15.03.2019 - 11:49 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Digitale Spurensuche

Schon räumlich trennen die Fachbereiche IT und Geschichte an den meisten Universitäten Welten. Inhaltlich sowieso. Neue Projekte in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg führen beide nun zusammen. Erste Ergebnisse deuten auf Bahnbrechendes hin.

Johannes Ibel, Elisabeth-Singer-Brehm, Katharina Winter und Praktikantin Annika Scharnagl (von links) gleichen Tausende von Quellen ab, um bislang unbekannte Häftlingsschicksale aufzuklären. Dabei bedienen sich die Wissenschaftler der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg modernster Informationstechnik.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Stanisław Banaszek aus Lublin ist so ein Fall. Von seinem Schicksal war bislang wenig bekannt: Er kommt Ende März 1943 in einem Transport mit 1000 anderen Häftlingen vom Konzentrationslager Majdanek nach Flossenbürg. Die Gruppe wurde in der Oberpfalz gar nicht registriert, weil sie hier nur für einige Wochen in Quarantäne bleiben sollte. Dann sollten die Gefangenen in andere Lager. Mindestens 300 sterben aber bereits bis Mitte Mai 1943 in Flossenbürg.

Die 470 arbeitsfähigsten werden am 22. Mai 1943 weiter ins Konzentrationslager Groß-Rosen in Schlesien gebracht. Einer davon ist Stanisław Banaszek. In Groß-Rosen ist er bis Juni 1944, dann wird er ins KZ Sachsenhausen überstellt. Danach verliert sich seine Spur. Das ändert sich nun.

Über die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ist jetzt ans Licht gekommen, dass es für Banaszek nach vier Wochen weitergeht in ein Außenlager des KZ Buchenwald, das Arbeitskräfte für die Maschinenfabrik Erla liefert. Wiederum zwei Monate später heißt die nächste Station Mülsen St. Micheln, ein Außenlager von Flossenbürg bei Zwickau, dessen Häftlinge ebenfalls für Erla schuften müssen. Das überlebt Banaszek nicht. Er stirbt am 12. April 1945.

Viele solcher Zwangsarbeiter-Odysseen lagen bislang im Dunkeln. Die historische Abteilung der Gedenkstätte um Leiter Johannes Ibel sowie Elisabeth Singer-Brehm und Katharina Winter hat das Know-how, solche Einzelschicksale aufzuklären. Die Aufträge dazu kommen von höchster ministerieller und zum Teil diplomatischer Ebene.

Grundlage ist die einmalige Online-Datenbank der Flossenbürger namens "Memorial Archives" (MemArc), die maßgeblich Johannes Ibel entwickelt hat. Sie existiert seit 2013 und hat pro Jahr über 10 000 Besuche und eine Million Aufrufe. "Entscheidend ist, dass wir Besuchern Redakteursstatus geben können. Das heißt, dass Experten von kooperierenden Einrichtungen weltweit Beiträge editieren können, wenn sie neue Erkenntnisse haben - und das in 14 Sprachen", erklärt Ibel. Es klingt flapsig, de facto handelt es sich aber um eine Art Häftlings-Wiki.

Flotter forschen

Inhalte und Quellen sind dort aufs Genaueste miteinander verknüpft. Das spart den Gedenkstätten-Mitarbeitern viel Arbeit. Zwei Beispiele: Ein Student bereitet ein Referat über die KZ-Außenlager bei Würzburg vor. Über einen Account wird er freigeschaltet und hat dann per Mausklick sofort Zugang zu allen Unterlagen, die dazu in Flossenbürg lagern.

Oder: Ein Doktorand forscht zum Schicksal tschechischer Kriegsgefangener. Auf einen Blick erhält er für Flossenbürg und seine Außenlager Namen, Anzahl, Herkunftsorte, Ankunftsdaten, Häftlingsnummern etc. "Früher mussten wir immer warten, bis wir mal wieder einen Praktikanten hatten, der das dann wochenlang zusammengesucht hat", blickt Ibel zurück. Bedenkt man, dass die Gedenkstätte jedes Jahr etwa 700 Anfragen erreichen, kann man sich die Vorteile von MemArc ausmalen. Teile davon sollen ab dem Sommer über die Website der Gedenkstätte offen zugänglich gemacht werden.

Solche Transportnachweise lagern zigtausendfach in der Online-Datenbank „Memorial Archives“ der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Diesen hier hat Hans Harbauer, Weidens NSDAP-Oberbürgermeister zwischen 1933 und 1945, selbst unterzeichnet. Häftlingstransporte sind ein Teil der Geschichte des Nationalsozialismus, der noch nicht besonders gut erforscht ist. Um das zu ändern, laufen in Flossenbürg zwei internationale Projekte.

Ibel ist zweiter Vorsitzender der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Geschichte und EDV. Ähnlich technikaffin und in slawischen Sprachen bewandert sind seine Mitarbeiterinnen Elisabeth Singer-Brehm und Katharina Winter. Solche Kompetenz ist in dieser Kombination selten. Das hat sich herumgesprochen und der Gedenkstätte zwei Projekte beschert, die sie als hohe Auszeichnung betrachten darf. Zum einen ist es die Erforschung von Gefangenentransporten aus Polen in das bayerische KZ-System um Flossenbürg und Dachau. Dahinter verbergen sich rund 70 000 Häftlingsbiografien. Das Projekt ist angelegt von 2018 bis 2020. Eine Kooperationspartnerin ist die Gedenkstätte Auschwitz.

