18.09.2019 - 16:25 Uhr
BayreuthDeutschland & Welt

Fall Sophia: Richter zollt Familie Respekt

Vor dem Justizpalast Bayreuth stehen die Freunde. Aus Leipzig, Bamberg, Amberg. Über 50 junge Leute. Sie tragen T-Shirts. „Smash patriarchy“, unterlegt mit dem Porträt der lachenden Sophia Lösche.

Freunde von Sophia Lösche demonstrieren nach der Verhandlung. Sie fordern ein Ende patriarchaler Strukturen und Denkweisen, die letztlich Basis für den Mord an der Studentin waren.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Tatsächlich existiert kaum ein Foto, auf dem sie nicht lacht, auf dem sie nicht fröhlich wirkt. "Das ist wohl tatsächlich so, wie der Bruder es sagt", meint Vorsitzender Richter Bernhard Heim in seiner Urteilsbegründung. Diese ist ungewöhnlich. Aber es ist auch ein ungewöhnliches Hauptverfahren gewesen, so der Bayreuther Landgerichtsvizepräsident.

Sophia Lösche sei während der zehn Verhandlungstage allgegenwärtig gewesen. "Dieses Verfahren war stark geprägt von der Präsenz des Opfers." Eine Flut von Bildern durchzog die Akten. Die privaten Fahndungszettel. Die Überwachungsbilder der Raststätten. Sophia lacht darauf, gestikuliert lebhaft. Aus den Bildern sprudelt die Lebensfreude. Und dann die "harten Fotos", so Heim, vom Leichenfund in Spanien, von der Sektion der Leiche.

Er spricht Familien und Freunden Respekt aus. Sie waren seit Juli in großer Zahl im Gerichtssaal und hätten "das ganze Geschehen in bemerkenswerter Haltung ertragen". Heim dankt allen Verfahrensbeteiligten für ihr faires Verhalten. Ihm gegenüber sitzen die Eltern Lösche und der Bruder. Dahinter rund 30 Medienvertreter und rund 100 Zuhörer, die zusammenrücken müssen. Die Reihen sind bis auf die letzte Kante besetzt. Alle sind da: die beste Freundin Eva, Cousine Klara, der Ex-Freund Lukas. Sie haben damals die Suche angezettelt.

Die privat organisierte Suchaktion habe "bemerkenswerte Ergebnisse" erzielt und habe die polizeilichen Ermittlungen effektiv unterstützt, so Heim. "Dieses Engagement ist ausdrücklich anzuerkennen." Trotzdem sei der "pauschal erhobene Vorwurf eines Polizeiversagens auf der ganzen Linie" nicht gerechtfertigt. Fahndungsaufrufe über Facebook und direkte telefonische Kontakte ins Ausland seien Ermittlern nicht möglich.

Der erste polizeiliche Gesprächspartner habe die Situation anders beurteilt als die Familie. "Aus heutiger Sicht ist es für uns völlig nachvollziehbar, dass dem Vater Johannes Lösche von Anfang an klar war, dass etwas Schlimmes passiert sein muss." Aber - und das betont Heim: "Zum Zeitpunkt der ersten Kontaktaufnahme war Sophia aus unserer Überzeugung bereits tot."

Unter den Zuhörern sitzen die Kriminalbeamten der Ermittlungsgruppe der Kripo Bayreuth mit Leiter Dieter Biersack. An ihre Adresse richtet sich eine Anerkennung des Vorsitzenden. Sobald ermittelt wurde, wurde "mit Hochdruck und Akribie" gearbeitet. Ihre gründlichen Ergebnisse hätten dieses Urteil ermöglicht. Euro-Just half bei den Rechtshilfeangelegenheiten. "So einfach wie es scheint, ist es manchmal nicht."

Umzingelt: Sophias Bruder Andreas Lösche nach dem Urteil im Hof des Landgerichts.

Bruder und Vater hatten letzte Woche als Nebenkläger persönlich plädiert - ungewöhnlich, aber rechtlich möglich. Sie hatten sich vom Strafprozess mehr Wahrheitsfindung erhofft. Bis zuletzt bleiben aus ihrer Sicht zu viele blinde Stellen, in denen der Angeklagte nachweislich lügt. Der Strafprozess kann die letzte Gewissheit nicht bieten: "Es gibt zwei hehre Grundsätze der Strafprozessordnung", so Heim: "Es gibt keine Wahrheitsfindung um jeden Preis. Und niemand muss sich selbst belasten."

Der Angeklagte verfolgt die einstündige Urteilsbegründung, wie er schon den ganzen Prozess verfolgte. Er sitzt gebückt da, halb verdeckt vom Übersetzer und schaut kaum hoch. Am Ende spricht ihn der Landgerichtsvizepräsident direkt an: "Sie haben das schlimmste Verbrechen begangen, das unsere Strafprozessordnung vorsieht." Zeitlebens seien die Angehörigen und Freunde belastet. "Diesen Menschen wünschen wir, dass sie einen Weg finden, damit umzugehen, damit zurechtzukommen, dass Sophia Lösche nicht mehr unter uns ist und diesen Tod sterben musste. Diesen Verlust können Sie, Herr L., nie wieder gut machen."

Vorsitzender Richter Bernhard Heim verkündete um 10.02 Uhr das Urteil.

Es bleiben blinde Stellen

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