Fockenfeld bei Konnersreuth
22.03.2022 - 15:32 Uhr
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So kümmert sich der Landkreis Tirschenreuth um die fast 500 Ukraine-Flüchtlinge

Rund 500 Menschen aus der Ukraine haben mittlerweile Zuflucht im Landkreis Tirschenreuth gefunden. Erste Strukturen und Hilfen sind für sie geschaffen. Eine Momentaufnahme und ein Ausblick.

Vor der Notunterkunft Fockenfeld parken mehrere Autos mit ukrainischen Kennzeichen. Geht es den Hügel hinab zum Innenhof der ehemaligen Spätberufenenschule, tauchen spielende Kinder auf. Sie toben auf einem kleinen Spielplatz. Erwachsene stehen vor der Tür, unterhalten sich mit ernsten Mienen. Eine junge Frau geht mit ihrem Hund an der Leine spazieren, ihre Augen sind fixiert auf ihr Smartphone. Beim Vorbeigehen sagt sie Hallo mit: "Zdravstvuyte!"

Aktuell sind 157 Ukrainer in Fockenfeld untergebracht. Besonders Frauen und Kinder fanden hier eine Zuflucht. "Am Wochenende kam ein Bus mit 69 Personen aus Berlin", berichtet Landrat Roland Grillmeier beim Pressegespräch am Montagabend vor Ort. Die Menschen kamen über die bundesweite Umverteilung von Geflüchteten. Angekündigt waren zunächst 50 Personen. Die Notunterkunft in Fockenfeld ist damit kurz vor der Vollbelegung. "Momentan passen 170 Personen rein", informiert Regierungsdirektorin Regina Kestel. Es könnte aber noch auf 200 Plätze aufgestockt werden. Jedoch sei dann nicht mehr bei jedem Zimmer eine Nasszelle vorhanden.

Weitere Notunterkunft in Planung

Zudem ist der Landkreis derzeit über die Regierung dazu angehalten, weitere 130 Plätze in Form einer Notunterkunft für Geflüchtete bereitzuhalten. "Wir schauen, wie wir das hinbekommen", sagt Kestel. "Wir sind froh, dass wir keine Turnhalle belegen müssen", erklärt sie. Ganz auszuschließen sei diese Lösung im Notfall aber nicht. Es werde jedoch nach anderen Optionen gesucht, wie sie 2015 zum Einsatz kamen.

Um die Koordination der Geflüchteten vor Ort kümmert sich auch das Bayerische Rote Kreuz sowie das Deutsche Rote Kreuz. "Unsere Leute versuchen, vor Ort die Strukturen zu schaffen", sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Holger Schedl. Ehrenamtliche und Hauptamtliche kümmern sich etwa um die Mahlzeiten. "Wir haben hier erste Bewohner mit eingebunden", sagt Schedl. Sie seien dankbar, dass sie sich einbringen können. "Zudem versuchen wir, die Menschen über das DRK zu registrieren und damit etwa Familienzusammenführungen zu vereinfachen."

Vor Ort gibt es einen Sanitätsdienst, der etwa die Arbeit von David Runschke, dem Integrationslotsen des Landkreises, unterstützt. Zudem soll jeden Mittwoch und Freitag eine Ärztin vor Ort sein, die Ukrainisch spricht. Vor Ort seien eine Vielzahl an Ehren- und Hauptamtlichen. Die Kernaufgabe ist laut Schedl: "Wir versuchen, die Arbeit möglichst gering zu halten. Wir wollen hier lange durchhalten." Er berichtet, dass viel Hilfe von Privatleuten und Unternehmen aus dem Landkreis komme. Während er das sagt, fährt ein Kleinbus mit mehreren Personen vor. Darin sitzen vor allem Frauen. "Der Bus hat die Leute zur Kleiderkammer von Frau Sirtl in Waldsassen gefahren." Dort konnten sich die Menschen mit Kleidung oder Schuhen eindecken. Wer in Fockenfeld ankommt, müsse sich auch auf das Coronavirus testen. Am Dienstag wolle das BRK zum ersten Mal eine freiwillige Impfaktion vor Ort anbieten.

300 Personen privat untergebracht

Doch wie viele Personen sind inzwischen im Landkreis angekommen? "Viele Personen sind noch nicht gemeldet", erklärt Regina Kestel. Ihre Antwort lautet daher: "494 Personen plus X." Inzwischen seien fast 300 Personen privat untergekommen. Damit der Landkreis einen Überblick über die Anzahl der Menschen bekommt, braucht es die Erstregistrierung. Auch die Menschen, die in Fockenfeld ankommen, sind noch nicht alle gemeldet. "Bislang sind drei Busse gekommen. Die Menschen im ersten Bus aus Regensburg waren registriert, die Menschen aus dem zweiten Bus aus Regensburg waren nicht registriert." Auch die Geflüchteten, die über Berlin in den Landkreis kamen, waren nicht gemeldet.

