Das, was man da gerade im Saal S501 des Maximilianeums sieht und hört, mag nicht zusammenpassen. Man vernimmt die sonore Stimme des seit 2013 für die Grünen im Landtag sitzenden Abgeordneten Markus Ganserer, vor einem sitzt aber eine Frau. Tessa Ganserer steht auf dem Namensschild. Dabei hat alles seine Richtigkeit. Aus dem Abgeordneten Markus Ganserer ist die Abgeordnete Tessa Ganserer geworden. Zum Jahreswechsel hatte Ganserer öffentlich erklärt, dass sie transident lebt und fortan als Frau behandelt werden will.
Transidentität beschreibt ein natürliches, aber noch nicht gänzlich erforschtes Phänomen, bei dem die Geschlechtsidentität eines Menschen von dem bei der Geburt festgelegten körperlichen Geschlecht abweicht. Es handelt sich also um Menschen, die sich im falschen Körper fühlen. Geahnt, dass sie dazu gehört, hat Ganserer schon länger. Richtig bewusst geworden sei ihr das, als sie sich vor etwa zehn Jahren in einem Kleid ihrer Frau im Spiegel betrachtet habe. Passend und schlüssig habe sich das angefühlt. Was folgte, sei ein "ständiges Ringen" gewesen.
Ende 2018 sei der Leidensdruck so groß geworden, dass sie sich zum Outing entschieden habe. Es sei emotional nicht mehr zu ertragen gewesen, sich als Frau zu fühlen, aber als Mann zu leben. Deshalb auch die Pressekonferenz. "Das Leiden ist irgendwann so hart, dass man es nicht mehr aushält", sagt sie. "Irgendwann ist alles besser als dieser ständige Leidensdruck." Dabei ist Ganserer eine Feststellung wichtig: "Transidentität ist keine Krankheit, und es ist auch keine Modeerscheinung."
Ganserer weiß, dass ihr neuer Auftritt für die meisten Menschen "gewöhnungsbedürftig" ist. Nicht nur wegen der Äußerlichkeiten: Statt Stoppelbart und Halbglatze jetzt glatte Wangen und langes blondes Haar, statt Holzfällerhemd Bluse. "Ich mache das nicht zum Spaß und habe mir das auch nicht ausgesucht", betont Ganserer. Es sei einfach so, dass sie sich "definitiv als Frau" fühle. Sie sei "mit Leib und Seele Frau" und könne jetzt endlich den Menschen so gegenübertreten, wie sie sich fühle. Zum einen sei das eine Befreiung, zum anderen wisse sie um Vorbehalte. Wer trans- oder intersexuell sei oder sich weder als Mann noch als Frau ("non-binär") fühle, werde noch immer ausgegrenzt und diskriminiert, sagt Ganserer. Damit habe auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum "dritten Geschlecht" nichts geändert. Schlimm sei, dass Bayern als einziges Bundesland noch keinen Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie habe, dass es keine gezielten Informations- und Akzeptanzprogramme gebe. Nötig sei zudem eine Reform des Transsexuellengesetzes. Denn bevor sie amtlich ihren Namen und ihr Geschlecht ändern dürfe, müsse sie sich zweimal einer psychologischen Begutachtung unterziehen, klagt Ganserer. Das sei entwürdigend und aus ihrer Sicht auch verfassungswidrig. Wegen der Rechtslage bleibe sie auch als Frau auf Drucksachen des Landtags bis auf Weiteres der Markus Ganserer.
Wie viele Trans- und intersexuelle sowie non-binäre Menschen es gibt, ist wegen Abgrenzungsfragen und vieler damit verdeckt lebender Menschen unklar. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität geht bundesweit von etwa 700 000 Personen aus. Für Ganserer ist der Wert "irrelevant". Denn wie klein der Personenkreis auch sein möge, auch für diese Menschen würden die in der Verfassung geschützten Grundrechte gelten.















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