24.05.2019 - 09:57 Uhr
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KZ-Gedenkstätte stellt Pläne für ehemaliges Hauptgebäude des Wurmstein-Steinbruchs vor

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg hat eine neues Domizil für Erinnerung, Bildung und Kultur im Blick. Eine Ausstellung gibt darauf schon bald einen Vorgeschmack.

Behutsam soll das DESt-Gebäude, der frühere Verwaltungssitz des Wurmstein-Steinbruchs, umgestaltet werden. Was mit dem Steinbruch selbst geschieht, ist nach wie vor offen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten und die KZ-Gedenkstätte haben es geschafft. Sie können vom Freistaat den ehemaligen Hauptverwaltungsbau des Steinbruchs am Wurmstein übernehmen, jenem Zwangsarbeitsplatz, an dem sich Tausende Häftlinge zu Tode schufteten.

Die markante Satteldach-Konstruktion, bekannt als DESt-Gebäude, steht seit Jahrzehnten leer und verfiel zusehends. Nun soll sie dabei helfen, neue Wege der Erinnerungsarbeit vorzuzeichnen. Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit schwebt eine dreifache Nutzung vor. Zum einen eine akademische in Zusammenarbeit mit der Universität Regensburg, zum anderen eine museale, welche den KZ-Standort Flossenbürg unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten beleuchtet.

Das bedeutet, dass im unteren Teil des Hauses eine Dauerausstellung einziehen könnte. Sie würde die Geschichte der Deutschen Erd- und Steinwerke (DESt) - des Granitunternehmens der SS - sowie der Häftlingsarbeit im Steinbruch und in der Rüstungsproduktion für Messerschmitt festhalten. Die dritte Facette wäre kultureller Natur. Wenn etwa der Saal im früheren SS-Casino neben dem Museumscafé bei Theateraufführungen an Kapazitätsgrenzen stößt, böte sich das DESt-Haus als Alternative an. Das Casino könnte überhaupt eine Art Blaupause für die Nutzung des DESt-Hauses sein. Dort hat sich ein Mischkonzept aus Gastronomie, Bildungsstätte und Kulturveranstaltungen erfolgreich etabliert.

Verstörende schöne Fotos

Skriebeleit ist wichtig, die Immobilie nicht einfach der Gedenkstätte einzuverleiben. "Wir wollen mit dem Thema auch das Nachkriegs-Flossenbürg im Blick behalten." Daher will es die Gedenkstätte schon bald der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Sensibel und spektakulär zugleich. Dazu soll in einigen Wochen eine erste Pop-Up-Ausstellung beitragen, hinter der klangvolle Namen stehen. Einige Monate sollen im DESt-Haus Arbeiten von Rainer Viertlböck zu sehen sein. Er spielt international in der Liga der besten Architekturfotografen. Unter anderem gewann der Münchner 2007 als erster Deutscher den weltweit angesehenen "International Photography Award" in seiner Sparte. Viertlböck ist zudem so etwas wie der Hausfotograf des fränkisch-amerikanischen Architektur-Titanen Helmut Jahn.

Erinnern ohne Zeitzeugen

Sein jüngstes Projekt sind Aufnahmen von KZ-Außenlagern in ganz Europa - aus der Luft und vom Boden aus. Dabei sind unter anderem Landschaftsporträts zu sehen, die eine Idylle zeigen, die jeden Freizeitprospekt schmücken könnte. Oder begrünte Wohnsiedlungen in Großstadtumgebung, die urbane Lebensqualität versprechen. Nur Details verraten die traurige Vergangenheit der Orte. "Dieser dokumentarische Blick gibt Impulse für einen öffentlichen Diskurs, wie Erinnerungsarbeit weitergehen kann, wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben. Warum sieht es am Standort eines ehemaligen Außenlagers heute so aus, wie es aussieht? Warum ist das so gekommen?," sagt Skriebeleit. Nicht nur er hält diese Fragen für spannend.

Obwohl die Aufnahmen technisch und ästhetisch glänzen, vermeidet Viertlböck Lost-Places-Romantik. Er bettet die Lager ein in ihre Umgebung und erklärt sie somit, vor allem im Hinblick auf ihre einstige kriegswirtschaftliche Funktion. Zugleich fängt er die Beiläufigkeit ein, wie leicht diese Stätten heute zu übersehen sind und damals zu verdrängen waren.

Dieser Ansatz ist ganz im Sinne der Kuratorinnen Regina Prinz und Nicola Borgmann. Sie tüfteln noch am Arbeitstitel "Strukturen der Vernichtung". Dabei wollen beide nicht, dass die ausgestellten Fotos den Blick auf ihre Hülle verstellen, erklärt Borgmann: "Wir wollen das DESt-Gebäude anhand der Bilder erschließen." Dass die Architektin und Kunsthistorikerin aus Münster so etwas kann, hat sie in ihrer Wahlheimat mehrfach bewiesen. 2018 erhielt sie den Architekturpreis der Stadt München, nicht zuletzt für ihre Verdienste auf dem Gebiet der Architekturvermittlung. 2011 wurde sie bereits mit dem Bayerischen Architekturpreis dekoriert.

Regina Prinz stellt sich das Haus "als Gelenk zwischen Lager und Steinbruch" vor. Die Historikerin und Kunsthistorikerin lebt ebenfalls in München und arbeitet unter anderem am Stadtmuseum. Prinz gilt als Expertin für Bauen in der NS-Zeit. Das Münchner Trio weckt Neugier. Am 23. Juli soll sie mit einer Vernissage erstmals gestillt werden.

Zur Person:

Rainer Viertlböck hat sich mit Stadt- und Landschaftsporträts einen Ruf als Fotograf für die Licht- und Schattenseiten der globalisierten Welt erarbeitet. Sein Spektrum reicht von Serien über Behausungen afrikanischer Immigranten in Spanien bis zu den Kontrasten, die Großräume wie Chicago, Tokio oder München ausmachen. Einen guten Überblick bietet die Seite www.tangential.de

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Behutsam soll das DESt-Gebäude - hier die Rückansicht - der frühere Verwaltungssitz des Wurmstein-Steinbruchs, umgestaltet werden. Was mit dem Steinbruch selbst geschieht, ist nach wie vor offen.
Über zwei Stockwerke zieht sich das Treppenhaus. In den unteren Geschossen ist eher an eine museale Nutzung gedacht, in den oberen entwickelt die KZ-Gedenkstätte zusammen mit der Universität Regensburg mögliche Verwendungen.
Im ersten Stock des Hauses sind Reste einer NS-Wandmalerei enthalten, die das Steinmetzwesen als Ausbund des handwerklichen Deutschtums verherrlicht.
KZ-Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit (links) will das frühere DESt-Gebäude, in dem Reste einer typischen NS-Wandmalerei erhalten sind, bald der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das erste Ausrufezeichen dazu soll eine Ausstellung sein, die (von rechts) Nicola Borgmann, Rainer Viertlböck und Regina Prinz gestalten.
Bögen, großzügige Räume, massives Mauerwerk. Aus architektonischer Sicht ist auch das Innenleben des Hauses reizvoll.

Weitere Informationen zum DESt-Gebäude

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