Elektronik-Träumer

Warum dem wohl einflussreichsten E-Gitarristen aus Deutschland ausgerechnet mit seinem 1977 erschienenen Solo-Debüt "Flammende Herzen" der Durchbruch gelang, bleibt ihm selbst und vielen Musikkennern bis heute ein Rätsel der Pophistorie.

Ein Elektronik-Pionier: Michael Rother.
von Autor MFGProfil

Ehe Michael Rother 1977 gleich mit seinem Solo-Debüt "Flammende Herzen" kreativ wie kommerziell einen Riesen-Erfolg verbuchen konnte, war er zumindest in der Krautrock-Szene eine Konstante: Der heute 68jährige Hamburger hatte bereits bei den (frühen) Kraftwerk mitgewirkt, mit Klaus Dinger die Formation NEU! ins Leben gerufen, parallel dazu mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Rodelius unter Harmonia zwei Alben aufgenommen. Seitdem ist der Multi-Instrumentalist im Alleingang unterwegs, bevorzugt im haus-eigenen "Katzenmusik"-Studio zugange. Doch der eher introvertierte Zeitgenosse lässt sich immer mal wieder auf - gerne überraschende - Kooperationen ein, etwa mit den Red Hot Chili Peppers, Brian Eno oder auch Herbert Grönemeyer.

Gerade ist die umfassende Werkschau "Michael Rother - Solo" (Grönland Records) in den Handel gekommen, ein Box-Set bestehend aus fünf CDs. Darauf zu finden die wegweisenden ersten vier Werke der Jahre 1977 - 1982, die gerne mit dem Label "visionäre Elektronik-Romantik" deklariert werden. Dazu gesellen sich Live-Aufnahmen und Remixe sowie Soundtracks zu den Filmen "Houston" (2013) und "Die Räuber" (2015). Der zurückhaltende Hanseat darf zurecht stolz sein auf seine bisherige Biographie. Ist er auch.

ONETZ: Was für ein ein Gefühl ist es, diese Box in Händen zu halten?

Michael Rother: Ein sehr angenehmes, befriedigendes! Ich habe ja über Monate hinweg an diesem Ding gearbeitet. Und am Ende wurden die Aufnahmen nicht nur von mir gemastert, sondern auch mit neuen technischen Details versehen. Die Klangqualität ist schlicht besser als bei den Originalen. Vor allem auf den vier frühen Platten hört man das.

ONETZ: Teilen Sie die Ansicht vieler Hörer, Ihre Töne wären „unverkennbar“?

Das hoffe ich zumindest! (lacht) Die Welt mag sich auch ohne meinen Sound weiterdrehen. Aber ich weiß, ich habe für sie ein paar unsterbliche Klassiker komponiert. Das merke ich an dem Rückenwind, den meine Stücke bis heute haben, egal ob von einem jungen oder alten Publikum. Außerdem scheinen meine Klänge weltweit zu funktionieren. Eine große Freude.

ONETZ: Warum hat Ihre Solo-Musik von Beginn an Riesen-Resonanz bekommen, während die Scheiben von NEU! und Harmonia wenig Beachtung fanden?

Das ist mir ebenfalls bis heute ein Rätsel. Ich will diesen Umstand lieber nicht allzu sehr hinterfragen, wundere mich stattdessen. Vor allem aufgrund des Umstands, dass die Kompositionen meiner Bands nicht allzu unterschiedlich klingen wie die meiner Alleingänge. Als „Flammende Herzen“ derart durch die Decke ging, war ich regelrecht geschockt. Wobei NEU! sowie Harmonia Genugtuung erfahren haben – inzwischen sind ihre wenigen Aufnahmen Kult.

ONETZ: Neben all der herrlichen Melodien spielt auch der Rhythmus auf Ihren Frühwerken eine nicht unwesentliche Rolle …

Das liegt vor allem am Weltklasse-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, der mir stets zur Hand ging. Der leider vor zwei Jahren verstorbene Ex-CAN-Drummer hat die Beats schweben lassen. Gleichzeitig war sein Spiel von einer Präzision, dass ich gelegentlich – positiv – erschüttert war.

ONETZ: Macht es für Sie einen Unterschied, an eigenen Harmonien zu werkeln oder an einem Soundtrack?

Unbedingt! Meine Solo-Stücke mögen manchem Konsumenten wie „imaginäre Soundtracks“ vorkommen, weil sie viel Raum fürs Kopfkino lassen. Doch wenn ich zu einem „realen Film“ etwas beitrage, bin ich von den Anweisungen meiner Auftraggeber – also den Regisseuren – abhängig. Doch weil ich Kino liebe, die Atmosphäre eines guten Streifens, schätze ich diesen Nebenjob sehr. Meistens werde ich unter der Auflage gebucht, dass ich analoges Instrumentarium verwende.

ONETZ: Wie geht es kreativ weiter?

Ich spiele sehr gerne live. Und habe einige Konzert-Anfragen aus Europa, Asien und den USA. Ich schätze mal, die werde ich wahrnehmen. Eine tolle Aussicht für die nahe Zukunft.

www.michaelrother.de

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