23.04.2020 - 12:24 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Heute vor 75 Jahren Befreiung des KZ Flossenbürg - Zeitzeugen erinnern sich

Vor 75 Jahren ist das Konzentrationslager Flossenbürg befreit worden. In ihren eigenen Worten schildern die letzten Zeitzeugen und Angehörige, was ihnen das KZ Flossenbürg bedeutet und warum das Erinnern so wichtig ist.

Arbeitseinsatz von Häftlingen am Fels
von Thomas Webel Kontakt Profil

Zitate der Zeitzeugen und ihrer Angehörigen

Joanna und Tomasz Dębowscy, Kinder des ehemaligen Häftlings Bogdan Dębowski, Warschau, Polen

Diese Reisen sind eine Gelegenheit für die wenigen noch lebenden Häftlinge und die Familien der Häftlinge, gemeinsam derer zu gedenken, die nicht überlebt haben, und des Jahrestages der Befreiung des Lagers zu gedenken.

Ingrid Portenschlager, Tochter des ehemaligen Häftlings Ernst Reiter, Zettling, Österreich

Es ist „erst“ 75 Jahre her, dass die befreiten Häftlinge selbst darüber entscheiden konnten, wo und wie sie in Zukunft leben werden. Obwohl die Umstände für diese Überlebenden schrecklich waren, doch das herrliche Gefühl, endlich FREI zu sein, hat auch bei unserem Vater alles andere übertroffen. Die Erinnerung, dass mein Vater hier gelitten hat und am 23.April 1945 von diesem Leid befreit wurde, bedeutet auch, seine Prägung von dieser Zeit besser zu verstehen. Nachdem er trotz seiner Erlebnisse immer dankbar fürs Leben war, ist es für mich noch wichtiger, Freiheit zu schätzen und es an die Nachkommen weiterzugeben

Gedenken im Internet

Josef Salomonovic, ehemaliger Häftling des Konzentrationslager Flossenbürg, Wien, Österreich

Dieses jährliche Treffen der Überlebenden, Familien und Freunden ist so wichtig, vor allem um den Toten zu gedenken, die nicht mehr daran teilnehmen können und allen denen, die dieses furchtbare Schicksal nicht überlebt haben.

Katherine McGhie, Tochter des ehemaligen Häftlings Leib Bodenstein, Brisbane, Australien

Leider kann es die letzte Gelegenheit sein, Überlebende und ihre Familien zu treffen, zuzuhören, zu lernen und ihre Lebenserfahrungen zu verstehen, um ihre Geschichten am Leben zu erhalten und sicherzustellen, dass sich die Welt immer erinnert und nie vergisst.

Ronen Katz, Sohn des ehemaligen Häftlings Bernard Katz, Holon, Israel

Ich hatte vor, dieses Jahr mit meiner ganzen Familie zu kommen, weil ich dachte, dass der jährliche Gedenktag in Flossenburg einzigartig und sehr bedeutsam ist, da er eine gute Gelegenheit ist, Menschen aus verschiedenen Kulturen, Religionen und Nationalitäten zu treffen, die dasselbe Schicksal teilen. Es ist eine großartige Gelegenheit, Menschen mit einer anderen Perspektive zu treffen, die alle hauptsächlich ein Ziel haben - NIE WIEDER. Jedes Jahr, nachdem ich aus Flossenburg zurückgekommen bin, habe ich das Gefühl, dass es eine Hoffnung auf eine bessere Welt und ein besseres Verständnis zwischen den Menschen gibt.

Anita Kissil, Witwe des ehemaligen Häftlings Julek Kissil, Nürnberg Deutschland

Wenn Julek nicht am 23.4.1945 befreit worden wäre, hätte ich meinen Mann nie kennengelernt. Flossenbürg hat uns in den 40 Ehejahren immer begleitet. Die jährlichen Treffen in Flossenbürg bedeuten für mich ein großes Familienfest. Es haben sich Freundschaften mit dem Team und den Überlebenden entwickelt. Mir fehlen die Gespräche mit dem Team, den Überlebenden und den Jugendlichen aus verschiedenen Ländern. Ich hoffe auf ein Wiedersehen nach einem Jahr.

Leon Weintraub, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Flossenbürg, Stockholm, Schweden

75 Jahre, eine „runde“ Zahl, ist eine besondere Gelegenheit, die Bedeutung der jährlichen Treffen mit den Überlebenden zur Bewahrung und Erinnerung an eine dunkle Zeit in der Geschichte der Menschheit – der Nazi-Herrschaft – zu betonen. Besonders da heute wieder rechtsradikale Ideologien im Zuwachs sind. Letztlich möchte ich dem ganzen Team der Gedenkstätte meine Achtung und Dankbarkeit aussprechen für ihre wichtige Tätigkeit, das Geschehene durch ihre Arbeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Diese Tätigkeit ist gerade heute von großer Bedeutung angesichts der immer offener und aggressiver auftretenden rechtsradikalen Gruppen, die sich, unfassbar für uns Überlebende, als Nazis bezeichnen. Nazis, die für den Holocaust verantwortlich sind.