Das übernimmt nun die Ausländerbehörde am Landratsamt. Diese leitet Alexander Döllinger. Um Kontakt mit der Behörde aufzunehmen, kann über die Homepage des Landratsamts ein Onlineformular ausgefüllt werden. Die Sprachen sind Deutsch, Englisch und Ukrainisch. "Hier bitte unbedingt die Telefonnummer und die E-Mail-Adresse angeben", betont Kestel. Nur so könnte die Behörde Kontakt aufnehmen und zu Terminen einladen.

Bürokratischer Flaschenhals

Sie bezeichnet den bürokratischen Aufwand als Flaschenhals des Vorgangs. In einer Stunde könnten maximal drei Personen registriert werden. Unter anderem wird hier mittels biometrischer Passbilder oder Fingerabdrücke, die Identität der Personen geprüft. "Ehrenamtliche als Übersetzer sind hier eine große Hilfe", berichtet Döllinger. So sprechen die meisten Ankommenden Ukrainisch oder Russisch, aber kaum Englisch oder Deutsch.

Um Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu erhalten, müssen zudem mehrseitige Formulare über das Sozialamt ausgefüllt werden. Auch hier werde sich bereits gekümmert, den Vorgang durch digitale Wege zu vereinfachen und Sprachbarrieren abzubauen. Judith Sollfrank leitet das Sozialamt. Die Flüchtlingswelle wird für die Behörde eine Herausforderung. "Wir haben aktuell 300 Asylbewerber im Landkreis", sagt sie. Hier sind die Geflüchteten aus der Ukraine noch nicht berücksichtigt. Da momentan vor allem die Erstregistrierung stattfinde, laufe es noch kommod.

Ukrainisches Geld nichts wert

Doch viele Flüchtlinge bräuchten vor allem Geld über die Asylbewerberleistungen. Kestel ergänzt hierzu: "Wegen des Krieges ist die ukrainische Währung Hrywnja ausgesetzt und kann nicht in Euro getauscht werden." Entsprechend können Geflüchtete vor Ort nicht mir ihrem eigenen Geld zahlen. Nur wenige hätten Dollar dabei. "Viele sind auch mit dem Auto da. Sie brauchen Geld zum Tanken." Für Personen ohne Auto soll bei der Notunterkunft in Fockenfeld eine Baxi-Linie eingerichtet werden, die stündlich Menschen in andere Orte bringen könnte.

Bisher sind dem Landratsamt 170 Wohnungen gemeldet worden. Zusätzlich seien Menschen aus der Ukraine in drei bis vier Pensionen untergebracht worden. "Wir sind hier noch am Schauen und prüfen alles", so Sollfrank. So gilt auch die Notunterkunft in Fockenfeld als eine erste Starthilfe und nicht als Dauerlösung. Ziel sei es, Menschen in Wohnungen unterzubringen. "Wir schließen hier die Mietverträge auch über das Asylbewerberleistungsgesetz", sagt Sollfrank. 36 Personen seien bereits aus Fockenfeld weiterverteilt worden. Diese Woche sollen noch bis zu 29 Personen folgen.

800 bis 900 Flüchtlinge erwartet

Landrat Grillmeier geht derzeit davon aus, dass in den Landkreis 800 bis 900 Geflüchtete kommen werden. "Wir wissen nicht, wie lange sie bleiben werden. Kommen Angehörige nach? Wir richten uns auf eine langfristige Hilfszeit aus." Deshalb bittet er darum, weiter Wohnraum zu melden. Zusätzlich brauche es in den einzelnen Gemeinden Gruppen oder Ehrenamtsnetzwerke, die sich vor Ort um die Menschen kümmern.

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Tirschenreuth15.03.2022
Bildergalerie
Fockenfeld bei Konnersreuth09.03.2022
Hintergrund:

Ukrainische Flüchtlinge im Landkreis Tirschenreuth

  • Notunterkunft Fockenfeld: 157 Personen
  • Private Unterkünfte: 300 Personen
  • Verteilt auf Wohnungen und Personen durch das Landratsamt: 36 Personen, weitere 25 bis 29 Personen sollen diese Woche folgen
  • Hilfs- und Wohnungsangebote melden: ukraine-hilfe[at]tirschenreuth[dot]de oder über die Hotline 09631/88731
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