21.02.2020 - 17:32 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Bilderbuch aus dem Ghetto Theresienstadt: So lebt Tommys Geschichte weiter

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Die totale Zerstörung der Menschlichkeit verfolgten die Nazis in ihren Mordfabriken. Der Schauspieler Alexander Baginski gibt dem jüdischen Zeichner Bedrich Fritta mit seinem Figurentheater Pantaleon seine Würde zurück.

Akkordeonistin Maria Gafka (rechts) und Alexander Baginski mit dem von seiner Frau nachgemalten Bilderbuch für Tommy.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Hilft das Stück gegen Rassismus heute?", will eine Neuntklässlerin nach der 70-minütigen Aufführung wissen. Es dauert einige Zeit, bis sich die erste traut. "Wir haben Fragen vorbereitet", erklärt Klassenlehrerin Birgit Zimmermann die Stille, "aber jetzt müssen sie das erst mal sacken lassen."

"Alles gut", beruhigt Alexander Baginski, hier zählt kein Leistungsdruck. Einstweilen erzählt der Puppenspieler von seinem Bezug zum Stück, das vom versteckten Bilderbuch handelt, das der tschechische Künstler als Vermächtnis für seinen dreijährigen Sohn Tomás in Theresienstadt malte. "Es kann ein Baustein sein, Menschen zum Nachdenken zu bewegen", ist er vorsichtig, "es gibt wieder viel Antisemitismus leider auch an Schulen." Das Leitmotiv bei der Bearbeitung des Stoffes zusammen mit Regisseur Joan Toma aus Siebenbürgen sei gewesen, den Humanismus, den einzigartigen jüdischen Humor Frittas inmitten des Lagergrauens zum Leben zu erwecken.

Ein ausgemaltes Leben

Der Vater, von Tommy Bedudu genannt, malt seinem Kind ein Leben jenseits der Mauer, eine zutiefst menschliche Sicht auf die Welt und eine Zukunft aus, die Tommy, tatsächlich erleben sollte. Wenn auch zeitlebens gejagt von schrecklichen Bildern, in denen die "schreienden Männer mit den Stiefeln" ein menschenverachtendes Regiment führen. Das Einmannstück mit der einfühlsamen Akkordeonbegleitung durch die Musikstudentin Maria Gafka erweckt die Frittas nicht nur für die Schüler zum Leben: "Im Namen der Familie Tomás Fritta-Haas", schreibt dessen Sohn David Haas ins Gästebuch, "ihr habt unseren geliebten Vater wieder lebendig gemacht und Großvater Bedudu seine Würde wieder gegeben. Danke dafür, David Haas."

Das gelingt Baginski mit einem rührenden Dialog der beiden, bei dem Bedrich seinen Kleinen auf engstem Raum in der Fantasie mit auf eine Reise um die Welt nimmt - und im Vorbeigehen den Rassenwahn der Nazis spielerisch zertrümmert. "Es gibt viele verschiedene Menschen da draußen, es gibt welche, die sind ganz schwarz, von oben bis unten. Die wohnen in Afrika. Die essen Kokosnüsse und Bananen. Dann gibt es Menschen, die wohnen, wo es eiskalt ist, wo die Spucke gefriert, bis sie unten ist. Die essen Walfische, einer reicht für ein Dorf ein halbes Jahr.

Und dann gibt es auch noch Menschen, zu denen sagt man Rothäute, das sind sehr tapfere Krieger, die tragen Adlerfedern und essen Büffel und Bären." - "Das will ich auch, wenn ich groß bin." - "Du wirst der tapferste von allen." Der Höhepunkt der Reise, wie könnte es für einen Tschechen anders sein, ist natürlich Prag: "Da bist du geboren, da wanderst du durch die Gassen zur Moldau, über die Karlsbrücke zum Hradschin hoch, dann schaust du runter, wenn die Sonne scheint und die Dächer von Prag ganz golden leuchten, das ist sooo schön."

Puppenspieler Alexander Baginski im spielerischen Vater-Sohn-Dialog.

Blumenwiesen hinter Mauern

Blumenwiesen mit Schmetterlingen, Märkte mit köstlichen Speisen erschafft der Vater für den Sohn, alles, was das Lagerleben ihnen vorenthält. Und er erklärt kindgerecht die Demütigungen der selbst ernannten Herrenmenschen: "Da war ein schönes Stück Stoff übrig und ich sagte zum Verwalter, du bist mir noch einen Gefallen schuldig. Der ist aber ein ganz berühmter Schneider und da hat er mir diese Jacke gemacht nur mit Augenmaß. Und weil sie so schön wurde wollten alle eine." - "Und der Stern, so einen will ich auch!" - "Den brauchen nur Erwachsene. Wenn ihr Stern am Firmament langsam verblasst."

In scharfem Kontrast dazu das Verhör Frittas durch den zynischen Lagerkommandanten. Die Nazis wollten der Welt eine Stadt vorführen, die Hitler den Juden geschenkt hätte. Ein potemkinsches Dorf mit Cafés und Springbrunnen, eine Kulisse für den Besuch des Internationalen Roten Kreuzes. Als die Aufseher anstatt der geforderten Propagandaentwürfe realistische Zeichnungen des Grauens fanden, beschuldigten sie Fritta und die 25 anderen Künstler der Zeichenschule eines Komplotts. Selbst hinter den Skizzen zum Bilderbuch für Tommy witterten sie Verrat. "Ich habe ihre Fahrkarte nach Osten schon. Eine? Viele. Ein Betriebsausflug der Zeichenschule wird das."

Tod in Auschwitz

Nach drei Monaten in den Zellen der Kleinen Festung wurde Bedrich Fritta zusammen mit Leo Haas am 26. Oktober 1944 ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er am 8. November 1944 umkam. Seine Frau starb in der Kerkerhaft der Kleinen Festung wenig später. Tomás überlebte und wurde 1945 von Leo Haas und seiner Frau Erna adoptiert.

"Tommy war in Amerika, Israel, Tschechien, nirgends kam er zu Ruhe", resümiert Baginski. "Paradoxerweise erst in Mannheim, wo er 2016 starb."

Katharina Eckl (von links), Rosa Lilliu, Marita Zimmermann und Tim Feiler vom Augustinus-Gymnasium.
Schüler schildern ihre Eindrücke:

"Wer rechts wählt, ist festgefahren"

Nach der gutbesuchten Flossenbürger Premiere des Stücks „Wenn du einmal groß bist“ führte Alexander Baginskis Figurentheater die Tragödie um den jüdischen Zeichner Bedrich Fritta und dessen Sohn Tommy vor Schülern des Weidener Augustinus-Gymnasiums auf. „Wir haben uns im Geschichtsunterricht darauf vorbereitet“, sagt Katharina Eckl. „Wenn man es sieht, ist es noch mal was anderes.“ Klassenkameradin Rosa Lilliu ergänzt: „Wenn man sich vorstellt, wie brutal die Familie getrennt wird.“ Es sei nicht nur ein Schauspiel: „Man weiß, dass da eine wahre Geschichte erzählt wird“, sagt Tim Feiler. Dass das Stück Antisemiten berührt, glaubt Marita Zimmermann nicht: „Die meisten, die rechts wählen, sind festgefahren.“ Allenfalls könne man noch Mitläufer erreichen. Lehrerin Birgit Zimmermann resümiert dennoch: „Es war beeindruckend zu erleben, wie das Schicksal von Tommy und Bidudu zum Leben erweckt wird.“

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