04.10.2019 - 17:00 Uhr
EbermannsdorfDeutschland & Welt

Flächenfraß mit Augenmaß

Peter Zahn ist ein freundlicher Herr: Radikale Verbote liegen ihm nicht. Dennoch legt der Vorsitzende des BUND Naturschutz in Amberg-Sulzbach den Finger in die Wunde - mit einem Brief an den neogrünen Markus Söder. Er fordert Flächenfraß mit Augenmaß.

Kein Riesenmaulwurf hat diesen Haufen im Staatswald hinterlassen: Die erste der Wurzeln einiger Hektar Wald, wo die Gemeinde Ebermannsdorf vergeblich auf eine Ansiedlung Siemens hoffte. Peter Zahn, Chef des Bund Naturschutzes Amberg-Sulzbach fordert mehr Zurückhaltung beim Flächenverbrauch.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Vom Hügel in der Auffahrt zur B85 aus sieht der Einschlag für das geplante Gewebegebiet Schafhof IV durchaus beeindruckend aus. Große Häufchen aus Holz und Erde markieren die Stellen, wo die Wurzeln der Staatswaldbäume kürzlich gezogen wurden. Eigentlich sollte das hier ein neuer Siemens-Standort werden, aber der Weltkonzern hat es sich anders überlegt. Jetzt sucht die Gemeinde nach Ersatz.

Kein Kampf gegen 5G-Masten

Ersatz für den gerodeten Staatswald gibt es noch nicht, auch wenn das vorgeschrieben ist: "Eigentlich müssten vorher Ausgleichsflächen geschaffen werden", sagt Peter Zahn, "hier kann jedenfalls kein Moorfrosch mehr leben, das ist nur noch trockene Fläche." Der Naturschützer ist alles andere als ein Aktivist, der sich an einen Harvester ketten würde. Zahn ist Pragmatiker, der weiß, dass die Menschen heute weder auf den vierspurigen Ausbau der B85 verzichten wollen, noch auf Wohn- und Gewerbegebiete - noch dazu, wenn eine Rezession droht.

"Mir sagen manche Mitglieder manchmal, ich soll mich unbedingt gegen 5G-Masten einsetzen", erzählt er kopfschüttelnd, "und ich antworte ihnen: Sobald ihr eure Handys mal für einen Moment zur Seite legt." Der ganz normale Widerspruch zwischen Gewissen und Bequemlichkeit eben. Da will Zahn nicht mitmachen. Er will lediglich, dass Gesetze eingehalten werden: "Der schonende Umgang mit unserer Natur ist immerhin Verfassungsziel", verdeutlicht er. Und er will die Politiker beim Wort nehmen: "Die bayerische Staatsregierung hat sich selbst zur freiwilligen Einhaltung von 5 ha verpflichtet." Maximal 5 Hektar Fläche dürfte sie demnach täglich verbrauchen. "Bei aller Schwierigkeit, das genau zu berechnen, dürfte sie zurzeit das doppelte verbrauchen", meint Zahn. Deshalb hat er dem bayerischen Ministerpräsidenten in einem Brief geschildert, was allein in der mittleren und nördlichen Oberpfalz derzeit an wertvollem Boden und Wald vernichtet wird. Und ihn gefragt, wie sich das mit seinem hochtrabenden Klimazielen verträgt:

  • "Im Bereich der mittleren Oberpfalz sollen über 120 Hektar Staatswaldfläche für Gewerbeansiedlungen zerstört werden: GE Weiden West. GE Schafhof III, Betriebserweiterungen, Erweiterung GE Ebermannsdorf und Verkehrsübungsplatz Sulzbach-Rosenberg."
  • "Das Ziel, den Flächenverbrauch im Freistaat deutlich und dauerhaft zu senken, ist völlig aus dem Blick geraten."
  • "Der Freistaat kann nicht an die Kommunen appellieren ihren Flächenverbrauch zu reduzieren, und selbst ohne Begrenzung eigene Waldflächen für eine wirtschaftliche Nutzung veräußern."

Zahn fordert zur Suche nach einem Alternativstandort für einen Fahrübungsplatz der BePo auf, wenn er unabdingbar sei: "Dabei sollte man vorbelastete Flächen, bei denen keine wesentlichen Eingriffe in den Naturhaushalt erforderlich sind (ehemalige Gewerbegebiete, militärische Übungsplätze oder Altstraßen) besonders berücksichtigen."

Söders "Klimawald"

Mit der Antwort der Staatskanzlei (siehe Infokasten) ist Zahn überhaupt nicht zufrieden: "Die verweisen auf die kommunale Planungshoheit, gehen aber mit keinem Wort auf das Staatsziel Flächensparen ein."

Zahn will keineswegs zurück zur reinen Natur. Was der Naturschützer vermisst: Ein Bewusstsein dafür, erst einmal alle vorhandenen Leerstände effektiv zu nutzen und neue Ideen zu entwickeln, wie man wertvollen Boden spart: "Ich habe nichts gegen Gewerbegebiete, aber die müssen nicht im Wald entstehen, man kann Verwaltungsgebäude mehrstöckig anlegen, Parkplätze darunter." Und gerade ein Ministerpräsident, der den "Klimawald" als Ziel ausrufe, müsse da mit gutem Beispiel vorangehen.

Antworten der Staatskanzlei:

„Ein polizeilicher Fahrübungsplatz muss gewisse Mindestanforderungen erfüllen (Lage, Größe und Beschaffenheit), die der Grundstücksauswahl enge Grenzen setzen.“; „Auf eine flächenschonende Vorgehensweise wird von der bayerischen Staatsregierung großer Wert gelegt.“; „Die Reduzierung des Flächenverbrauchs ist der bayerischen Staatsregierung ein wesentliches Anliegen.“

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