05.07.2019 - 13:51 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

"Es ist drei vor zwölf": Förster warnen vor Waldsterben

Zwei Förster schlagen Alarm. "Die Schüler, die freitags auf die Straße gehen, haben unsere Hochachtung." Stefan Bösl und Ingo Greim erleben das täglich. Ihnen sterben Bäume ab - aufgrund von Trockenheit und Hitze. "Es ist drei vor zwölf."

Ein Beispiel von vielen. Hier bei der Silberhütte ragt eine abgestorbene Kiefer in den Sommerhimmel. Ein extremes Hitzejahr wäre für diese Baumart kein Problem. Das Problem ist die Häufung. 16 der 17 wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnung traten nach dem Jahr 2000 ein.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Ich habe große Hochachtung vor der Jugend, die an den Freitagen auf die Straße geht. Es geht um ihre
Lebensgrundlagen.

Forstbetriebsleiter Stefan Bösl

„Wir wollen keine Panik machen. Aber wenn wir nicht schnellstens etwas tun, ist es zu spät.“ Stefan Bösl (rechts), Leiter der Bayerischen Staatsforsten Flossenbürg, und sein Stellvertreter Ingo Greim.

"Der Wald wird das nicht durchstehen." Die Betriebsleiter der Bayerischen Staatsforsten in Flossenbürg sind in großer Sorge. Bösl und Vertreter Greim sind verantwortlich für 16000 Hektar Staatswald von Bärnau bis Schönsee. Dieser bekommt plötzlich rotbraune Stellen. "Wir haben erstmals die Situation, dass Bäume in größerem Ausmaß aufgrund von Trockenheit und Hitze absterben." Selbst Kiefern, die doch "auf jedem Sandhügel" wachsen: "Das hätte man nie erwartet." Auch Buchen verdorren. Ausgerechnet! Ihr Anteil sollte in den nächsten 50 Jahren von 14 auf 23 Prozent erhöht werden. Im Zuge des Waldumbaus zum klimatoleranten Mischwald. Und jetzt das. "Ein Fiasko."

"Die Entwicklung überholt uns", sagt Bösl. Beim G 20-Gipfel 2017 in Kyoto hatten die Staaten als Ziel eine Erwärmung von maximal 1,5 bis 2 Grad bis zum Jahr 2100 vereinbart. Das ist in die Pläne für den Waldumbau "eingepreist". Nur ist Deutschland jetzt schon bei 1,5 Grad Erwärmung seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 angelangt. Eine Auswertung für den Monat Juni ergab gar eine Steigerung von 4,9 Grad über dem langjährigen Mittel. Der Waldumbau erleidet damit gewaltige Dämpfer. "Auch heuer ist uns wieder die Hälfte unserer Kulturen eingegangen. Wir bringen die gar nicht mehr hoch." 2018 verdursteten zigtausende Douglasien-Setzlinge ein. Die Douglasie verträgt Hitze - aber sie braucht Wasser, um überhaupt zu wurzeln. Denkverbote gibt es bei den Forschern der Landesanstalt für Forstwirtschaft nicht mehr. In Schnaittenbach wurden im Mai testweise Libanon-Zedern gepflanzt.

Das Problem tritt überall auf. Wer die Autobahn nach Regensburg fährt, sieht im Naabtal links und rechts braune Stellen. In Nürnberg sind Teile des Reichswaldes verdorrt. In Thüringen sind ganze Hänge an Buchenbeständen abgestorben. Für Bösl ist es kein Frage: Mitteleuropa steht vor einem Waldsterben. "Mittlerweile müsste der letzte kapiert haben, dass wir uns in einem Klimawandel befinden." Laut Bösl gibt es nur einen Weg, diesen zumindest zu entschleunigen: "Der Kohlendioxid-Gehalt in der Luft muss zurückgehen. Und zwar schnell."

"Zwischen 2020 und 2030 sind die entscheidenden Jahre. Wenn es bis dahin nicht gelingt, dann kippt das Ganze", warnt Greim. Wie kommt's, dass die Temperaturerhöhung so viel schneller verläuft als angenommen? "Wissenschaftler warnen genau davor schon seit Jahren", sagt Bösl. Seit 30 Jahren lägen die Gutachten in der Schublade. "Nur wollten das viele nicht wahrhaben. Jeder müsste etwas tun, und keiner tut es." Das betrifft Privatpersonen ebenso wie die Politik. "Ein Kohleausstieg 2035 - was ist das für ein Ziel?" Bösl zitiert Laotse: "Selbst eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt."

Bösl erinnert an das Waldsterben in den 80ern. Forstwissenschaftler hatten Alarm geschlagen. "Hinterher hieß es: Panikmache." Dabei sei es genau dieser Aufruf gewesen, der letztlich zum Einbau von Braunkohlefiltern und Katalysatoren geführt habe. "Ohne diese Warnung wäre der Wald gestorben." Bösl und Greim sehen sich auch jetzt in der Pflicht.

Kann die Entwicklung nicht gestoppt werden, geht selbst die Europäische Union davon aus, dass ab 2050 in Teilen der Erde ein Leben nicht mehr möglich. "Die Menschen werden dahin wandern, wo es Wasser gibt." Der Wald wirkt als Regulativ: Er senkt die Temperatur und speichert CO2. Wo kein Wald mehr ist, ist Steppe. Die Verdunstung steigt. Der Grundwasserspiegel sinkt. Folgen sind Wassermangel, Erosion, Wind. Man braucht gar nicht weit schauen: 20 Prozent Spaniens sind Wüste.

1881 bis 2018. Jeder Streifen steht für ein Jahr. Die blauen Jahre liegen unter dem Temperaturmittel, die roten darüber.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.