04.06.2018 - 10:53 Uhr
BruckDeutschland & Welt

Erdogans offene Flanke

Die Auslandstürken gelten als treue Gefolgschaft von Präsident Erdogan und dessen AKP. Vor den überraschend vorgezogenen Wahlen am 24. Juni wittert die Opposition ihre Chance und macht mobil. Auch
in Nordbayern.

In Bruck sammeln sich die Gegner Erdogans.
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Die türkische und die deutsche Flagge sind an diesem Abend im Meisl-Saal des Gasthofes zur Post in Bruck (Kreis Schwandorf) als Dekoration Pflicht. Ebenso das Konterfei von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk und eine Flagge mit sechs aufgefächerten Pfeilen auf rotem Grund. Das Parteiabzeichen der Cumhuriyet Halk Partisi (CHP, Republikanische Volkspartei) ist in hiesigen Gefilden bisher eine Rarität. Das soll anders werden.

Daran arbeitet derzeit ein Kreis um den Nürnberger CHP-Vorsitzenden Rifat Colak und Ramazan Tuncer, einen Feinkosthändler aus Steinberg am See (Kreis Schwandorf). Über soziale Netzwerke haben sie für den Mittwochabend rund 50 Landsleute mobilisiert, um Flagge gegen Recep Tayyip Erdogan zu zeigen. Sie kommen aus Regensburg und Weiden, dem Großraum Nürnberg oder dem Landkreis Schwandorf und wollen ein Präsidialsystem nach Erdogans Geschmack verhindern.

60 Prozent für AKP

In Deutschland haben bei den zurückliegenden Wahlen rund 60 Prozent der Türken AKP (Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei) gewählt. „Wenn wir es schaffen, dass das nur noch 50 Prozent sind, haben wir die Wahl gewonnen“, spekuliert Tuncer. Seinen Optimismus stützt der wahlberechtigte Türke mit deutschem Pass auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung in seinem Heimatland. Demnach gehe es offensichtlich mit der türkischen Lira abwärts, und die Geschlossenheit um Erdogan und seine Allmachtsfantasien bröckle.

Die AKP, erklärt Colak, könne nur noch durch ihr Wahlbündnis mit der rechts-nationalen MHP (Partei der Nationalistischen Bewegung) Mehrheiten sichern. Von der Rechten hätten sich jedoch liberalere Kräfte um Meral Aksener abgespalten und die IYI (Gute Partei) gegründet. Mit dieser jungen Partei und der SP (Glückseligkeitspartei) habe sich die CHP ihrerseits zu einem Wahlbündnis zusammengetan und könne nun der regierenden Mehrheit Paroli bieten.

Angesichts des andauernden Ausnahmezustands in der Türkei treten parlamentarische Mehrheiten jedoch in den Hintergrund. „Mich interessiert nur die Präsidentschaftswahl“, sagt deshalb Tuncer. Am 24. Juni finden beide Urnengänge statt. Es gelte, Erdogan in die Stichwahl zu zwingen. Dazu habe ihr Kandidat Muharrem Ince sehr wohl das Zeug, schwärmen die CHP-Anhänger. Von ganz unten habe er sich hoch gearbeitet. Tuncer spricht von einem „Parteisoldaten“ und meint offenbar, dass Ince das Wohl der Partei, und nicht sein eigenes am Herzen liege.

Der Wahlkampf-Slogan sei denkbar einfach. „Mein Kampf gilt der Türkei“, laute er frei übersetzt und sei dahingehend zu verstehen, dass alle Türken gemeint seien. Erdogan, auf dem Weg zum Despoten, könne das schon lange nicht mehr für sich und seine Politik in Anspruch nehmen, bekräftigen Tuncer und Colak. Wer Zehntausende verhaften lasse, aus dem Staatsdienst entlasse und um ihre berufliche Existenz bringe, wer willkürlich Oppositionelle einsperre und zu Terroristen erkläre, der mache keine Politik für alle Türken, sagen sie. Sie lassen Erdogan sein autokratischen Führungsstil schlichtweg auf die Füße fallen und machen ihn persönlich für alles und jedes, was in der Türkei schief läuft, persönlich verantwortlich.

Rund 85 000 Türken im Einzugsbereich des Generalkonsulats Nürnberg, das für Nordbayern zuständig ist, sind wahlberechtigt. Vom 7. bis 19. Juni können sie in einem Wahllokal in Cadolzburg (Kreis Fürth) abstimmen. Die CHP hat schon einen Bus ab Schwandorf gechartert, um ihren Anhängern die Stimmabgabe zu ermöglichen. Das nötige Geld haben sie als Spende untereinander eingesammelt.

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