14.04.2020 - 09:35 Uhr
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Coronakrise: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg verlagert Erinnerungskultur ins Netz

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Der 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Flossenbürg am 23. April 1945 steht vor der Haustür. Ende April hätte daher die größte Veranstaltung stattfinden sollen, die in der KZ-Gedenkstätte je über die Bühne gegangen ist. Dann kam Corona.

Ein langer Zug ins Tal des Todes zur Kranzniederlegung kennzeichnet seit Jahren den Sonntag des letzten oder vorletzten April-Wochenendes in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Das Coronavirus verhindert dies 2020. Doch ein alternatives Format des Gedenkens gewinnt gerade immer mehr Zuspruch.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

"Aus Verantwortung gegenüber den vielen Älteren unter unseren Gästen und gegenüber der Region haben wir das diesjährige Treffen der Überlebenden und ihrer Angehörigen bereits Anfang März abgesagt", erklärt Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit. Um das Datum nicht spurlos vorbeiwehen zu lassen, entwickelten er und sein Team eine neue Idee. Dazu später mehr.

Die Viruskrise erwischte Skriebeleit und seine Mannschaft kalt - mitten in den Vorbereitungen für ein Treffen, das zum symbolträchtigen Jahr 75 seit Ende der Nazidiktatur seine Botschaft besonders kraftvoll hätte aussenden sollen. Dazu können klangvolle Namen nicht schaden. Eine Auswahl: Markus Söder, Albert Füracker, Entwicklungshilfeminister Gerd Müller, Vertreter des Audi-Vorstands, Ungarns Minister für Holocaustfragen sowie Vernon Schmidt, ein früherer US-Soldat, der bei der Befreiung dabei war. Sie alle hatten sich angesagt.

Ferner raunt man in Flossenbürg von US-Vizepräsident Mike Pence, der sich als Bewunderer Dietrich Bonhoeffers für den Ort interessiert. Allein wegen ihm hätten die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Grenzgemeinde stärker denn je hochgefahren werden müssen.

Stornieren und absagen

Für die Teilnehmer aus aller Welt hatte die Gedenkstätte bereits ein 1000-Mann-Zelt organisiert und jedes freie Hotel- und Pensionsbett in der weiteren Umgebung gebucht. Doch plötzlich galt: volle Kraft zurück. Stornieren und abbestellen, ohne dass einer Seite zusätzliche Kosten entstehen.

Parallel dazu kurbelt die Gedenkstätte ein Alternativprogramm an, das würdig und aussagekräftig sein soll. Die Digitalisierung macht's möglich. Die Mitarbeiter schreiben zurzeit Tausende Menschen an, die sich Ende April zum Besuch angekündigt hatten. Sie bittet sie um ein Foto, ein kurzes Video, eine Audiodatei oder einen Textbeitrag. Das Thema: Was bedeuten die alljährliche Begegnung und der Gedenkort Flossenbürg für Sie?

Die Ergebnisse werden auf der Homepage der Gedenkstätte am 23. April freigeschaltet. "Wir wollen keine Sammlung von Gedenkreden. Es sollen sehr persönliche Beiträge sein, die den besonderen Charakter unserer Treffen unterstreichen", sagt Skriebeleit. Freilich: Ganz ohne Offizielles geht es nicht. Die Flossenbürger freuen sich, dass Ministerpräsident Söder gleich zugesagt hat, seine geplante Ansprache virtuell zur Verfügung zu stellen.

Das Persönliche. Diesem Ziel kommen geplante Beiträge wie der von Yurij Shepatov aus St. Petersburg ganz nahe. Er ist Sohn eines Sowjetgenerals, der im KZ erschossen wurde. Shepatov hat ein Lied namens "Flossenbürg" gedichtet. Oder Dudok Onufrij, ein Überlebender aus der Ukraine. Er gab dem Fernsehen seines Landes im Januar ein Interview, in dem er freudig eine Einladung nach Flossenbürg und seine Häftlingsjacke präsentierte. Die Jacke kann er der Gedenkstätte nun nicht persönlich übergeben. "Aber wir wollen diesen Mitschnitt", erklärt Skriebeleit. "Es sieht so aus, als ob wir viel mehr Beiträge kriegen als wir zeigen können", freut und sorgt sich der Gedenkstättenleiter zugleich.

Symbolhaftes Datum mit Zugkraft

75 Jahre danach heißt, dass die Geschehnisse sich immer weiter entfernen. Doch die Symbolik der Zahl entfaltet eine eigene Dynamik, spürt Skriebeleit. "Bis aus Australien melden sich bei uns Angehörige, die wir bislang nicht kannten. Die hatten alle schon mit dem Gedanken gespielt, mal zu uns zu kommen oder uns zu kontaktieren. Der 75. Jahrestag ist nun für viele der Anlass dazu."

Schade daher, dass die persönlichen Begegnungen ins Netz ausweichen müssen. Jeder denkbare Ersatztermin noch heuer in Flossenbürg habe zu viele Nachteile, erklärt Skriebeleit. Genauso sieht man dies in der Gedenkstätte Dachau. Dafür fallen an beiden Orten die Gedenkakte 2021 wohl etwas üppiger aus.

Die zwischenmenschliche Komponente der Erinnerungskultur hält in der Zwischenzeit ausgerechnet das Internet hoch. Jenes Medium, dem Bild-Kolumnist Franz-Josef Wagner bescheinigt, uns zu "leblosen Puppen und synthetischen Produkten" zu machen.

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