12.11.2018 - 12:53 Uhr
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Melancholisches "Punk-Kasperl"

Vom Oberarzt zum Vollblut-Künstler: Die Biografie von Georg Ringsgwandl ist so ungewöhnlich wie erzählenswert. Der BR widmet dem Kardiologen und "Punk-Kasperl", der am Donnerstag seinen 70. Geburtstag feiert, eine dreiviertelstündige Doku.

Noch immer extravagant. Wenn Georg Ringsgwandl seiner Kunst nachgeht, schlüpft er – wie schon in jungen Jahren – in Frauenkleider und trägt Lippenstift auf. Bieder wollte der bald 70-Jährige auf der Bühne noch nie sein.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Wie surreal. Da schlüpft ein fast 70-Jähriger in ein lila Dirndl samt weißer Bluse, setzt sich einen Damenhut auf, steigt in den Staffelsee und musiziert mit der Blaskapelle Seehausen. Aber so ist er eben, der Georg Ringsgwandl. Selbst mit seinen 69 Jahren passt der Musiker und Kabarettist in keine Schublade. Er war schon immer auf der Bühne extravagant, oft über Grenzen hinweg provokant, hat aber auch eine melancholische Ader - und lebte stets für seine Kunst.

Dabei hätte sein Leben ganz anders verlaufen können. Ringsgwandl wächst in Bad Reichenhall in einfachen Verhältnissen auf. Später studiert er in Würzburg und Kiel Medizin, schafft es in Garmisch-Patenkirchen sogar bis zum Oberarzt. Mit 44 Jahren bekommt der Kardiologe sogar einen Chefarzt-Posten angeboten. Aber in Ringsgwandls Brust schlagen eben zwei Herzen. Schon mit acht Jahren lernt er Zither. Auch das Spielen von Posaune und Gitarre bringt er sich bei. Letzteres während eines achtmonatigen Sanatoriumsaufenthaltes wegen Lungentuberkulose. Als er Arzt ist, tritt er nach seinen Diensten auf der Bühne auf. Seine Texte schreibt der Künstler mitunter auf die Rückseite von EKG-Bögen. Als er schließlich besagten Chefarzt-Posten angeboten bekommt, trifft er eine bemerkenswerte Entscheidung.

"Absolut großer Mut"

Er verzichtet auf die Anstellung auf Lebenszeit und widmet sich ganz seiner Kunst. Trotz drei kleiner Kinder und 500 000 Mark Schulden. Wie die Dokumentation zeigt, fiel der Entschluss, als Ringsgwandl einen todkranken Mann behandelte, der von seinen Träumen und seiner Familie sprach - und von dem Ringsgwandl wusste, dass er bald sterben werde. Vor der Entscheidung für die Kunst und gegen die Arzt-Karriere zieht auch Regisseur Andreas Krieger, ein geborener Weidener, den Hut: "Dahinter steckt absolut großer Mut. Schließlich musste er sich als Künstler jedes Jahr aufs Neue beweisen. Ich habe größten Respekt davor." Deswegen stellen Krieger und sein Team bei der Doku auch Ringsgwandls Kunst in den Fokus. Auch, weil es bereits zwei Filme über den 69-Jährigen gibt, die vordergründig seine Biografie erzählen und dabei das nähre Umfeld zu Wort kommen lassen.

Ganz anders in "Vogelwild - Georg Ringsgwandl". Es sprechen Weggefährten, die durchaus das Werk des Künstlers schätzen, aber auch kritische Töne üben. Etwa Gitarrist Nick Woodland, der 20 Jahre mit Ringsgwandl spielte und sagt: "Ich erinnere mich an eine Probe, wo er einen Schauspieler wirklich absolut zur Sau gemacht hat, vor dem ganzen Team." Auch im Publikum guckt sich Ringsgwandl immer wieder Personen aus, die er heftig angeht. Ringsgwandl-Biograf Franz Kotteder erzählt in der Doku, dass er die Leute "regelrecht hergefotzt hat, also verbal, nicht körperlich." Kotteder sagt über den 69-Jährigen: "Er hält nicht allzu viel vom Menschen, findet aber, dass er seine Würde hat, und die sollte gewahrt werden. Auch wenn er auf der Bühne oft ganz anders umgegangen ist mit seinem Publikum."

Es gibt aber auch die Stimmen, die von Begeisterung zeugen. Stofferl Well etwa erinnert sich: "Ich dachte mir, das gibt es nicht. So was ungehobelt, lustig, nix scheißerts, fideles, pfiffiges, gescheids, ist mir ganz lang nicht untergekommen. Damals war ich 16." Das Auftreten Ringsgwandsl ist extravagant. Als "Punk-Kasperl" wird er in der Dokumentation bezeichnet. Und das trifft's ziemlich gut. Auf der Bühne schlüpft der Künstler in rote Strumpfhosen, trägt Lippenstift auf und springt wild herum. Ringsgwandl selbst sagt: "Ich dachte, nur einfach so bieder, wie man gerade ist, privat auf die Bühne zu gehen, so was möchte ich nicht sehen." Wenn, dann schon etwas Außerordentliches. Der Zuschauer sollte eine "abgehobene, maximal nicht alltägliche Figur" zu Gesicht bekommen.

Ausgeflippt und ruhig

Genau von dieser Figur zeugen die vielen Archivaufnahmen, durch die sich Regisseur Krieger gearbeitet hat: 70 Stunden Videomaterial und Hunderte Fotos. Krieger sagt über die Zusammenarbeit mit Ringsgwandl: "Normal wird man irgendwann müde vom Protagonisten." Bei dem 69-Jährigen sei das nicht der Fall gewesen. "Es war wie eine lange Autofahrt mit einem guten Kumpel und guter Musik - du kommst am Ende völlig aufgeladen aus dem Auto raus." Ein Vergleich, der auch gut auf den Film "Vogelwild - Georg Ringsgwandl" zutrifft. Die energiegeladenen Archivaufnahmen zeigen einen jungen, ausgeflippten Musiker auf der Bühne. Aus dem Off ist aber auch zu hören: "Er strahlt eine Robert-De-Niro-hafte Ruhe aus." Der Film arbeitet diese beiden Seiten hervorragend heraus. Eine Dokumentation, die vor allem dem Künstler Georg Ringsgwandl zu seinem 70. Geburtstag gerecht wird.

Im Interview für die Dokumentation „Vogelfrei – Georg Ringsgwandl“ präsentiert sich der Künstler reflektiert und melancholisch.

Es war wie eine lange Autofahrt mit einem guten Kumpel und guter Musik – du kommst am Ende völlig aufgeladen aus dem Auto raus.

Regisseur Andreas Krieger über die Arbeit mit Georg Ringsgwandl

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