10.12.2020 - 12:28 Uhr
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Corona rollt weiter durch Tschechien: Regierung zögert mit Verschärfungen

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Ausgerechnet mit der Beendigung des Lockdowns begannen die Covid-Fälle in Tschechien neuerlich zu wachsen. Die Regierung reagiert halbherzig und liest sich die Zahlen schön. Immerhin gibt sie noch kein grünes Licht für die Skipisten.

Mitglieder des Cirk La Putyka-Ensembles, verkleidet als Engel, Teufel und Nikolaus, treten in Prag auf. Die Corona-Welle rollt derweil weiter durch Tschechien. Und die Regierung zögert mit konsequenten Verschärfungen der Regeln.
von Autor SHJProfil

Ministerpräsident Andrej Babis und andere in der tschechischen Regierung hatten von Beginn an kein gutes Gefühl gehabt. Doch der Druck aus Handel und Gastgewerbe sowie aus dem Schulressort war so groß, dass das Kabinett vergangenen Donnerstag das Land aus dem sechswöchigen Lockdown holte. Geschäfte und Restaurants öffneten wieder, ebenso die Schulen. Die nächtliche Ausgangssperre wurde gleichfalls aufgehoben.

Unglücklicherweise begannen an genau jenem Donnerstag auch die Infektionsraten neuerlich zu steigen. Bis auf einem Tag am Wochenende, wo aber weniger getestet wird, gehen sie wieder hoch. Nicht übermäßig, aber stetig. Am Donnerstag meldeten die Behörden 6 402 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden - ein alarmierender Trend. Auch die Zahl der Patienten in den Kliniken erhöht sich. Insgesamt gab es bereits knapp 563 333 Infektionen. Und die Zahl der Toten seit Beginn der Epidemie hat nunmehr die Grenze von mehr als 9200 überschritten. Tschechien hat 10,7 Millionen Einwohner.

Nun hat zwar die Steigerung der Fallzahlen nichts ursächlich mit dem Ende des Lockdowns in der vergangenen Woche zu tun. Dessen Folgen werden erst zeitversetzt messbar. Die höheren Fallzahlen rühren eher von wachsender Nachlässigkeit beim Umgang mit dem Virus in den Tagen vor der Aufhebung der Schließungsmaßnahmen her. Dennoch: würde die Regierung ihr eigenes Benotungssystem ernst nehmen, dann ist die Lage wieder so schlecht, dass das Land neuerlich in den Dornröschenschlaf geschickt werden müsste.

Lokale dürfen weiter öffnen

Doch davor schreckt die Regierung bislang zurück, legt stattdessen das Benotungssystem lockerer als bisher aus. Statt beispielsweise die Restaurants und Bars wieder komplett zuzusperren, wie es eigentlich angezeigt wäre, kürzt sie lediglich deren Öffnungszeiten um zwei Stunden. Immerhin ergänzt sie diese Maßnahme um das Verbot, nach 20 Uhr Alkohol aus einem Fenster des jeweiligen Lokals auszuschenken. Pfiffige Wirte hatten im Interesse ihres Umsatzplans auch schon mal Wärmezelte vor ihren Kneipen aufgebaut, wo es dann auch nach Lokalschluss hoch herging. Die Zelte können nun wieder verschwinden: Alkohol in der Öffentlichkeit ist generell untersagt worden. Das bedeutet auch das Aus für Glühwein oder Grog auf den von manchen örtlichen Behörden gestatteten Weihnachtsmärkten.

Der Alkoholgenuss im Verein mit den Fallzahlen ist offenkundig auch der wichtigste Grund, weshalb die Regierung plötzlich wieder zögert, die Skiareale ab dem 18. Dezember zu öffnen, wie das vom Gesundheitsminister etwa vollmundig angekündigt worden war. Anders als etwa in Österreich, wo man nach dem Skifahren wieder heim muss, weil man schlichtweg nirgendwo übernachten kann, sind in Tschechien die Hotels offen. Doch die sind genau das Problem. "Es macht wenig Sinn, wenn es auf den Pisten klinisch rein zugeht und sich die Leute abends dann die Cocktails gemeinsam aus einem Eimer genehmigen", schrieb eine überregionale Zeitung.

Womöglich hängt das Zögern in Sachen Skipisten auch mit der Sorge vor Kritik aus dem Ausland zusammen. Schließlich könnten sich auch von dort Leute auf den Weg etwa ins Riesengebirge oder in den Böhmerwald machen. Wenngleich die mit einer Tagestour ein hohes Risiko eingehen würden. Touristische Ausflüge fallen nicht unter "dringende Gründe" zur Einreise nach Tschechien. Und als Ausländer ist man schon anhand des Autokennzeichens leicht zu erkennen. Touristische Reisen gehen nur mit einem Negativ-Test und einem ausgefüllten Einreiseformular. Ohne dies drohen 10 Tage Quarantäne.

Bis zu 120 000 Euro Bußgeld

Womit wir beim Thema Kontrollen und Strafen sind, dem heikelsten Thema überhaupt. "Ein großer Teil der Bevölkerung hat bis heute nicht begriffen, dass es keine Freiheit ohne Verantwortungsbewusstsein geben kann", formuliert ein Prager Dienstagszeitung. "Dabei müsse doch jedem klar sein, wie traurig es ist, dass der Staat den Restaurants die Öffnungszeiten kürzen und den Leuten das Trinken in der Öffentlichkeit verbieten muss", weil es anders nicht gehe.

Bislang wurde kaum kontrolliert, ob die Regeln eingehalten werden. Die wenigen verordneten Geldstrafen waren zudem lächerlich gering. Das soll sich ändern. Künftig können Polizei, örtliche Organe oder Kontrolleure der Gesundheitsämter den notorischen Regel-Ignoranten bis zu umgerechnet 2000 Euro abknöpfen, Firmen bis zu 120 000 Euro.

Was die tschechischen Regeln für Deutsche bedeuten

Prag
Hintergrund:

Corona-Notstand in Tschechien

  • Wie lange dauert der Notstand im Nachbarland?
    Das tschechische Parlament hat einer Verlängerung des Corona-Notstands bis einschließlich 23. Dezember zugestimmt.
  • Was bedeutet das?
    Der Notstand ermöglicht es der Regierung, Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit auszusetzen. Derzeit dürfen sich in Innenräumen bis zu zehn Personen treffen. Es gilt eine weitgehende Maskenpflicht.
  • Wir das akzeptiert?
    Es mehrt sich Widerstand: Manche Kneipenwirte drohen offen damit, die Sperrstunde um 20 Uhr zu missachten. Die Opposition kritisiert einen Teil der Maßnahmen als „absolut unsinnig“.
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