17.02.2021 - 16:54 Uhr
PassauDeutschland & Welt

Aschermittwoch 2021: Corona, Wahlen und Applaus aus dem Netz

Leere Hallen, kein Dunst von Bier und Fischsemmeln. Der Politische Aschermittwoch ist heuer wegen Corona eine traurige Angelegenheit. CSU und SPD versuchen das Beste daraus zu machen - mit unterschiedlichem Erfolg.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) trinkt beim Politischen Aschermittwoch der Partei aus einem Maßkrug. Wegen der Corona-Krise findet der Aschermittwoch in diesem Jahr erstmals digital statt und wird aus der Dreiländerhalle übertragen.
von Jürgen UmlauftProfil

Ein virtueller Politischer Aschermittwoch ist wie alkoholfreies Bier. Es weckt schöne Erinnerungen, aber die Wirkung ist überschaubar. Statt Bad der Redematadore in der Menschenmenge gibt es rhetorisches Trockenschwimmen. Und dann zieht ausgerechnet Markus Söder gleich zu Beginn seiner Ansprache auch noch den Stöpsel aus dem Schwimmreifen. Der Aschermittwoch stehe ja für das "Eindreschen auf den politischen Gegner", leitet er ein. "Aber wir leben in einer ernsten Zeit." Pfffft! Damit ist auch die Restluft raus, bevor es richtig losgegangen ist.

Dabei haben sie sich bei der CSU wirklich viel Mühe gegeben, das Aschermittwochsgefühl möglichst realitätsnah digital nachzustellen. Sie sind sogar in die Passauer Dreiländerhalle gegangen, um den Geist des Ortes zu erhalten. Beim Einmarsch zum von der Passauer Stadtkappelle virtuell intonierten Defiliermarsch schreitet Söder aber kein Spalier jubelnder Anhänger, sondern eine Galerie von Pappkameraden ab. Immerhin sind per Riesen-Videowand, einige Dutzend Gäste live zugeschaltet. Sie klatschen in die offenen Mikrofone, was das Zeug hält, und schwenken CSU-Fähnchen. Tatsächlich kommt so etwas wie Stimmung rüber. "Es fühlt sich alles irgendwie anders an", sagt Söder trotzdem. Ein Satz, so schlicht wie treffend.

Söder spricht vor einem Strauß-Portrait

Seine Rede hält der CSU-Chef nicht vom Pult aus, die Regie hat für ihn ein "CSU-Wohnzimmer" eingerichtet mit Tisch, Eckbank und rustikalem Kachelofen sowie einem FCN-Wimpel und einem Strauß-Porträt an der Wand. Einige Utensilien könnten auch in seinem privaten Wohnzimmer sein, urteilt Söder etwas distanziert, und vermutlich meint er damit weder den Kachelofen noch die Eckbank. Aber irgendwie muss ja alles passen zum Motto "Aschermittwoch dahoam". Vor Söder steht eine Brotzeit, hinter ihm öffnet sich ein virtueller Blick auf die Stadt Passau, den alle paar Minuten ein gesetzter Herr mit dem Plakat "Markus, wir brauchen dich" durchschreitet.

Eine knappe Stunde redet Söder, gelegentlich nippt er aus einem Bierkrug sein Cola light. Er hält eine Art Stammtisch-Monolog, keine Rede im eigentlichen Sinne. Die meiste Zeit verwendet er auf Corona, der Neuigkeitswert hält sich in engsten Grenzen. Höhepunkte sind schon, dass er SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz die Eignung zur Stimmungskanone abspricht und den Freien Wählern attestiert, ihr Einfluss in Berlin sei ungefähr so groß wie auf dem Mond. Zum Ende hin nimmt er sich der Bundestagswahl an, ohne sich aber auch nur andeutungsweise zur Kanzlerkandidatur zu äußern. Dabei hatte vorher der neue CDU-Chef Armin Laschet einen Gastauftritt per Live-Schalte und damit eine Premiere: Noch nie zuvor durfte der Chef oder die Chefin der Schwesterpartei am Aschermittwoch der CSU sprechen. Ganz nebenbei: Laschets Grußwort wird eher nicht in die Annalen der Veranstaltung eingehen.

Immerhin formuliert Söder den Führungsanspruch der Union auch nach der Bundestagswahl. Schließlich tue die SPD immer das Gleiche, nämlich das Falsche. "Mir kommt die SPD vor wie Schalke 04", sagt Söder. "Tolle Geschichte, schlechtes Spiel." Bei den Grünen wird Söder ambivalent. "Ich umarme Bäume lieber als Anton Hofreiter", gesteht Söder, was vermutlich auf Gegenseitigkeit beruht. Aber möglich wäre eine Koalition mit den Grünen schon, wenn auch nicht einfach. Mit ihrem aktuellen, recht links gestrickten Programm seien sie aber "nicht koalitionsfähig". Söder lässt ein Hintertürchen offen: "Wir als CSU schaffen es, in einer Woche mit Saskia Esken und Hubert Aiwanger zu regieren, wir würden das auch mit anderen schaffen." Nur mit der AfD nicht, stellt Söder klar. Denn die sei mit ihren rechtsextremen Anwandlungen "keine Alternative für Deutschland, sondern ein Angriff auf Deutschland".

Bitteres Trockenschwimmen bei der SPD

Traditionell aus Vilshofen sendet die SPD. Sie hat ihr Tagungslokal eher trendy mit Holzpaletten dekoriert und präsentiert ihren Kanzlerkandidaten Olaf Scholz mit offenem Hemdkragen. Der startet mit einem mehrminütigen Werbeblock in eigener Sache. Wenn man ihn richtig versteht, wäre Deutschland ohne sein Zutun als Finanzminister durch die Pandemie zu einer Sozial- und Wirtschaftsbrache geworden. Worte wie Führungskraft und Ernsthaftigkeit benutzt er, als wären sie sein zweiter und dritter Vorname. "Manche glauben, dass sich die Zukunft schon ereignen wird", erklärt er, "man muss sie aber gestalten." Und genau das habe mit seiner "Zukunftsmission für Deutschland" vor.

Es gehe darum, den Klimawandel aufzuhalten, die Digitalisierung voranzubringen und den gleichwertigen Respekt für jeden Beitrag zum Zusammenhalt in der Gesellschaft zu betonen, dröselt Scholz auf. Dazu brauche man eine Partei und Leute, "die wissen, was sie wollen" - also ihn und irgendwie auch die SPD. "Wir haben den klaren Anspruch, die Regierung zu führen", und er wolle der nächste Kanzler werden. Eine klare Ansage, wie man sie sich am Aschermittwoch erwartet. Irgendwie verpufft sie aber in der digitalen Welt, weil es das Orga-Team der SPD versäumt hat, wenigstens an dieser Stelle Beifall und Jubelstürme einzuspielen. Trockenschwimmen kann so bitter sein!

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