Mit "Willkommen bei den Hartmanns" - nach dem Erfolgsfilm von Simon Verhoeven - eröffnet das Stadttheater Amberg die neue Spielsaison. Der Applaus nach der öffentlichen Generalprobe gibt den Programmmachern Recht und den Schauspielern viel aufmunternde Unterstützung für die kommende Tournee. Fünf Wochen intensiver Probenarbeit liegen hinter dem achtköpfigen Ensemble. Den letzten Schliff erarbeitet das Team vom Tourneetheater Thespiskarren in Amberg. Regisseur Michael Bleiziffer gibt dies vor offenem Vorhang bekannt. Unter seiner Leitung erhält die "Flüchtlingskomödie" ihr Bühnengewand.
Aktuellen Sprengstoff und satirische Gesellschaftskritik vernäht er mal im Zickzackstich, dann wieder in reißfester Doppelnaht. Er geht kein Risiko ein, aber er versteht sein Handwerk. Er inszeniert mit Zeitraffer- und Zeitlupeneffekten, spielt mit Lichteffekten mittels nostalgischer Stativschweinwerfer und entlässt seine Truppe ins ungewöhnliche Bühnenbild von Peter Engel.
Der baut in die Mitte eine moderne Wohlstandvilla im komfortablen Hundehüttenformat, dahinter ein mehrstöckiges, stählernes Gerüst und davor klinisch weiße Möblierung, die je nach Bedarf zum OP-Ambiente, zur Wellnessoase oder zum Festtagsmittelpunkt arrangiert werden kann. Das genügt, um unterschiedliche Ebenen, Orte und Handlungsstränge anzudeuten.
Hier also agieren die Hartmanns, eine wohlhabende Familie. Die Kinder sind aus dem Haus und finanziell sind sie abgesichert. „Uns geht’s gut!“ behauptet die pensionierte Schuldirektorin Angelika Hartmann (Antje Lewald), die dringend nach einer neuen Lebensaufgabe sucht. Ihr Gatte Richard (Steffen Gräbner) ist Chefarzt und steckt gerade ziemlicht tief in seiner eignen altersbedingten Psychokrise, die er mit Botox und anderen Jungbleibeaktivitäten bekämpft.
Das Chaos bei Familie Hartmann machen noch das langzeitstudierende Töchterchen Sofie (Caroline Klütsch), der in Scheidung lebende Workaholic-Sohn Philipp (Marc-Andree Bartelt), Enkel Basti (Stimme nur aus dem Off zu hören) und der junge Arzt Tarek (Felix Hoefner) perfekt. Spitze Kanten, zierliche Konturen, zarte Annäherung, schrille Charakterzeichnungen, das alles wird mittels der abgedrehten Nebenfiguren (Peter Clös, Juliane Ledwoch) ins Bild appliziert.
Auf der Bühne dauert es knapp eine Stunde, bis Diallo Makabouri (Derek Nowak) endlich im hartmannschen Familien-Tohuwabohu ankommt. Hier erlebt dann der überaus sympathische „Familienflüchtling“ einen Kulturschock vom feinsten und wird zum Eheberater, Lebenshelfer und großen Bruder. Ein Pilcher-Märchen mit ebensolchem Ausgang!
Nicht ganz leicht, diese Gefühlsachterbahn in der Spur zu halten! Derek Nowak als Diallo rennt um sein Leben und um seine Anerkennung. So zerrissen und liebenswert wie er den offenherzigen Flüchtling spielt, kommt es glaubwürdig rüber. Ebenso effektiv setzt Marc-Andree Bartelt die Rolle des getriebenen Sohnes um. Toll auch Steffen Gräbner, der Familiendiktator, wie überhaupt das gesamte Ensemble sich gut in der Flüchtlings-, Tragik- und/oder Gesellschaftssatire wieder findet. Der Film hatte es leichter, alle Stränge und Stofflagen zusammen zu heften. Doch die Theaterproduktion macht trotz der heftigen Kontrastfarben des doch schwierigen Themas im großen und ganzen Spaß.













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