Flossenbürg
26.07.2019 - 11:50 Uhr

Verblassendes Netz des Grauens

Es sind Tatorte, die nicht mehr als solche zu erkennen sind. Die nicht ganz 80 Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg in Deutschland und Tschechien werden heute als Einkaufszentrum, Parkhaus oder Gasthaus genutzt.

Die Macher der Ausstellung "Strukturen der Vernichtung": Fotograf Rainer Viertelböck, Dr. Regina Prinz, Nicola Borgmann und Gedenkstätten-Leiter Jörg Skriebeleit (von links). Bild: eig
Die Macher der Ausstellung "Strukturen der Vernichtung": Fotograf Rainer Viertelböck, Dr. Regina Prinz, Nicola Borgmann und Gedenkstätten-Leiter Jörg Skriebeleit (von links).

Einige sind überbaut, nur in den wenigsten Fällen gibt es Hinweistafeln, die die einstigen Verbrechen dokumentieren.

Eine Ausstellung des auf Architektur spezialisierten Münchner Fotografen Rainer Viertlböck zeigt etwa die Hälfte dieser Außenlager in ihrer heutigen Form. Mit der Ausstellung betritt die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg im Wortsinn Neuland. Die großformatigen Fotos hängen auf drei Ebenen im ehemaligen Verwaltungsgebäude der SS-eigenen Deutschen Erd- und Steinwerke (DESt) auf dem Gelände des früheren KZ-Steinbruchs. Das Gebäude ist seit Mitte der 1990er Jahre ungenutzt. Es diente zuletzt als Getränkemarkt, war nach 1945 aber auch schon Kino und Gastwirtschaft. Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten/KZ-Gedenkstätte Flossenbürg beabsichtigt, das Gebäude vom Freistaat Bayern zu übernehmen und es als Ausstellungs-, Projekt- und Forschungsraum zu nutzen.

„Strukturen der Vernichtung - Die Außenlager des KZ Flossenbürg heute“ ist der spröde Titel der Ausstellung. Weniger wissenschaftlich könnte man sie überschreiben mit „Das verblassende Spinnennetz des Grauens“. Viertlböcks Fotografien stemmen sich gegen das Verblassen dieses Netzes an Außenlagern, das von Würzburg bis nach Prag und vom nördlichen Sachsen bis nach Niederbayern reichte. Die Bilder bedürfen jedoch zwingend einer Erläuterung, für sich alleine vermögen sie das einstige Leiden an diesen Orten nicht zu dokumentieren. Das hat auch der Fotograf Rainer Viertlböck, der schon die Bunkeranlagen des Atlantik-Walls fotografiert hat, schnell erkannt. Die erklärenden Kurztexte neben den in Flossenbürg gezeigten Fotografien stammen von der freien Kuratorin Nicola Borgmann, die seit 1992 die Architekturgalerie München leitet, und der Kunsthistorikerin Dr. Regina Prinz; beide haben auch das Konzept der Ausstellung in dem noch nicht sanierten Gebäude entwickelt.

Es basiert darauf, einerseits mit dem Rundgang das Gebäude selbst bis in seine äußersten Winkel zu durchdringen, andererseits zu zeigen, wie weit und wie tief ein Konzentrationslager in einem Radius von mehreren hundert Kilometern das Land durchdrungen hat, wie präsent das Lagersystem im Alltag war, ob auf dem Land oder in der Stadt.

Die Dokumentation der Außenlager Flossenbürgs ist Teil eines größeren Projektes Rainer Viertlböcks, der europaweit und ganz systematisch sämtliche Orte der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager festzuhalten sucht. Die Bilder zeigen weiterhin genutzte oder verfallende Fabrikgelände und Betriebe, Verwaltungsbauten, Schlösser, aber auch Überbauungen mit Wohngebäuden oder Supermärkten. Viertlböcks Fotografien stehen für das ganze Spektrum des Umgangs mit diesen Zeugnissen der NS-Vergangenheit - von pragmatischer Weiternutzung bis zu bewusster Tilgung der Erinnerung an die einstigen Verbrechen.

Die Ausstellung im ehemaligen DESt-Verwaltungsgebäude im Wurmsteinweg 7 gleich unterhalb des KZ-Steinbruchs ist bis zum 6. Oktober 2019 täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Ziel des Ausstellungskonzeptes ist es, das Gebäude mit Hilfe der großformatigen Fotografien bis in den letzten Winkel zu durchdringen. Bild: eig
Ziel des Ausstellungskonzeptes ist es, das Gebäude mit Hilfe der großformatigen Fotografien bis in den letzten Winkel zu durchdringen.
Info:

Der Ausstellungsort, das 1940 gebaute ehemalige Verwaltungsgebäude, von dem aus die SS die Zwangsarbeit im Steinbruch des Konzentrationslagers organisierte, war auch schon zu Zeiten des Nationalsozialismus ein zum Teil öffentlich genutztes Gebäude; hier wurde nicht nur verwaltet, hier fanden auch Kulturveranstaltungen statt, ein Gebäude also, das nicht etwa fernab oder hinter Mauern verborgen, das vielmehr bekannter Teil des öffentlichen Lebens war. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte, Jörg Skriebeleit, spricht von „etwas sehr Besonderem“; die Ausstellung sei der erste Schritt zu einer Nutzung des Gebäudes im Sinne der Gedenkstätten-Arbeit. Wenn auch vorerst nur gesichert, aber noch nicht saniert, solle das Gebäude so schnell wie möglich wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Skriebeleit sagt: „Mit dieser Kunstausstellung im ehemaligen DESt-Gebäude betreten wir völliges Neuland. Wir thematisieren seine Geschichte und Zukunft und öffnen mit der Ausstellung Fenster in die Potentiale einer künftigen Nutzung.“

Die Bilder entfalten eine besondere Wirkung in dem unsanierten ehemaligen SS-Verwaltungsgebäude. Bild: eig
Die Bilder entfalten eine besondere Wirkung in dem unsanierten ehemaligen SS-Verwaltungsgebäude.
Wie die Vogelherd-Siedlung in Flossenbürg: Das Gelände eines ehemaligen Barackenlagers für 700 weibliche Häftlinge in Helmbrechts wurde nach dem Krieg mit Einfamilienhäusern bebaut. Bild: Viertlböck, Rainer
Wie die Vogelherd-Siedlung in Flossenbürg: Das Gelände eines ehemaligen Barackenlagers für 700 weibliche Häftlinge in Helmbrechts wurde nach dem Krieg mit Einfamilienhäusern bebaut.
In dem privaten Schlossgut in Panenské-Břežany (Jungfernbreschan) wohnte von 1942 an Reinhard Heydrich mit Familie. Nach dem tödlichen Attentat auf Heydrich nutzte seine Frau das Gut weiter und erhielt 30 jüdische Zwangsarbeiter aus dem Ghetto Theresienstadt. Bild: Viertlböck, Rainer
In dem privaten Schlossgut in Panenské-Břežany (Jungfernbreschan) wohnte von 1942 an Reinhard Heydrich mit Familie. Nach dem tödlichen Attentat auf Heydrich nutzte seine Frau das Gut weiter und erhielt 30 jüdische Zwangsarbeiter aus dem Ghetto Theresienstadt.
 
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