22.04.2020 - 16:05 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Virtuelles Gedenken an die Befreiung des KZ Flossenbürg

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Für den 75. Gedenktag der Befreiung des KZ Flossenbürg hatte Gedenkstellenleiter Jörg Skriebeleit rund 1000 Gäste erwartet: Überlebende, Angehörige, politische Prominenz aus aller Welt. Die Coronapandemie machte einen Strich durch diese Planung.

KZ-Häftlinge warten in Flossenbürg auf die Ausgabe von Essen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Natürlich sind wir tief traurig und enttäuscht", sagt Jörg Skriebeleit über die Absage der Jubiläumsfeier, "aber es wurde spätestens im März klar, dass so eine Veranstaltung unverantwortlich wäre."

Jack Terry im Interview

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Gedenken im Internet

Um "die Bedeutung der Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik für den Freistaat Bayern" zu verdeutlichen, verständigten sich Ministerpräsident Markus Söder und Landtagspräsidentin Ilse Aigner auf eine Aufgabenteilung: Söder legt in der KZ-Gedenkstätte Dachau, Aigner in der Gedenkanlage "Tal des Todes" in Flossenbürg einen Kranz im Gedenken an die Opfer nieder - Corona-bedingt unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Einen Ersatz für das internationale Treffen am ehemaligen Ort des Schreckens, den das Team um Skriebeleit seit rund 25 Jahren in ein Zentrum des Gedenkens verwandelten, könne es nicht geben. "Das besondere an diesem jährlichen Befreiungswochenende", sagt Skriebeleit, "ist die Begegnung von Menschen aus aller Welt, die etwas mit Flossenbürg verbindet." Diese menschliche Nähe wollen die Jubiläumsplaner zumindest virtuell herstellen. "Wir kamen auf die Idee, einen Aufruf an alle zu schicken, die sich angemeldet haben:

  • Was bedeutet der 75. Tag der Befreiung für Sie?
  • Warum wären Sie gerne gekommen?
  • Was fehlt Ihnen dadurch?"

55 Beiträge eingereicht

Was den Zeitzeugen Flossenbürg bedeutet

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55 Beiträge seien bisher bereits eingereicht worden, sagt Skriebeleit: "Die Spanne reicht vom Lied eines in Flossenbürg erschossenen Rotarmisten, das dessen Familie aus Sibirien schickte, bis zum Statement von Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth." Ein Mosaik von Beiträgen: "Vielsprachig, vieles auf Polnisch, Videos, Podcasts, Texte - auf unserer Homepage ist alles ab dem 23. April zu sehen."

"Die Überlebenden werden weniger", bedauert Skriebeleit. "Wir gehen davon aus, dass noch zwischen 200 und 300 weltweit leben - vor zwei Jahren fanden wir noch eine 100-Jährige, die in einem Außenlager war." Lückenlos erfasst seien sie nicht: "Man kann die Recherche systematisch aufbauen, da haben wir alles ausgeschöpft." Deshalb verlagere sich das Gedenken zunehmend auf die Angehörigen.

"Jetzt melden sich Enkel, Urenkel und Großnichten und sie werden exponentiell mehr", erzählt der Leiter. "Symbolische Daten wie das 75-Jährige sind oft auslösende Momente sich zu erinnern, was die Uroma, der Opa durchlitten haben." Dazu komme der spezielle Flossenbürger Charakter, der sich herumspreche: "Die herzliche Familienatmosphäre, man ist schnell drin, nimmt einen positiven Spirit mit."

Major Gray am Lagertor des KZ Flossenbürg.

Angst vor Rechtspopulismus

Ein Aspekt, der in Zeiten des aufsteigenden Rechtspopulismus immer wichtiger werde: "Die Angst um die gesellschaftlichen Zustände in Europa geht um", sagt Skriebeleit. "Man wendet sich deshalb an solche Orte, um bei internationalen Veranstaltungen den Wert Europas und offener Grenzen zu erleben."

Skriebeleit registriert aber auch ein gestiegenes Interesse bei Verwandten von Tätern: "Die Enkel finden etwas auf dem Dachboden, Traumas brechen auf." Die Tochter des Leiters der politischen Abteilung der SS, Wilhelm Faßbender (1892-1970), habe der Gedenkstätte zeitgenössische Briefe und Bilder überreicht: "Wir dürfen sie nicht publizieren, aber wissenschaftlich auswerten", sagt er. "Wir arbeiten gerade an einem Sammelband zu Täterfotografien aus dem Lagerkomplex, der im Spätherbst im Wallsteinverlag erscheint."