Mit angestoßen hat dies die bayerische Staatsregierung. Markus Söder, zum damaligen Zeitpunkt Finanzminister, gab dafür eine halbe Million Euro frei. Damit entstanden neue Stellen für Wissenschaftler, eine davon in Flossenbürg. Der Auftrag dahinter ist umfangreich: Wie verliefen die Transportwege nach Bayern? Wer saß in den Zügen? Wie lange waren die Gefangenen unterwegs? Wo wurden sie zur Zwangsarbeit eingesetzt? Warum wurden einige exekutiert? Das ist beileibe nicht nur für Historiker interessant, sondern hilft Angehörigen, mehr über das Los ihrer Verwandten zu erfahren - siehe Stanisław Banaszek.

Häftlinge gut erkennbar

In der NS-Zeit mussten wöchentlich Häftlinge am Weidener Bahnhof in einen Gefangenentransporter oder den Zug nach Flossenbürg umsteigen. War der Anschluss nicht gleich gegeben, waren sie vorübergehend mitten in der Stadt in Haft. "Die Gefangenen waren also jahrelang sichtbar", erklärt Elisabeth Singer-Brehm. Die Nazis machten sich gar keine große Mühe, ihre für Flossenbürg bestimmten Zwangsarbeiter zu verstecken. "Bis 1943 wurden kleinere Gruppen in regulären D-, Eil- und Urlauberzügen transportiert", sagt Singer-Brehm. Ein Ergebnis aus den Forschungen lässt schon jetzt aufhorchen. Die Transporte waren teilweise wochenlang in mehreren Ländern unterwegs, weil mal hier ein Lagerkommandant Nachschub anforderte, dort dringend die Ernte eingebracht werden musste und an einem dritten Ort ein Rüstungshersteller jede Hand gebrauchen konnte. Der Führerstaat, der sich viel auf seine Ordnungsfunktion zugute hielt, entpuppt sich beim Blick auf diese Planung als überraschend unstrukturiert.

Das betrifft auch die Registrierung nach der Ankunft im KZ. Sie stimmt nicht unbedingt mit dem tatsächlichen Ankunftsdatum überein. Dank Memorial Archives fallen solche Diskrepanzen auf. "Oft war ein Häftling auch dreimal wegen unterschiedlicher Schreibweisen seines Namens erfasst", weiß Ibel. "Mit neuen Techniken können wir das miteinander abgleichen. Das war in dieser Form bislang nicht möglich, daher haben Forscher das Thema Transporte auch ein bisschen vernachlässigt. Es war einfach zu aufwendig."

Inzwischen laufen in die MemArc-Datenbank ständig neue Quellen und Opfernamen ein, auch von Häftlingen, von denen bislang nichts bekannt war. Hilfreich ist vor allem der Zugriff auf Millionen Dokumente zu anderen Konzentrationslagern aus dem ITS Archive des Holocaust Memorial Museums in Washington D.C. "Eine IT-Firma könnte das technisch und inhaltlich nicht adäquat verarbeiten", ist Ibel überzeugt.

Die Ergebnisse aus dem Transportprojekt sollen in ein digitales Kalendarium münden. Eine Zwischenbilanz steht bereits Ende März an. Dann ist die Gedenkstätte Flossenbürg Schauplatz einer dreitägigen Konferenz mit 18 Vorträgen und Teilnehmern aus allen polnischen Gedenkstätten. Auch der polnische Generalkonsul hat sich angesagt.

Millionen Daten

Parallel dazu hat das Bundesarchiv den Flossenbürgern eine Arbeit zu sowjetischen Kriegsgefangenen anvertraut. Sie ist auf zwei Jahre angelegt: Im ersten Schritt sollen 2 Millionen Scans vor allem aus dem zentralen russischen Militärarchiv in Podolsk sowie Daten zu über 900 000 Gefangenen digital entstaubt werden. "Gerade zu den Unterlagen aus Russland und ehemaligen Sowjetrepubliken geistern fürchterlich falsche Zahlen herum. Da wurde viel reininterpretiert", erläutert Johannes Ibel.

Für ihn und sein Team gilt es zunächst, die Daten sinnvoll zu erfassen und erst dann inhaltlich zu interpretieren. Das riecht nach Mammutaufgabe. Schon jetzt umfasst MemArc rund 10 Millionen Scans und 10 Millionen weitere Daten: Transporte, Opfer, Häftlingsnummern. Doch die Gedenkstätte könnte es mit noch viel mehr zu tun bekommen.

Mit Unterstützung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge und des Deutschen Historischen Instituts in Moskau sollen Bestände aus weiteren Archiven digitalisiert werden. Verabredet haben dies keine Geringeren als der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein deutsches Pendant Frank-Walter Steinmeier, der dieses Amt bis 2017 ausübte. Millionen von Einzelschicksalen sollen so geklärt werden. Das Material soll in Flossenbürg zusammenlaufen und eines Tages öffentlich zugänglich gemacht werden. Stanisław Banaszek ist erst ein Anfang.

Info:

Gefangenentransporte

Bis zum Fahrplanwechsel im Mai 1943 war in den Kursbüchern der Reichsbahn Weiden der für das KZ-Flossenbürg ausgewiesene Bahnhof. Dort wurden die Häftlinge vom KZ-Personal übernommen und dann meist in Lastwagen oder Bussen nach Flossenbürg gebracht. Erst ab Mai 1943 findet sich auch die Bahnverbindung Weiden-Flossenbürg im Kursbuch für die Gefangenenwagen. Oft wurden die Häftlinge aber weiterhin am Weidener Bahnhof abgeholt. Mit der Bahn bis Floß oder Flossenbürg gingen meist nur große Häftlingstransporte in Sonderzügen, wie Elisabeth Singer-Brehm erklärt. (phs)

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