Bayern
18.10.2019 - 22:24 Uhr

Söder erreicht den Kopf, aber nicht das Herz der CSU

Über 90 Prozent für Markus Söder, und doch: Die Herzen fliegen dem CSU-Vorsitzenden beim Parteitag in München nicht ohne weiteres zu. Das zeigt auch die kritische Wortmeldung eines 25-Jährigen JU-Funktionärs.

Markus Söder nach seiner Wiederwahl als CSU-Vrositzender Bild: Peter Kneffel/dpa
Markus Söder nach seiner Wiederwahl als CSU-Vrositzender

Es sind wohl auch solche Momente, deretwegen Markus Söder jahrzehntelang geackert und manchmal auch ein bisschen intrigiert hat. Da steht er jetzt allein auf der riesigen Bühne in der Olympiahalle, vor sich 735 Delegierte aus allen Teilen Bayerns, die sich für ihn erheben und stehend applaudieren. Söder wirkt wie einer, der es endlich geschafft hat, dass ihm seine CSU zujubelt, der sich bestätigt fühlt, genau hier oben an der richtigen Stelle zu sein.

Er weiß in diesem Augenblick noch nicht, dass bei der anschließenden Wahl zum CSU-Parteivorsitzenden 61 Delegierte gegen ihn stimmen und weitere 31 ihren Stimmzettel - aus welchen Gründen auch immer - ungültig machen. Der Grundtenor: Söder ist respektiert in der Partei, aber beliebt ist er trotz seiner mühsamen Wandlung vom ehrgeizigen Aufsteiger zum versöhnenden Staatsmann nicht überall. Sie latent in der Partei gegen ihn vorhandenen Vorbehalte sind längst nicht alle ausgeräumt. Er wolle sich des Amtes würdig erweisen, sagt Söder, er hat dafür jetzt zwei weitere Jahre Zeit.

Grünes Teufelszeug

Nun hat Söder der CSU seit seiner Wahl zum Parteichef im Januar einiges zugemutet. Dessen ist er sich auch bewusst. Er hat, um die in Scharen zu den Grünen übergelaufenen jungen und städtischen Wähler anzusprechen, das in der Partei vielfach als grünes Teufelszeug verachtete Volksbegehren "Rettet die Bienen" zu seinem Anliegen gemacht, er hat als Reaktion auf die Fridays-for-Future-Bewegung ein bayerisches Klimaschutzgesetz in Auftrag gegeben und die Flüchtlingspolitik zu einem Thema unter vielen degradiert.

Und jetzt kommt auch noch eine Parteireform mit Frauen- und Jugendquoten, mit einer digitalen Neuausrichtung der CSU unter Einstellung der traditionsreichen Parteizeitung "Bayernkurier" und einer Erhöhung des Mitgliedsbeitrages. "Wir müssen uns weiterentwickeln, wir dürfen nicht stehen bleiben", sagt Söder, und man weiß nicht, ob er damit für seinen Kurs wirbt oder ihn eher verteidigt. Das Reformtempo werde der CSU von außen aufgezwungen, man dürfe die Entwicklungen nicht verschlafen. "Ich bin fest überzeugt, so leicht gibt es kein Zurück in die gute alte Zeit", sagt Söder. Die CSU müsse in schwierigen Zeiten politische Führung zeigen. "Wir müssen Schrittmacher sein, nicht anderen hinterherlaufen."

Junger Kritiker

Nach ihrem Applaus für Söder haben sich die Delegierten gerade wieder hingesetzt, als Niklas Stadelmann ums Wort bittet. Bei dem 25-jährigen JU-Funktionär aus dem Landkreis Lichtenfels hat sich so einiges angestaut. Vom Slogan "Näher am Menschen", der nun wieder das CSU-Logo untermale, sei parteiintern nichts zu spüren. Die Parteireform jedenfalls habe eine vorwiegend mit Mandatsträgern besetzte Kommission ohne Rückkoppelung mit der Basis ausgearbeitet - ein Vorwurf, dem Generalsekretär Markus Blume umgehend widerspricht. Stadelmann aber lässt nicht locker.

Er redet der Trennung vom Amt und Mandat sowie der Amtszeitbegrenzung aller Mandatsträger das Wort. Nur so werde die Partei jünger und weiblicher, nicht durch Quoten. Und ihm fehlt die "Treue zu unseren eigenen Positionen". Die CSU unter Söder lasse sich zu viel von gesellschaftlichen Strömungen leiten. "Wir müssen aber die Menschen davon überzeugen, dass unser Kurs der richtige ist", erklärt Stadelmann unter schütterem, aber doch vernehmlichem Beifall.

Söder aber ist von seinem Kurs überzeugt. "Vor einem Jahr waren wir in der Existenzkrise", erinnert er an den Verlust der absoluten Mehrheit bei der Landtagswahl, "heute sind wir die Nummer 1 der Volksparteien in Deutschland." So viel kann ich also nicht falsch gemacht haben, will er damit wohl sagen. Doch sei alles noch "auf dünnem Eis", ein "zartes Pflänzchen", das erst heranwachse. Die CSU könne Bewahrer und Entdecker sein, "wir können Dirndl und Digitales, Sushi und Schweinebraten, Berlin und Bayerischer Wald". Wem sonst traue man das zu, fragt er. "Wir sind besser geworden, wir sind stark, aber wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen", fordert Söder die Seinen zum Mitmachen auf. Und: "Wir müssen wieder mehr in den Herzen der Menschen sein." Söders Aufgabe wird es sein, in Zukunft Herzen der eigenen Parteifreunde zu erobern.

 
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