Leszek Zukowski, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Flossenbürg, Warschau, Polen

Die jährlichen Treffen sind eine Gelegenheit, Blumen niederzulegen und über der Asche unserer Familienmitglieder zu beten. Zugleich sind sie ein Beweis dafür, dass ehemalige Häftlinge und die heutigen Gastgeber der Flossenburger Gedenkstätte Freunde sein können.

Danuta Łopata, Tochter des ehemaligen Häftlings Antoni Łopata, Lodz, Polen

Der 75. Jahrestag der Befreiung Flossenburgs bedeutet Erinnerung, Schmerz, Vergebung, Freundschaft. Hier finde ich Hoffnung dank der Menschen, den Deutschen, die diese Last einer schwierigen Geschichte tragen. Sie bringen Vertrauen in den Menschen. Ich komme an den Ort des Martyriums meines Vaters. Und so wird es bis zum Ende meiner Tage sein. Freunde heilen ihre Wunden immer neben mir.

Mehr Informationen gibt es auf der Webseite der Gedenkstätte

Onufriy Dudok, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Flossenbürg, Lwiw, Ukraine

Das Gefühl der Freiheit nach der Befreiung machte mich glücklich. Endlich war ich ein freier Mensch mit Recht und Würde. Die Teilnahme am Treffen bedeutet für mich, dass ich jedes Jahr die Möglichkeit habe, mich mit vielen Freunden aus verschiedenen Ländern in Flossenbürg zu treffen. Ich habe mich daher wie jedes Jahr sehr auf das Treffen in Flossenbürg gefreut. Die Vorfreude half mir, das ganze Jahr lang am Leben zu bleiben. Gern hätte ich die Mitarbeiter der Gedenkstätte umarmt und mich für alles bedankt. Leider geht dieser Traum nicht in Erfüllung. Es tut mir leid, dass alle Pläne zunichte gegangen sind, aber die Hoffnung auf ein Wiedersehen bleibt bestehen.

Paulina Ściborowska, Enkeltochter des ehemaligen Häftlings Jerzy Ściborowski, Warschau, Polen

Es ist sehr schade, dass wir in diesem Jahr nicht an den Feierlichkeiten zum Gedenken an die Helden jener Zeit teilnehmen können. Diese jährlichen Treffen gaben uns die Gelegenheit, viele von ihnen persönlich kennen zu lernen. Wir konnten auch gemeinsam der Toten und Ermordeten gedenken, einschließlich meines Großvaters Jerzy Ściborowski und meines Urgroßvaters Paweł Wiszniewski. In diesem Jahr denkt jeder von uns in aller Zurückgezogenheit darüber nach, was den Jahrestag der Befreiung des KL Flossenbürg trauriger macht als sonst.

Solange Dekeyser, Tochter von Charles Dekeyser, Baelen, Belgien

1995 sah ich meinen Vater zum ersten Mal weinen und erfuhr von den Gräueltaten, die er erlebt hatte. Jedes Jahr bekräftigen die Emotionen und die Tränen aller Nationalitäten das Gedenken an alle Gefangenen. Jetzt, ohne ihn, unterstütze ich die ehemaligen Häftlinge und ihre Familien in diesen schwierigen Momenten des Erinnerns. Der 75. Jahrestag hätte ein Maximum an Überlebenden zusammengeführt und wir alle hätten sie in ihrer Aufgabe des Gedenkens unterstützt und ihnen versichert, dass wir das Erinnern nie vergessen werden.

Zdziasława Włodarczyk, Tochter des ehemaligen Häftlings Aleksander Bogdaszewski, Chrzanów, Polen

Der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg ist für mich ein großes persönliches Erlebnis, eine Erinnerung an die Fakten, ein Gedenken an die Opfer und eine Warnung für die Zukunft. Mein Vater wurde im Außenlager Hersbruck getötet. Er wurde von Auschwitz, wo ich ebenfalls inhaftiert war, dorthin transportiert. Die Organisation einer Feier, an der ehemalige Gefangene und ihre Familien teilnehmen, gibt uns die Gelegenheit, zusammenzuleben und dieser Ereignisse zu gedenken.

Eine neue Webseite ermöglicht digitales Gedenken

Julius Scharnetzky, Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Wenn ich versuche, zu beschreiben, was die jährlichen Treffen für mich bedeuten, durchfluten mich unzählige Erinnerungen und Bilder. In Worte fassen kann ich es aber kaum. Es ist für mich vor allem ein Privileg, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Eine Gemeinschaft, deren Basis einer der dunkelsten Momente der Menschheit ist. Unsere Begegnungen sind immer davon geprägt. Sie sind aber noch viel mehr. Es sind Freundschaften, mitunter fast familiäre Bande, die wir geknüpft haben und weit über Flossenbürg und die Treffen anlässlich des Befreiungstags hinausreichen. Wir begegnen uns nicht nur hier, sondern auch in Wien, Prag, Tel Aviv, New York oder an anderen Orten. Wir sind vergleichbar mit einer Familie, die einmal im Jahr aus der ganzen Welt zusammenkommt. Eine Familie, die immer größer wird und in der jene vermisst werden, die nicht mehr unter uns sind. Dafür bin ich dankbar.

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