Es ist nicht überliefert, wie sich Horst Seehofer an dem Tag fühlt, an dem der Mann, den er über Jahre als seinen Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten und des CSU-Chef unbedingt verhindern wollte, nach der ganzen Macht greift. Markus Söder, der Nicht-Verhinderte, ist jedenfalls mit sich im Reinen. Nach Lage der Dinge wird er am 19. Januar auf einem Sonderparteitag zum CSU-Vorsitzenden gewählt. In der Doppelfunktion als Regierungs- und Parteichef steht er dann in einer Reihe mit seinem Vorbilder Franz Josef Strauß und seinem Förderer Edmund Stoiber. Das wird ihm viel bedeuten. Da lässt es sich hinnehmen, dass auch Horst Seehofer in dieser Ahnengalerie steht.
Zusätzliche Belastung
Für Söder ist die Kandidatur trotzdem "keine leichte Entscheidung". Sein Ehrgeiz war immer, Ministerpräsident zu werden, auf den CSU-Vorsitz war er nie sonderlich scharf. Er ist eine zusätzliche Belastung und vor allem mit den Wirren der Berliner Bühne verbunden. Er habe lange überlegt, bekennt Söder am Montag vor der Landespressekonferenz. Aber zum einen hätten ihn nach Seehofers Rückzugsankündigung vom Freitag "viele von der Basis und aus der Partei" zur Kandidatur aufgefordert, zum anderen hätten die möglichen Konkurrenten Manfred Weber und Alexander Dobrindt ihren Verzicht erklärt. "Irgendeiner muss ja dann die Verantwortung übernehmen", sagt Söder. Wirklich schwer gefallen dürfte ihm das nicht sein.
Zurück zu alter Stärke
"Ich stelle mich in den Dienst der Partei", beschwört Söder einmal mehr seine neue Lieblingstugend, die Demut. Die CSU sei eine "großartige Partei", er wolle nun daran arbeiten, "dass sie noch großartiger wird und vielleicht zu alter Stärke und Akzeptanz zurückfindet". Eine schwere Aufgabe sei das nach "turbulenten Jahren" mit mäßig erfolgreichen Wahlkämpfen und vielen internen Debatten.
"Die CSU möchte sich erneuern, sie möchte aber auch zur Ruhe kommen", glaubt Söder festgestellt zu haben. Es werde deshalb "so manches an Seelenarbeit" zu leisten sein, um in der Partei vieles und viele wieder miteinander zu versöhnen. Söder ahnt, dass er mit seiner Vorgeschichte als nie um eine Schlagzeile verlegener Kämpfer in eigener Sache auf Vorbehalte stößt, "aber das ist eine Form persönlicher Reifeleistung, die ich erbringen muss".
Inhaltlich will Söder die CSU als "bürgerliche Partei klar im Zentrum positionieren". Das sei Lehre und Auftrag aus den Verlusten bei der Bundes- und der Landtagswahl. "Unsere Wurzeln sind konservativ, liberal und sozial", betont er, alle drei Bereiche müssten gleich behandelt werden. Dazu komme, die Partei besser auf gesellschaftliche Veränderungen einzustellen. Das Gespräch mit Kirchen und Kulturschaffenden müsse wieder intensiviert werden, die Partei müsse jünger und weiblicher werden und auch offener für Menschen, die nach Bayern zugezogen seien. Und es brauche eine klare Abgrenzung zu "radikalen Kräften wie der AfD". Seine Vision sei, CSU und Bayern wieder zur Einheit werden zu lassen. Dann folgt Teil 2 der Lektion Demut. Die CSU auf die Erfolgsspur zurückzuführen, könne nur im Team gelingen. "Die Zeiten der One-Man-Shows sind vorbei", betont der früher als wandelnde One-Man-Show bekannte Politiker. Er will sich sogar bestmöglich mit Seehofer verständigen, den er unter Verweis auf "Stabilität und Kontinuität" weiter im Amt des Bundesinnenministers belassen möchte. "Da werden wir den richtigen Weg miteinander finden." Und überhaupt: Wie Seehofer seinen Rückzug vom Parteivorsitz verkündet habe, "das hatte Stil".
Diese Halbsätze
Man möchte Söder das alles gerne abnehmen, kämen nicht ein paar Halbsätze später einige verdeckte Spitzen, die sich unschwer auf Seehofer münzen lassen. Es geht da zum Beispiel um den vermasselten Europawahlkampf 2014, ausgeplauderte Inhalte von Vier-Augen-Gesprächen, das Zitieren aus vertraulichen SMS, den Dauerstreit mit der CDU und Söders Forderung, die CSU müsse wieder zum "Stabilitätsanker" der Großen Koalition werden. Aber konkret kein böses Wort über Seehofer. Bis zum 19. Januar muss Söders Kreidevorrat noch reichen, dann ist der Franke der mächtigste Mann im Freistaat. Und die Befindlichkeiten eines Horst Seehofer können ihn dann noch weniger kümmern als heute.













Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.