09.09.2020 - 16:59 Uhr
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Ein Führerschein auf dem Prüfstand

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Ein TV-Bericht zeigt, wie Betrüger Bescheinigungen für die neue Motorrad-Fahrerlaubnis B196 verkaufen. Illegal und ohne Fahrstunden. Alles nur Einzelfälle? Die Oberpfälzer Fahrlehrer jedenfalls sind alarmiert. Der Verband beschwichtigt.

Wer ohne ausreichende Erfahrung Motorrad fährt, der gefährdet sich selbst und den Straßenverkehr. Der Führerschein- Zusatz B196 steht im Verdacht, genau dem Vorschub zu leisten.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Die Fahrschul-Branche sieht ihren guten Ruf bedroht. Es sei ein Riesenbetrug, gefährde Menschenleben, heißt es von Seiten der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF). Auslöser der Unruhe ist ein Bericht des Fernsehsenders RTL. Reporter hatten in Nordrhein-Westfalen gleich mehrmals Betrüger erwischt, die eine Fahrerlaubnis für Motorräder gegen Bezahlung ausstellen. Fahrstunden? Null. Eine Prüfung? Nicht notwendig. Zwischen 500 und 700 Euro ging dafür über den Tisch. Der BVF spricht von organisierter Kriminalität.

Konkret geht es um die Bescheinigung B196 (siehe Info). Die gibt es erst seit Anfang des Jahres. Wer seit mindestens fünf Jahren einen Führerschein der Klasse B besitzt und über 25 Jahre alt ist, der kann diesen Zusatz erwerben. Dann darf er Leichtkrafträder mit bis zu 125 Kubikzentimetern Hubraum und 15 PS fahren. Einzige Bedingung sind vier Doppelstunden Theorie sowie fünf Fahrstunden à 90 Minuten. Danach obliegt es einzig dem Fahrlehrer, den Schein auszustellen. Eine Prüfung gibt es nicht, weder theoretisch noch praktisch. Vom Bundesverkehrsministerium hieß es im Dezember, man wolle so mehr Mobilität ermöglichen. Scheinbar haben aber auch Betrüger daran Gefallen gefunden. Durch den RTL-Bericht drang das Thema erstmals an die Öffentlichkeit.

"Brutale Gefährdung des Straßenverkehrs"

Heinz Barth, der eine Fahrschule in Amberg betreibt, hat den Bericht aufmerksam verfolgt. Überrascht ist er nicht. "Einen Motorrad-Führerschein ohne Prüfung anzubieten, geht aus meiner Sicht gar nicht." Die Gefahr, dass Fahrstunden einfach unter den Tisch fielen, sei viel zu groß. "Das ist eine brutale Gefährdung des Straßenverkehrs. Nur weil jemand schon fünf Jahre Auto fährt, kann der noch lange kein Motorrad steuern." Wenn es wenigstens eine offizielle Überprüfungsfahrt gäbe, jemanden vom TÜV, der mitfährt, sähe die Lage für Barth schon wieder anders aus. Das Argument, Fahrlehrer könnten den B196 ja verweigern und weitere Fahrstunden anordnen, lässt er nicht gelten. "Ich weiß nicht, ob Fahrschulen das wirklich machen."

Schnell wird klar: Die Fahrschulen sind verunsichert, sie misstrauen der Regelung. Warum gibt es die überhaupt? Gerade Motorradfahrer zählen doch zur verletzlichsten Spezies auf den Straßen. Wäre da eine Prüfung nicht umso wichtiger? "Wir verstehen das auch nicht so recht", gibt Matthias Kraft von der Fahrschule Stiftland in Mitterteich zu. "Aus meiner Sicht ist das eine Gesetzeslücke, die Menschen mit genügend krimineller Energie ausnutzen." Seine Befürchtung: Wer sich nur ein bisschen am PC zu helfen wisse, der könne so eine Bescheinigung sogar problemlos selbst erstellen. Was fehlt, ist ein Stempel.

"Dann fälschen die eben einen aus einem anderen Landkreis, die Zulassungsstellen kennen schließlich nicht jeden Fahrschul-Stempel in Bayern." Eine Bindung, die Fahrstunden in der eigenen Region zu absolvieren, die gebe es beim B196 nämlich nicht. "So wird das in den Recherchen von RTL auch gewesen sein", vermutet Kraft. Gefälschtes Dokument, fiktiver Stempel und dafür Geld verlangt. Dass dafür Fahrlehrer selbst verantwortlich sind, kann er sich nicht vorstellen. "Ich will mich am nächsten Tag schon noch im Spiegel anschauen können", sagt er. Eine Fahrerlaubnis an jemanden herauszugeben, der dafür nicht geeignet ist: für ihn ein absolutes No-Go.

Regionales Problem?

Jürgen Kopp verteidigt den Ruf seiner Branche ebenfalls vehement. Der Vorsitzende des Landesverbandes bayerischer Fahrlehrer sieht die von RTL gezeigten Betrüger eher als regionales Problem in Nordrhein-Westfalen. Dies sei in seinen Augen der fehlenden oder zu laschen Überwachung der Fahrschulen dort geschuldet. "Wir tragen Verantwortung für die Leute, die wir ausbilden. Der wollen wir auch gerecht werden", sagt er. Beim Schein B196 erhalte sein Verband sogar immer wieder Anrufe von Fahrlehrern, die sich unsicher sind, ob jemand schon für den Zusatz geeignet ist. "Es entscheidet doch der Fahrlehrer, er kann die Ausstellung verweigern."

Außerdem: Der B196 sei ja nicht die erste Bescheinigung, die auf diese Weise erworben werden kann, sagt Kopp. Stimmt. Für Anhänger gibt es den Zusatz B96 schon seit Jahren. Auch dafür ist lediglich eine Schulung nötig. Dass jedoch in Einzelfällen mit großer krimineller Energie Bescheinigungen gefälscht werden, so Kopp, das lasse sich weder beim "normalen" Führerschein noch beim B196 vollständig ausschließen. Er hofft aber inständig, dass die Betrugs-Masche regional bleibt. "Kein vernünftiger Fahrlehrer geht das Risiko ein, irgendetwas zu unterschreiben, das nicht ganz rechtens ist."

Der Weg zur Weidener Zulassungsstelle wird leichter

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Was steckt hinter B196?

Wer als Autofahrer auch mal mit dem Motorrad durch die Oberpfalz düsen möchte, der hat seit 1. Januar 2020 eine neue Möglichkeit. Die Bescheinigung B196. Dieser erlaubt es, Motorräder der Klasse A1 zu fahren – mit Einschränkungen.

  • Vier Theorie-Stunden und fünf Fahrstunden à 90 Minuten
  • Seit mindestens fünf Jahren in Besitz des Führerscheins Klasse B
  • Mindestalter: 25 Jahre
  • Keine Fahrprüfung notwendig
  • Leichtkrafträder mit bis zu 125 Kubikzentimetern Hubraum erlaubt
  • Keine Fahrerlaubnis im Ausland
  • Keine Möglichkeit, darüber die Motorrad-Führerscheine A2 oder A zu erwerben
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