24.10.2021 - 16:30 Uhr
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Warum die Coronawerte gerade in Bayern so stark steigen

Die Corona-Infektionszahlen in Bayern steigen wieder rasant an. In den Krankenhäusern spitzt sich die Lage zu. In wenigen Wochen könnte die Corona-Ampel deshalb auf rot schalten.

Den Weg zur Impfung finden in Bayern weniger als anderswo. Auch das könnte ein Grund für die höheren Coronazahlen sein.
von Jürgen UmlauftProfil

Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) hat am Sonntag eine landesweite Sieben-Tages-Inzidenz von 173,1 gemeldet. Vor einer Woche lag der Wert noch 109 - eine Steigerung um 58,8 Prozent. Bei Ungeimpften gibt das Landesamt aktuell eine Inzidenz von knapp 300 an, bei Geimpften von 33,6.

Der Anstieg macht sich auch in den Krankenhäusern bemerkbar. Seit Einführung der "Krankenhaus-Ampel" im September hat sich zum Beispiel die Belegung der Intensivstationen mit Covid-19-Patienten auf derzeit 326 fast verdoppelt. Allein in der vergangenen Woche sind 65 neue Fälle dazugekommen, ein Plus von 25 Prozent. Auch wenn sich dank des Impffortschritts die Steigerungsraten bei Neuinfektionen und Intensivpatienten entkoppelt haben, könnte die "Krankenhaus-Ampel" mit Erreichen des Grenzwertes von 600 schon zu Beginn der Adventszeit auf rot stehen, sollte die aktuelle Dynamik anhalten. Die Folge wären wieder Kontaktbeschränkungen und eine FFP2-Maskenpflicht.

Herbsteffekt

Experten wie der Virologe Oliver Keppler von der Uni München sehen den Anstieg in erster Linie als jahreszeitlich bedingt. So steigt die Zahl der Infektionserkrankungen im Herbst immer an. Ein Grund dafür ist, dass sich die Aktivitäten der Menschen wegen der kalten Witterung wieder zunehmend ins Innere von Gebäuden verlagern, wo sich Infektionen schneller ausbreiten. Einen weiteren Beitrag könnte leisten, dass Beschäftigte wieder aus dem Homeoffice in die Büros zurückkehren. Aktuelle Zahlen dazu gibt es nicht, doch ein Blick in die öffentlichen Verkehrsmittel während der Stoßzeiten ist ein Indiz dafür. Busse und Bahnen sind da fast schon wieder so gut gefüllt wie vor Corona. Ein weiteres Problemfeld scheinen private Feiern zu sein, für die es außerhalb der Gastronomie keine Beschränkungen gibt.

Noch nicht erklärt ist damit aber, warum die Zahlen gerade in Bayern derart in die Höhe schießen. Mit der Inzidenz von 172,7 liegt Bayern bundesweit auf Rang drei hinter Thüringen (219,7) und Sachsen (178)sowie deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 106,3. Das LGL sieht dafür einen möglichen Zusammenhang mit den seit Mitte September verfügten Lockerungen von den Corona-Beschränkungen und der in Bayern unterdurchschnittliche Impfquote. Sie liegt aktuell bei 63,9 Prozent und damit deutlich hinter Ländern wie Schleswig-Holstein (70,9%) und Nordrhein-Westfalen (69,6%). Aus internationalen Erfahrungen wisse man, dass sich bei ungeimpften Personen schnell Infektionswellen aufbauen könnten, schreibt das LGL dazu.

Laxe Kontrollen

Hinter vorgehaltener Hand hört man aus Gesundheitskreisen zudem Klagen über eine unzureichende Kontrolle der 3G-Regeln in der Gastronomie und bei Veranstaltungen. In längst nicht allen Restaurants und Kneipen sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen werde der Geimpft-, Genesenen- oder Getestet-Status der Besucher konsequent abgefragt. Anders als zum Beispiel in Frankreich, wo noch im kleinsten Bistro jeder Kellner selbst im Freien per Handy-App den 3G-Status auf dem verpflichtend mitzuführenden "Pass Sanitaire" abfragt, bevor er die Bestellung aufnimmt, wird in Bayern der QR-Code oft nur flüchtig per Augenschein betrachtet. In Frankreich jedenfalls sind die Infektionszahlen seit Wochen auf einem niedrigeren Niveau als in Deutschland und vor allem Bayern. Ähnliches gilt für Italien mit seinem "Green Pass".

