Amokfahrt von Trier: Schwer, den richtigen Ton zu treffen

Die Amokfahrt von Trier: fünf Tote, mindestens 24 Verletzte, von denen einige immer noch um ihr Leben ringen. Wie geht man mit so einem schrecklichen Ereignis journalistisch beispielhaft um?

Zum Gedenken an die Opfer der Amokfahrt kondolieren Bürger im Trierer Dom.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Das Unfassbare soll vier tödliche Minuten gedauert haben. Am ersten Dezembertag raste ein 51 Jahre alter Mann durch die Trierer Fußgängerzone und lenkte seinen Wagen nach bisherigen Erkenntnissen von Ermittlern wahllos, aber gezielt auf Passanten. Über diese Amokfahrt und alles, was mit ihr in Zusammenhang steht, zu berichten, das war für die Kollegen beim "Trierischen Volksfreund" eine Herausforderung. Sie arbeiteten - aus der Ferne betrachtet - bemerkenswert. Eine besondere Rolle nahm dabei Chefredakteur Thomas Roth ein.

Nicht alle Bilder gezeigt

Noch am Nachmittag des 1. Dezember erläuterte Roth den Lesern online, "über was wir berichten und über was nicht". So schrieb er unter anderem: "Nach Auskunft von Oberbürgermeister Wolfram Leibe handelte es sich um eine Amokfahrt. Und da alle Umstände, die uns bekannt sind, ebenfalls dafür sprechen, nennen wir diese auch genau so." Doch derzeit wisse die Redaktion nicht, was hinter der Tat steckt. Weil man das eben nicht wisse, unterstrich Roth, "vermeiden wir es zunächst, von einem Terrorakt zu sprechen. Wir versuchen, möglichst gesicherte Erkenntnisse weiterzugeben und trotz aller Neugier nicht zu stark zu spekulieren. Im Interesse der Opfer und aller Menschen, die gerade leiden."

Genau aus diesem Grund, teilte der Chefredakteur den Lesern mit, "zeigen wir ebenfalls nicht alle Bilder, die verfügbar sind. Wir wollen die Opfer nicht zur Schau stellen, zumal wir damit womöglich sogar die Wünsche eines Täters erfüllen." Was man aber zeige, sei ein Video, das mit großer Wahrscheinlichkeit die Festnahme des Mannes dokumentiere, der das Auto gefahren hat. Roth dazu: "Wir haben Kennzeichen gepixelt, und der Mann ist aus unserer Sicht nicht identifizierbar." Damit sei die Redaktion nach ihrer Auffassung "durchaus zurückhaltend vorgegangen".

Dennoch gebe es natürlich ein großes Interesse an einer ausführlichen Berichterstattung und journalistischer Einordnung. Dabei seien auch Bilder zu sehen, die die Verwüstung durch die Fahrt zeigen. "Dies halten wir für redaktionell angebracht, selbst in dieser traurigen Situation", erklärte Roth, dem folgende Worte wohl sehr wichtig waren: "Trotz aller journalistischen Abläufe, die in diesen schweren Stunden wie immer greifen müssen: In Gedanken sind wir bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir wünschen ihnen viel Kraft und allen Verletzten gute Besserung!"

"Haben uns sehr schwer getan"

In einem Leitartikel wandte sich Roth ein weiteres Mal direkt an die Leser: "Ich will an dieser Stelle einfach nicht über den Täter schreiben, obwohl es journalistisch angebracht ist, die Hintergründe aufzuklären und darüber zu berichten. Natürlich sehen wir dies als unsere Aufgabe an und wir erfüllen diese, selbst wenn es meinen Kolleginnen und Kollegen und mir selbst schwer fällt." Und weiter: "Mir ist es wichtig, Ihnen an dieser Stelle eines zu versichern: Wir werden nicht über haltlose Spekulationen berichten. Unser Auftrag ist es, selbst nach solch einem schrecklichen Tag sachlich zu informieren. Er ist es aber etwa nicht, jedes Bild zu veröffentlichen. Wir haben uns heute sehr schwer getan, die Fotos auszuwählen. Einerseits halten wir es für richtig, zu zeigen, welche Spuren die Tat hinterlassen hat. Andererseits gibt es Details, die nicht gezeigt werden müssen. Richtig und falsch - das gibt es gerade jetzt bei solchen Fragen nicht."

In einem Interview mit City Radio Trier 88,4 betonte Chefredakteur Roth nochmals, es sei der Redaktion immer darum gegangen, "nicht zu stark die Sicht des Täters einzunehmen". Auf die Frage, was bei der Berichterstattung über die Amokfahrt besonders herausfordernd gewesen sei, antwortete Roth: "Den Ton zu treffen, ist tatsächlich das Schwierigste gewesen."

Wie sehr sollte man ins Detail gehen?

Deutschland und die Welt
Hintergrund:

Pressekodex

  • Ziffer 11 – Sensationsberichterstattung, Jugendschutz

Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.

  • Richtlinie 11.1 – Unangemessene Darstellung

Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel herabgewürdigt wird. Dies ist besonders dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird. Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.

  • Richtlinie 11.2 – Berichterstattung über Gewalttaten

Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen. Sie unternimmt keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei. Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben.

  • Richtlinie 11.3 – Unglücksfälle und Katastrophen

Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.

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