23.08.2019 - 12:02 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Zwei Bäckereien, ein Missverständnis

Auch ein international renommierter Fotograf kann irren. Rainer Viertlböck hat aus der unbescholtenen Bäckerei Seer in Hohenthan versehentlich ein KZ-Außenlager gemacht. Das falsche Foto ist aber nun zu einem willkommenen Geschenk geworden.

Das falsche Foto als Geschenk: Bäckermeister Herbert Seer, Fotograf Rainer Viertlböck, Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit (von links).
von Gabi EichlProfil

Gelungen ist es ja, das Foto von der Bäckerei. Perfektes Licht. Nur dass es sich eben um die Bäckerei der Familie Seer handelt und nicht um die einstige Bäckerei Kraus, die einer der großen Brotlieferanten des Konzentrationslagers Flossenbürg war und als ein solcher immer wieder auch Häftlinge beschäftigte.

Man kann sich vorstellen, wie Bäckermeister Herbert Seer morgens geschluckt haben muss, als er in unserer Zeitung ein Foto seiner Bäckerei sah, unter dem stand, dass für "die Bäckerei in Hohenthan (Kreis Tirschenreuth), einen Brotlieferanten für das KZ Flossenbürg" von 1941 an Häftlingsabordnungen einen neuen Backofen bauten und Fliesen verlegten. Ein Foto seines Anwesens in einem großformatigen Zeitungsbericht über eine Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg mit dem Titel "Strukturen der Vernichtung - Die Außenlager des KZ Flossenbürg heute". Herbert Seer ist entsetzt. Seine Familie hat nie das KZ beliefert, zu der Zeit gab es seine Bäckerei noch gar nicht. Er kommt aber schnell zu dem Schluss: "Man muss sich doch weiterhin in die Augen schauen können", wie er in einem klärenden Gespräch mit dem Fotografen Rainer Viertlböck und dem Leiter der Gedenkstätte, Jörg Skriebeleit, sagt.

Skriebeleit wie auch Viertlböck betonen, wie sehr sie das Versehen bedauern. Das Foto habe man selbstverständlich sofort aus der Ausstellung genommen. Viertlböck erklärt, wie es zu dem Versehen gekommen sei: Mit dem Auftrag der Gedenkstätte, die Außenlager des Lagers Flossenbürg zu dokumentieren, habe er in Hohenthan vor der "Bäckerei" gestanden und seine Aufnahmen gemacht. Dass die damalige Bäckerei Kraus heute keine Bäckerei mehr und ganz woanders im Dorf ist, habe er nicht gewusst, aber auch nicht recherchiert. Herbert Seer sagt, Anliegen seiner Familie sei, das Missverständnis aus der Welt zu schaffen, schließlich wolle man nicht als KZ-Außenlager in die Geschichtsbücher eingehen, während man nicht das Geringste mit dem KZ zu tun gehabt habe. Man habe wohl im ersten Moment rechtliche Schritte erwogen, aber sei dann schnell zu dem Schluss gekommen, dass man sich "wieder in die Augen schauen können" müsse.

Den Worten Skriebeleits zufolge wurde nun ausführlich recherchiert. Man habe gewusst, dass es sich um die Bäckerei Kraus handle, umso bedauerlicher sei das Versehen. Das Foto des Anstoßes steht während des Gesprächs hinter Herbert Seer. Ganz vorsichtig deutet Rainer Viertlböck an, was Skriebeleit und ihm eingefallen sei: Ob die Familie Seer das gerahmte Foto nicht als Geschenk haben möchte? Und Herbert Seer lacht. Seine 75-jährige Mutter habe ihm mit auf den Weg gegeben: "Schau bloß, dass d' des Foto kriegst." Das kriegt er nun. Handsigniert.

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