Leicht zu fälschen

Hinzu kommt, dass die Genesenen- und Getesteten-Zertifikate in Deutschland leicht zu fälschen sind. Wer sich mit Mitarbeitern von Testzentren unterhält, bekommt eine ganze Palette von Tricks erzählt, wie sich die Dokumente am heimischen Kopierer oder per Handy-App auch für Laien problemlos erstellen lassen. Auffliegen würden die Fälschungen leicht bei einer digitalen Kontrolle wie in Frankreich. Doch werde die in Bayern kaum angewandt. Stattdessen höre man viel zu oft ein augenzwinkerndes "Passt scho!".

Für die Überwachung der Einhaltung der 3G-Regel sind in Bayern die Landratsämter und kreisfreien Städte verantwortlich. Unterstützt werden sie von der Polizei. Nach Auskunft des Gesundheitsministeriums erfolgen die Kontrollen stichprobenartig oder nach Hinweisen aus der Bevölkerung. Auch gebe es Schwerpunktkontrollen. Genaue Zahlen nannte das Ministerium nicht. Dass die Zertifikate nicht fälschungssicher sind, räumt das Ministerium ein. Eine Umstellung auf rein digitale Bescheinigungen müsste auf Bundesebene entschieden werden. Man halte dies aber für weder "zielführend noch praxisgerecht", weil noch immer ein "nennenswerter Bevölkerungsteil" über kein Smartphone verfüge oder digitale Nachweise ablehne. Immerhin: Wer mit einem gefälschten Zertifikat erwischt wird, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen.

Weniger Impfungen

Zum Anstieg der Fallzahlen tragen in Bayern neben der vergleichsweise niedrigen Impfquote immer mehr so genannte "Impfdurchbrüche" bei. Nach Angaben des LGL wurden bislang gut 19 000 registriert - bei aktuell 8,4 Millionen vollständig Geimpften. Der Virologe Keppler sieht darin kein Scheitern der Impfkampagne, da eine vollständige Impfung auch weiterhin hochgradig vor schweren Krankheitsverläufen schütze. Bayernweit, so gab die Staatsregierung vor Kurzem bekannt, sind gut 96 Prozent der wegen Corona ins Krankenhaus eingewiesenen Personen nicht geimpft nicht. Auch auf den Intensivstationen geht die Quote der Ungeimpften in Richtung 100 Prozent.

Wie das LGL mitteilt, sind von Impfdurchbrüchen offenbar hauptsächlich ältere Personen betroffen. "Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass das Risiko eines Impfdurchbruchs mit dem Alter steigt, weil mit dem Alter die Ausbildung einer Immunität nach Impfung nachlässt", heißt es aus dem LGL. So begründet sich auch die Empfehlung der Ständigen Impfkommission an über 60-Jährige, nach sechs Monaten eine "Auffrischungsimpfung" vorzunehmen. Insgesamt, so das LGL, lägen aber noch zu wenig Erkenntnisse vor, um weitere Risikogruppen für Impfdurchbrüche auszumachen. Allerdings meldet das Robert-Koch-Institut, dass Impfdurchbrüche überproportional bei Personen auftreten, die mit dem Einmal-Impfstoff von Johnson&Johnson immunisiert sind. Auch für diesen Personenkreis wird eine Auffrischungsimpfung empfohlen. In Bayern haben diese bereits rund 210.000 Personen erhalten.

Booster wäre sinnvoll

Daten aus Israel und Großbritannien, die ihre Impfkampagnen früher starteten als Deutschland, legen nahe, dass die Schutzwirkung der Impfung mit der Zeit nachlässt. In beiden Ländern laufen deshalb allgemeine "Booster-Impfungen" zur Auffrischung nach sechs Monaten oder werden vorbereitet. Aus den vom LGL veröffentlichten Daten für Bayern lässt die mit der Zeit abnehmende Wirkung nicht unbedingt ablesen. Von den 19.000 dokumentierten Impfdurchbrüchen erfolgten 80 Prozent innerhalb der ersten fünf Monate nach der vollständigen Impfung. Allerdings betont das LGL, dass diese Zahlen wegen statistischer Unschärfen mit Vorsicht zu bewerten seien und noch einer detaillierten Aufarbeitung bedürften.

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