19.09.2018 - 19:11 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Gegen die Banalität des Bösen

Sie stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, und Martin Schulz, Europa-Politiker der SPD. Beide wollen mit den Lehren der Geschichte aktuellen Problemen begegnen.

Jörg Skriebeleit (rechts) führt die SPD-Politiker Martin Schulz (Mitte) und Uli Grötsch durch die KZ-Gedenkstätte.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Ariel Sharon hat mal gesagt", beantwortet Martin Schulz die Frage, wie er die Achterbahnfahrt seiner Kandidatur verarbeitet hat, "als Politiker bist du mal oben, mal unten." Der Tiefpunkt des ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten: der erzwungene Verzicht auf das Außenministerium, das er trotz vorheriger Absage an eine Große Koalition gerne ausgefüllt hätte - mit den europapolitischen Inhalten, die er im Koalitionsvertrag durchboxte.

"Das ist wie im Riesenrad", beschreibt er seine Gemütsverfassung. Nach seiner Wutrede gegen AfD-Chef Alexander Gauland fühlt sich der Rheinländer wieder in einer Gondel nach oben. "Man kann nicht immer nur fein ziseliert reden", gibt der gescheiterte Kanzlerkandidat Angela Merkel eine Mitschuld an der Verrohung der Sprache im Deutschen Bundestag. "Wenn einer braunes Zeug redet, muss man sagen, du bist ein Nazi." Bei seiner Rede in der Max-Reger-Halle am Vortag trifft er den Nerv der Genossen. Applaus brandet auf. Endlich redet einer Klartext, umgarnt nicht die besorgten Bürger, für die ihre Sorgen alles, die Nöte anderer faule Ausreden sind. Schulz glaubt daran, dass die schweigende Mehrheit auf so ein Signal wartet, um einer stark mobilisierten rechten Minderheit den Marsch zu blasen. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Nur 18 Prozent im Bund und 11 Prozent in Bayern fühlen sich derzeit angesprochen von der Rhetorik der Sozialdemokraten. "Die bayerische SPD wird unterschätzt", entgegnet der sonst so eloquente Linke lahm.

Brückenbauer Skriebeleit

Es ist der erste Besuch von Martin Schulz in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Als EU-Parlamentspräsident hat der SPD-Politiker allerdings viele dieser NS-Monstrositäten in ganz Europa besucht.

Jörg Skriebeleit baut Brücken zwischen der reinen Lehre der Erinnerungskultur und alltäglichen Bedürfnissen der Einwohner. Er vermittelt zwischen denen, die den KZ-Komplex als Nestbeschmutzung empfinden, und denen, die sich einen abgeschlossenen Museumsbetrieb wünschen. Projekte mit der Universität Regensburg, mit Tschechien und der Ukraine sichern die Qualität. Hunderte von Polizeischülern durchliefen im Rahmen ihrer Ausbildung ein Ganztagesprogramm in Flossenbürg: "Sie setzen sich mit Ihrer Rolle als Polizisten im Rechtsstaat auseinander", sagt der Vohenstraußer. "Eine gute Vorbereitung, wenn sie zwischen die Fronten rechter und linker Demonstranten geraten."

Als der Schulz-Tross im ehemaligen SS-Casino eintrifft, wo junge Menschen mit Behinderung fröhlich den Laden schmeißen, ratscht ein Damenkränzchen aus dem Ort munter an der langen Tafel. "Sie sehen, wir sind offen und von den Einheimischen akzeptiert", freut sich Skriebeleit. Kaum eine Minute vergeht, dass der Gedenken-Modernisierer nicht Gäste aus Buchenwald oder dem Kultusministerium begrüßen muss. Einen Ort der Begegnung weit über die Grenzen der Oberpfalz hinaus hat Skriebeleit mit seinem Team geschaffen. "Eine KZ-Gedenkstätte ist immer ein internationaler Ort", erklärt er. "Ein Ort, an dem sich deutsche und europäische Geschichte in mehreren Lagen wiederfindet."

"Als ich um den Vorsitz der Fraktion der Allianz der Sozialdemokraten im Europa-Parlament kandidierte", steuert Schulz bei, "schaute ich in Gesichter von Leuten aus 28 Ländern, von denen 27 von Deutschland besetzt waren." Auch die Gefangenen in Flossenbürg wurden aus ganz Europa angekarrt - ihre Namen füllen einen dicken Wälzer, Fotos ihrer unbeschwerten Gesichter aus der Zeit vor der Hölle eine lange Wand. Skriebeleit zeigt auf die Grundrisse der Baracken, Einlassungen, wo einst Zugänge waren. Auf die weiß übertünchte, blutgetränkte Mauer, vor der eine Genickschussanlage und ein Galgen standen. Die Lebensgeschichten, die Skriebeleit nur anreißen kann, lassen erahnen, welche Qualen Menschen hier durchlitten. Menschen, wie der Sozialdemokrat Kurt Schumacher oder der Theologe Dieter Bonhoeffer, die das menschenverachtende System bekämpften. "Es gab aber so viele, die einfach weggefangen wurden", weil sie Jude, Pole oder schwul waren. "Ihnen erschien es so sinnlos, hier zu sein."

Entmenschlichung

Ein Ort, den kein Häftling wieder vergaß. Der Vater Wiktor Juschtschenkos war hier inhaftiert. Bei seinem Besuch schritt der ehemalige ukrainische Präsident einsam die Wand mit dem Finger an den Kacheln ab.

Es ist der Blick auf dieses Grauen, der Schulz aufbrausen lässt, wenn heute wieder ganze Gruppen pauschal entmenschlicht werden: Als "Kümmelhändler" und "Kameltreiber" bezeichnet André Poggenburg in Deutschland lebende Türken. "Links-oder grün-versiffte Gutmenschen" sind alle, die nicht vorbehaltslos alles Fremde ablehnen. "Sogenannte Flüchtlinge" sind in dieser Logik nicht nur "Wirtschaftsflüchtlinge". Wer vor Kriegen flieht, muss sich fragen lassen: "Warum kämpfen die jungen Männer nicht?" Der Mut der Schreibtischtäter ist ausgeprägt.

Entmenschlicht bis zur Vernichtung wurden Häftlinge in Flossenbürg. Einen Weg, den alle Gefangenen gehen mussten nach der Ankunft: vom Appellplatz zum Häftlingsbad. "Wir haben nicht nur die Kleidung verloren, sondern auch unsere Seele", sagte ein Opfer. Vom Vorurteil bis zur Jagd auf Fremde ist es nur ein kurzer Weg. Das "Nie wieder" ist Martin Schulz ein Anliegen, die Entscheidung für ein Europa des Wohlstands und gegen die Banalität des Bösen, die den Kontinent schon einmal in den Abgrund stürzte.

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