"Weg von dem, was wir kennen, neue Klangwelten eröffnen, fremde und unerforschte Wege gehen" - auf diese ungewöhnliche musikalische Exkursion im Bühnenraum des Amberger Stadttheaters lassen sich am Donnerstagabend doch einige neugierige Studiokonzertbesucher ein. Als versierte Expeditionsleiter brillieren Frank Gutschmidt am Klavier und als Moderator, sowie Andre Bartetzki an elektronischem Gerät. Forschungsziel ist es, die "fremde Schönheit" in der Musik von Karlheinz Stockhausen und Hans Tutschku zu entdecken. Beide sind als Pioniere der elektronischen Musik in unbekannte akustische Welten vorgestoßen, haben den musikalischen Raum erweitert, die Notation revolutioniert und mit ihren Kompositionen für etliche Skandale gesorgt.
Zugegeben, ohne das Expertenwissen der Forschungsleiter würden sich doch etliche Teilnehmer im Ton-Labyrinth der eigenwilligen Akkorde und Laute verirren. So aber werden die schmalen Wege zwischen Ausdruckswandel und polyphoner Interpretation sicher begangen, die unregelmäßigen Schnalzer und Fingerclicks, die Luftküsse und die geflüsterten Zahlennamen eingeordnet in ein stimmiges Ganzes. Zischen, küssen und über die Tasten wischen, hörbares Ein- und Ausatmen, tonlos durch die Lippen rauschen wie Wind, Handschläge auf die Deckelkante und mit Fingernägeln pizzicato Klaviersaiten anzupfen, alles ist genau festgelegt bei den beiden Stockhausen-Klavierstücken XII: Examen vom Donnerstag und XIV: Geburtstagsformel vom Montag. Von Pianist Gutschmidt ist voller Körpereinsatz gefordert. Elektronische Unterstützung steuert Andre Bartetzki bei. Bei "Shadow of Bells" (Schatten der Glocken) für Klavier und Elektronik wird der große Flügel angestöpselt und so ein akustischer Freiraum erzeugt für 20 Minuten lange Sphärenmusik von Hans Tutschku. Der deutsche Komponist begleitete ab 1989 Karlheinz Stockhausen bei mehreren Konzertzyklen, um sich in die Klangregie einweisen zu lassen. Seit September 2004 lehrt Tutschku als Professor für Komposition an der Harvard-Universität und ist dort Leiter des Studios für Elektroakustische Musik. Von einer Reise durch Japan brachte er das 20-minütige Werk mit.
Wie ein mäandernder Spaziergang durch imaginäre Landschaften der Stille fühlt sich diese überraschende Musik an, die Raum lässt für eigene Bilder. Entschleunigung und Beschleunigung der Töne und Geräusche. Einmal dumpfer Gong dann scheppernde Glocke, Klingel oder Schelle - die Töne wabern und flirren mit vielen Kontrasten in engen Linien und großen Akkorden durch die Luft. Die Expeditionsteilnehmer auf der Suche nach fremder Schönheit sind wirklich gefordert. Das Resultat lässt die Strapazen jedoch vergessen, denn die beiden ausgezeichneten Begleiter erweisen sich als großartige Vermittler fremder Tonwelten.













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