20.12.2020 - 19:46 Uhr
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360-Grad-Führung durch Ausstellung: Was kommt nach den Zeitzeugen?

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Bald wird es niemanden mehr geben, der das Grauen der NS-Zeit selbst erlebt hat. Eine Ausstellung in Flossenbürg befasst sich mit der Frage: Was kommt nach den Zeitzeugen? Vor Ort lässt sie sich derzeit nicht besuchen – aber im Onetz.

Josef Jakubowicz, ein polnisch-deutscher Holocausüberlebender, 2011 in Flossenbürg. Er verstarb 2013.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Der Tag wird kommen, an dem es niemanden mehr gibt, der erlebt hat, was es heißt, KZ-Häftling gewesen zu sein. Was bedeutet das langsame Verschwinden der Zeitzeugen für eine Gesellschaft, deren wichtigster Bildungsauftrag es ist, den Holocaust nicht zu vergessen? Gehen die Erinnerungen an die Schrecken der NS-Zeit verloren?

Die Ausstellung "Ende der Zeitzeugenschaft?" in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg möchte die Frage "Was kommt danach?" etwas einordnen. Corona-bedingt ist die Ausstellung für Besucher derzeit jedoch geschlossen. Eine virtuelle 360-Grad-Führung von Oberpfalz-Medien bietet trotzdem exklusive Einblicke in die Geschichte der Zeitzeugen.

360 Grad Führung durch die Ausstellung

Das Verschwinden der Zeitzeugen kommt nicht unerwartet. "Für uns ist die Frage nach der Zukunft der Zeitzeugen biologisch unausweichlich", sagt Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg. Von denen, die das Konzentrationslager oder den Holocaust überlebt haben, sind viele seit mehreren Jahrzehnten verstorben. Was bleibt, sind Video- und Audioaufnahmen, die seit 1947 entstanden sind. "Dieses Material müssen wir neu in die Hand nehmen und neu anschauen", sagt Skriebeleit.

Die Überlebenden, die heute noch ihre persönlichen Geschichten erzählen können, haben die Verfolgung und die Lager als Kinder oder Jugendliche erlebt. Sie haben eine sehr eigene schreckliche Gewaltgeschichte. "Dadurch kann aber nur ein kleiner Ausschnitt präsentiert werden und nicht die Geschichte des Holocaust als Ganzes", erklärt Skriebeleit. Deshalb müsse immer geprüft werden, welchen Stellenwert die gesammelten Zeugnisse zukünftig einnehmen werden.

Heute existieren Hunderttausende aufgenommene Interviews mit Zeitzeugen. Keines gleicht dem anderen. Die Ausstellung zeigt exemplarische Video-Zeitzeugnisse aus dem Sammlungsbestand der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Dabei wird deutlich, dass die Erinnerung an den Nationalsozialismus erzählerisch unterschiedlichen Ausdruck findet. Zum Zeitpunkt, als es sehr viele Zeitzeugen des Holocausts gab, hat ihnen viele Jahre niemand zugehört. Viele Überlebende erzählen vor der Kamera ihre Geschichte zum ersten Mal. "Diese alten Interviews mit einer teilweise anderen Optik, zeigen die Menschen in ihren Brüchen und Verletzungen", sagt der Leiter der Gedenkstätte. Dabei entstehe ein ganz anderes Bild als bei den oftmals glattgeschliffenen Zeitzeugengesprächen der vergangenen Jahre.

Die Ausstellung in Flossenbürg arbeitet deshalb sehr bewusst mit älterem Video- und Audiomaterial. "Die Menschen waren in diesen Aufnahmen noch jünger, politischer und weniger versöhnlich", erklärt der Leiter der KZ-Gedenkstätte. Damals sei die Erfahrung des Terrors noch viel präsenter gewesen. "Durch diese Aufnahmen sind wir viel näher an der Unmittelbarkeit des nationalsozialistischen Massenmordes und des Zivilisationsbruchs." Für Skriebeleit liegt die Zukunft der Zeitzeugen deshalb in der Geschichte der Zeitzeugenschaft.

Fragezeichen bewusst verwendet

Jeder, der etwas über die Geschichte zu erzählen hat, ist ein Zeitzeuge. Es gibt Zeitzeugen des Mauerfalls, Wackersdorf-Zeitzeugen oder Zeitzeugen des Kniefalls von Warschau. Im Kontext von Flossenbürg sind Zeitzeugen ehemalige Häftlinge und Überlebende des Konzentrationslagers, die ihre Geschichte erzählen.

"Wir haben die Ausstellung bewusst nicht 'Ende der Zeitzeugen' genannt, sondern der Zeitzeugenschaft", sagt Skriebeleit. Er empfindet den Begriff Zeitzeuge als eher unpassend, da er auf so viel anwendbar ist. Der Begriff lege zudem eine pädagogische Erwartungshaltung an den Tag.

Die Zeitzeugenschaft sei nicht nur auf die Zeitzeugen, die Gewaltgeschichte erlebt haben, reduziert. "Das Fragezeichen haben wir bewusste verwendet, weil wir die These haben, dass Zeitzeugen präsenter sind denn je. Wenn auch immer mehr medial vermittelt", erklärt Skriebeleit.

Die Zukunft der Zeitzeugen

Die Ausstellung zeigt auch die Umsetzung eines Hologramm-Projekts. Die 3-D-Projektion einer Holocaust-Überlebenden antwortet einem Algorithmus folgend auf Fragen von Besuchern. So wird für die Zukunft ein Dialog mit Zeitzeugen simuliert.

"Technische Spielereien können aber nicht den unmittelbaren Kontakt mit Zeitzeugen ersetzen", sagt Skriebeleit. Die Kommunikation müsse in Zukunft entweder in Gruppen mit Bildungskontexten oder in den Familien der Überlebenden des Holocaust erfolgen.

Die Geschichte der NS-Verbrechen ist eine, die sich sehr tief in die Familien eingeschrieben hat. Dadurch, dass Überlebende lange nicht im engsten Familienkreis reden konnten, habe sich ihre Geschichte auf sehr unterschiedliche Art und Weise in den Familien weiter tradiert. "Deshalb lassen wir Enkel berichten, wie der Opa in der Familie war. Die können nicht die Geschichte des Opas erzählen. Aber sie können zum Beispiel erzählen, dass der Opa bestimmten Themen ausgewichen ist oder dass der Opa schräg war, weil er nie Brot weggeschmissen hat, obwohl es vertrocknet war", erklärt Skriebeleit. So gäbe es auch die Möglichkeit, weiterhin mit realen Personen zu kommunizieren. "Das ist dann aber die zweite oder dritte Ebene."

Nur brave Besucher in Flossenbürg

Flossenbürg
Info:

Exklusive 360 Grad Führung

Die Ausstellung "Ende der Zeitzeugenschaft?" ist coronabedingt momentan für Besucher geschlossen. Bei einer virtuellen 360 Grad Führung erlangen Sie exklusive Einblicke in die Ausstellung und erfahren mehr über die Geschichte der Zeitzeugen. Folgen Sie dem Link für die ganze Führung im Vollbildmodus: https://media.onetz.de/360/flossenbuerg/index.html

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