12.09.2019 - 23:02 Uhr
BayernDeutschland & Welt

SPD will wieder Heimat der Weltverbesserer werden

Die SPD hat ein Führungsproblem. Das merkt man, wenn man die Empfehlungen an die Kandidaten um den Parteivorsitz liest: "Die Fotos sollen spontan, in lockerer Körperhaltung und nicht zu inszeniert wirken." Bei der Regionalkonferenz in Nürnberg befreiten sich einige der sieben Paarungen aus diesem Korsett.

Die Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz: (von links) Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, Dierk Hirschel und Hilde Mattheis, Ralf Stegner, Boris Pistorius und Petra Köpping, Christina Kampmann und Michael Roth, Olaf Scholz und Klara Geywitz, Karl Lauterbach und Nina Scheer nach der Regionalkonferenz in Nürnberg.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Ich bin nicht platt", muss Michael Roth seinem Mann zu Hause erklären, "da steckt ganz viel Energie drin." Nur so lässt sich wohl für die 15 Kandidaten der Marathonlauf bis zur Entscheidung ertragen: 23 Regionalkonferenzen, eine Mitgliederabstimmung, eine wahrscheinliche Stichwahl und die - nicht gewisse - Bestätigung durch einen Parteitag.

Siegerin ist die SPD

Die Parteimaschine lässt nichts unversucht, um diesen Gewaltakt möglichst adrett zu verkaufen: Deshalb bekamen die Bewerber die Gelegenheit, im Berliner Willy-Brandt-Haus Fotos und Videos zu produzieren. Im Merkblatt der Parteizentrale heißt es: „Der Look ist modern, lebendig und authentisch.“ Wer immer aus diesem Rennen als Sieger hervorgeht: Wer mehr Authentizität wagen will, sollte als erstes die Marketing-Abteilung feuern.

Nichts zu mäkeln hatte nach der Veranstaltung Uli Grötsch: „Ein absolut toller Abend“, findet der Generalsekretär der Bayern-SPD. „Meine Siegerin des Abends ist die SPD“, stimmt er in die euphorische Bewertung der meisten Besucher ein. „Das war hier auch die Sichtweise aller Teilnehmer, mit denen ich danach gesprochen habe“, sagt Grötsch zu Oberpfalzmedien.

Favoritensieg oder #herzundhaltung

In Nürnberg hatten die Bewerber vier Runden zu absolvieren: Einer fünfminütigen Vorstellung folgten Themengesprächsrunden, eine Sektion mit Publikumsfragen und eine Schlussrunde. Ob die Favoriten wie das Politpaar aus Vizekanzler Olaf Scholz und Klara Geywitz punkten konnten oder eher Außenseiter wie Michael Roth und Christina Kampmann? Der Applaus und kritische Fragen an Scholz sprechen eher für die Kampagne #herzundhaltung.

Eine Momentaufnahme sicherlich auch die Häufung der Fragen an einzelne Duos: Scholz und Geywitz, Stegner und Schwan, Scheer und Lauterbach dürfen häufig zum Mikrofon greifen. Das Sozi-Paar Hilde Mattheis und Dierk Hirschel oder Solist Karl Heinz Brunner freuen sich über jeden Brosamen.

  • Karl-Heinz Brunner: "Ich bin laut Heute-Show der, der kein Weibchen abbekommen hat", spaßt der Einzelkämpfer, der seine Bewerbung aber nicht als Jux sieht. "Wir brauchen wieder den Spaß, die Freude, Politik zu machen."
  • Nina Scheer und Karl Lauterbach: "Den Erhalt unserer Lebensgrundlagen", stellt Scheer in den Mittelpunkt ihrer Bewerbungsrede. Der Umstieg auf erneuerbare Energien sei die zentrale Gerechtigkeitsfrage. "Weniger als fünf Prozent trauen uns zu, dass wir die Partei sind, die für die Zukunft die besten Konzepte hat", ärgert sich Lauterbach. "Wir haben Konzepte, aber wir wissen auch, dass nichts davon jemals in der Groko umgesetzt wird."
  • Hilde Mattheis und Dierk Hirschel: Club-Fan Hirschel weiß, dass nicht nur sein Verein ab und an ein Depp ist: "Die SPD war auch ein Depp in den 2000er Jahren, als wir Politik gegen Arbeitnehmer gemacht haben - das darf nie wieder passieren." Deshalb empfiehlt auch seine Partnerin: "Wir müssen raus aus der Groko, damit man uns wieder sieht."
  • Christina Kampmann und Michael Roth: "Christina und Michael", eröffnet Kampmann, "manche sagen, das klingt wie ein Schlagerduo." Ein extrem motiviertes Team sei man. "Wir wollen Investitionen möglich machen." Auch durch ein Ende der schwarzen Null. "Wenn ihr uns wirklich wählt, dann traut ihr euch was", sagt Roth. "Wir sind die Jüngsten und wir treten an, um zu bleiben." Ex-Vorsitzende gebe es schon genug. "Wir sind ins Gelingen verliebt." Die SPD wollen die beiden wieder zur Heimat der Weltverbesserer machen.
  • Gesine Schwan und Ralf Stegner: Das älteste Paar will Vertrauen zurückgewinnen. "Begeisterung hat was mit Geist zu tun", philosophiert Schwan. "Nicht jammern, sondern Ärmel aufkrempeln", empfiehlt Stegner mit Tempo. "Die meisten kennen mich nur wegen meinem heiteren Gemüt", zeigt sich das Nordlicht selbstironisch. "Ich habe auch noch eine andere Seite." Zupacken lerne man auch an der Waterkant.
  • Petra Köpping und Boris Pistorius: "Man hört es, ich komme aus Sachsen", weshalb der Staatsministerin für Gleichstellung wichtig ist, in einem gemischten Ost-West-Doppel anzutreten. Und sie denkt Politik aus kommunaler Sicht: "Ich war die einzige sächsische Landrätin in 30 Jahren mit SPD-Parteibuch." Pistorius will einen Kontrapunkt zum Bundesinnenminister setzen: "Wir sind eines der Länder, die bis heute kein Ankerzentrum haben - und sind stolz darauf." Man stehe für eine andere Flüchtlingspolitik, für andere Innere Sicherheit als die CDU/CSU.
  • Olaf Scholz und Klara Geywitz: Die evangelische Christin aus Brandenburg will die SPD wieder so stark machen, dass es Mehrheiten jenseits der Groko auch im Bund gibt. "Die SPD muss dringend weiblicher werden", empfiehlt sie. "Ich bin nicht nur Bundesminister, sondern von Beruf Arbeitsrechtsanwalt", erinnert Scholz an eine Zeit vor der Politik. "Das hat mich zutiefst geprägt." Egal, woher jemand komme, was er gelernt habe: "Jeder verdient den gleichen Respekt."
  • Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans: Auf ihren Partner ist Esken wirklich stolz: "Er hat 7,2 Milliarden hinterzogene Euro ins Land zurückgeholt", freut sich die Schwarzwälderin. "Verteilungsfragen sind für uns zentral." Borjans werde, egal, wohin er komme, gefragt: "Wenn das so ein großer Erfolg war, warum machen wir nicht mal klare Kante bei der Finanztransaktionssteuer, bei der Besteuerung globaler Unternehmen?"
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.