisungen geben.

Mediation gibt es auch vor Gericht: das Güterichterverfahren. Vor einem solchen Prozess sollte ein "außergerichtliches Konfliktlösungsverfahren", also zum Beispiel eine Mediation durchgeführt worden sein. "Oft versucht man das allerdings gar nicht. Im Gerichtsbericht ist dann oft zu lesen: 'Ein einvernehmliches Gespräch war nicht möglich'", sagt Hebeisen.

Die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichte Auswertung der Justizstatistik 2017 zeigt, dass Güterichterverfahren "nur sehr begrenzt Eingang" in die Gerichtspraxis gefunden haben. An vielen Gerichten werde, so besagt eine Sonderauswertung, überhaupt nicht oder nur vereinzelt an Güterichter verwiesen. Im bayerischen Durchschnitt erreichten die Verfahren aber überdurchschnittliche Erfolge (zwischen 68 und 75 Prozent, ohne Oberlandesgerichte).

"Eine Einigung vor dem Gütegericht kann beantragt oder vom Richter vorgeschlagen werden", erklärt ein Sprecher des Amberger Landgerichtes. Seit 2015 wurden dort allerdings erst zehn solche Verfahren zu den Akten gelegt. Nur drei davon waren erfolgreich. In laufende Verfahren habe er keine Einsicht, so der Gerichtssprecher.

Ähnlich wie bei einer Mediation bestimmen die Beteiligten eines Güterichterverfahrens selbst, wie ein Konflikt gelöst wird. Der Richter hilft den Parteien dabei, eine Lösung zu finden, er trifft keine eigene Entscheidung. Sollten sich die Betroffenen nicht auf eine Lösung einigen können, landet der Fall vor einem Streitrichter.

So weit muss es aber nicht kommen. Mediation mache oft schon Sinn, bevor ein Streit überhaupt "gerichtsreif" wird, erklärt Hebeisen. Eine Möglichkeit zur Beratung bietet sich im Pfreimder Rathaus: "Infostelle Mediation" nennt sich das Projekt.

Die Mediatorin bietet dort seit Februar jeden ersten Montag im Monat eine kostenlose Erstberatung an - nach Anmeldung (zwei Wochen vor der Beratung unter Telefon 09606/8890): Diese Information ist kostenlos, unverbindlich und unterliegt der Schweigepflicht. Bürgermeister Richard Tischler ist zufrieden: "Es haben zwar wenige Bürger das Angebot genutzt, aber ich kann mich an erfolgreiche Lösungen erinnern." Sieben oder acht Bürger hatten sich seit Februar im Rathaus informiert.

Hilfe zur Selbsthilfe

Für die Stadt sei dieses Angebot kein Mehraufwand, sie übernehme nur die Anmeldung und stelle ein Zimmer im Rathaus für die Erstberatung zur Verfügung. "Für uns hat es sich auf alle Fälle gelohnt", urteilt Tischler. Wie es zu der Kooperation kam? Mediatorin Hebeisen und Bürgermeister Tischler trafen sich zufällig am Rande einer Veranstaltung, erinnert sich Hebeisen. "Im Gespräch erzählte ich ihm etliches über das Thema Mediation und außergerichtliche Streitlösung." So ergab sich die Idee, eine Info-Sprechstunde im Rathaus anzubieten. Bei jenem Gespräch bekommen Hilfesuchende eine Liste, an wen sie sich zur Mediation wenden können. "Wir geben ihnen auch Informationen mit, wie sie selbst zu einer Lösung finden können." Es muss also nicht zwingend zur Mediation kommen. Für die Stadt Amberg habe sich bislang kein Mediations-Bedarf ergeben, so informiert eine Sprecherin der Stadt. Dies sei nicht Aufgabe der Kommunen, sondern der Justiz.

Das sieht Hebeisen anders: "Die Infostelle in Pfreimd lohnt sich meiner Meinung nach schon deshalb, weil der Bürger weiß: Ich kann mich anonym informieren, wie ich einen individuellen Weg aus einem Konflikt finden kann." Wieso es solche Angebote nicht auch in anderen Oberpfälzer Rathäusern gebe? Hebeisen spekuliert: "Vielleicht, weil es nicht so viele innovative Bürgermeister wie in Pfreimd gibt?"

Da passiert oft ein Aha-Erlebnis: Man bekommt einen Blick von außen und merkt, dass man über Probleme auch in angenehmer Atmosphäre reden kann.

Monika Hebeisen, Mediatorin

So läuft eine Mediation ab:

Zunächst legt der Mediator die Rahmenbedingungen fest: Die Betroffenen schildern jeweils in Einzelgesprächen die Situation aus Ihrer Sicht und der Mediator stellt fest, welche Eskalationsstufe erreicht ist. Der Mediator bereitet schließlich ein Treffen vor: Dieses dauert rund 1,5 Stunden. Nacheinander werden die einzelnen Streitthemen abgearbeitet – unter sachlichen Rahmenbedingungen. Beide Parteien formulieren gemeinsam Lösungen, die wirtschaftlich, sozialverträglich und auch juristisch tragbar sind.

Natürlich sollen diese auch den „Reality-Check“ bestehen, wie es Mediatorin Monika Hebeisen nennt. Zwei Teilnehmer zahlen jeweils ab 80 Euro für solch eine Sitzung.

Infostelle Mediation im Pfreimder Rathaus

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