Akribische Spurensuche

Eine akribische Spurensuche, um Fehlinterpretationen auszuschließen: „Etwa die Exekutionsserie der Gestapo Regensburg“, verdeutlicht Skriebeleit die Schwierigkeiten an der Erhängung eines Polen: „Wir diskutieren Aspekte der Opferpietät, darf man das zeigen? Was ist darauf zu sehen? Wo ist das?“ Anhand von Analysen der Jahreszeit und Forstgutachten ermitteln die Forscher die Geschichte hinter den Bildern, die ein GI in SS-Häusern fand und sie mitnahm – vor zehn Jahren kamen sie zurück in die Gedenkstelle.

„Warum hängen hier KZ-Häftlinge einen Mann in Uniform auf, wer schaut da zu?“ Über viele Umwege und eine Uniformanalyse habe man ermittelt, dass es sich um einen polnischen Zwangsarbeiter handelte, der aufgehängt wird.“ Er sei 1939 zur Erntearbeit gezwungen worden, habe sich in Michelsneukirchen verliebt. „Es handelte sich um die erste Exekution eines Zwangsarbeiters, der ein verbotenes Liebesverhältnis mit einer Deutschen hatte, denunziert, verhaftet und eingesperrt wurde.“ Der Exekutionsbefehl sei aus Berlin ergangen, ein mobiles Exekutionskommando aus Flossenbürg sei ausgerückt, um den Mann in einem Waldstück bei Michelsneukirchen hinzurichten. „Die Zwangsarbeiter müssen zuschauen, um zu verdeutlichen, was ihnen blüht, wenn nicht.“

Mordapparat nicht ohne Denunzianten

Ein Lehrstück, das durchaus Aktualität birgt, findet Skriebeleit: „Nachdem nur noch wenige Täter leben, spielt persönliche Schuld eine untergeordnete Rolle – wichtiger ist es die Mechanismen totalitärer Herrschaft zu begreifen.“ Der Mordapparat sei nicht möglich gewesen ohne die vielen Rädchen, die mitgewirkt haben: Als Denunzianten, willfährige Helfer oder einfach nur durch Wegschauen.

Virtuelles Gedenken:

Zeitzeugen-Kommentare auf der Website

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg war die erste in Bayern. Heute gilt sie als anerkannter internationaler Erinnerungsort. Die Jahrzehnte davor drohte das Lager in Vergessenheit zu geraten. Die SS hatte Anfang April mit dessen Auflösung begonnen. Am 9. April 1945 werden im Arresthof des Konzentrationslagers Mitwisser des gescheiterten Hitler Attentats vom 20. Juli 1944 ermordet: Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris, Hans Oster, Karl Sack, Theodor Strünck und Ludwig Gehre.

„Jetzt muss ich unterbrechen, die Befreier sind da!!!!!!!“, hält der tschechische Häftling Emil Ležak fest, der sich, nachdem die SS das Konzentrationslager Flossenbürg verlassen hat, in der Kommandantur an eine Schreibmaschine gesetzt hatte und begann, seine Erlebnisse im KZ Flossenbürg niederzuschreiben. „Es ist der 23.4.45. 10.50 Uhr!!!!!! Ich habe den bereits gehaltenen Schild ausgehangen: Prisoners Happy End – WELCOME.“

Die Ankunft der 90. US-Infanteriedivision der 3. US-Armee im Stammlager Flossenbürg erleben nur noch etwa 1500 schwerstkranke Gefangene. Bereits seit dem 16. April hatte die SS rund 15 000 Häftlinge Richtung Süden getrieben. Die US-Einheiten befreien die verstreuten Gruppen. Entlang der Marschrouten finden sie mehr als 5000 eilig verscharrte Tote.

◘ Zitat eines Überlebenden

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal wiederkommen werde. Dennoch wollte ich 2020 erneut kommen. Die jährlichen Treffen sind eine Gelegenheit, Blumen niederzulegen und über der Asche unserer Familienmitglieder zu beten. Zugleich sind sie ein Beweis dafür, dass ehemalige Häftlinge und die heutigen Gastgeber der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Freunde sein können. Die 75-Jahr-Feier der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg könnte das offizielle Ende dieser Art von Feierlichkeiten sein – unter Beteiligung ehemaliger Häftlinge.“

Prof. Leszek Zukowski, Warschau

Links: www.onetz.de/3012308

www.75liberation.gedenkstaette-flossenbuerg.de

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