26.06.2019 - 18:32 Uhr

Ein "Freiherr" narrt die AfD

In Bayerns AfD brodelt es. Ein Hauptdarsteller des Streits ist der frühere Regensburger Landtagskandidat Benjamin Nolte - und ein mysteriöser Baron.

Bei einer Veranstaltung der AfD hier in Greding passierten merkwürdige Dinge. Bild: Daniel Karmann/dpa
Bei einer Veranstaltung der AfD hier in Greding passierten merkwürdige Dinge.

Keine Ruhe in Bayerns AfD: Nachdem der Landesvorstand den Ausschluss von Benjamin Nolte aus dem Gremium vorantreibt, werden nun Details öffentlich. Bekannt war, dass man Nolte übel nimmt, dass er bei einer Veranstaltung des rechten AfD-"Flügels" im Mai in Greding eine Öffnung nach rechts gefordert hatte. Derzeit dürfen Ex-Mitglieder der NPD und ähnlicher Parteien der AfD nicht beitreten. Das will Nolte ändern. Für Ärger soll aber auch die Nähe zu einer dubiosen Figur spielen.

Es geht um Wolfgang Freiherr von Krauss. Dieser tat sich in der AfD lange als Macher und Geldgeber hervor. Heute will die Partei nichts mehr von ihm wissen. Der Landesvorstand habe "ein Hausverbot für alle Veranstaltungen der AfD in Bayern ausgesprochen", erklärt Vorsitzender Martin Sichert per Brief an die Mitglieder. Die wahre Identität der Person, "die sich als Wolfgang von Krauss oder Wolfgang Freiherr von Krauss bezeichnet" sei der Partei nicht bekannt. Dies ist bemerkenswert, weil Krauss noch 2017 als stellvertretender Vorsitzender der schwäbischen AfD fungierte. Offenbar musste er dafür nie einen amtlichen Ausweis vorlegen.

Ich möchte betonen, dass ich das Lied der Deutschen in allen seinen Strophen grundsätzlich nicht für verwerflich halte und die Verächtlichmachung dieses Liedes durch Kulturmarxisten verurteile.

Benjamin Nolte

Benjamin Nolte

Parteiinterne Warnungen vor einem Betrüger habe es laut der Zeitung "Die Welt" schon 2018 gegeben. Dennoch blieb Krauss aktiv - auch in der Oberpfalz. Bilder zeigen ihn bei einem Termin von Björn Höcke im Juni 2018 in Lappersdorf. Laut "Welt" nahme er an der Demo einer rechten Gruppe auf dem Regensburger Domplatz im September 2018 teil, wie auch Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und eben Benjamin Nolte.

Verdutzter Höcke

Dass sich die AfD heute öffentlich vom Freiherrn distanziert, hat wiederum mit dem Termin in Greding zu tun, bei dem auch Nolte auftrat. Auch dort war Höcke zu Gast. Ein Video im Netz zeigt den Thüringer und andere Funktionäre offensichtlich überrascht: Als zum Abschluss nicht nur die Melodie des Deutschlandlieds vom Band läuft, sondern auch der Text der ersten Strophe. Vergleichsweise früh findet Benjamin Nolte die Fassung wieder. Im Video ist zu sehen, wie er nach einigen Sekunden ins "Deutschland, Deutschland über alles" einstimmt.

Er habe die Situation als unangenehm empfunden, sagt Nolte heute. Es erschien "mir die würdevollste Option, die sprichwörtliche gute Miene zum bösen Spiel zu machen". Nolte schiebt hinterher: "Ich möchte betonen, dass ich das Lied der Deutschen in allen seinen Strophen grundsätzlich nicht für verwerflich halte und die Verächtlichmachung dieses Liedes durch Kulturmarxisten verurteile." Es sei aber politisch unklug, die erste Strophe bei einem solchen Termin zu spielen.

Nur "Machtkämpfe"

Bayerns AfD-Führung stellt nun die Frage, wer die Verantwortung für diese "Musikauswahl" trägt. Der neurechte Verleger Götz Kubitschek brachte in einem Blogbeitrag den "Hochstapler" Krauss als Drahtzieher ins Spiel, ohne dessen Namen direkt zu nennen. Gegenüber der "Welt" bestätigte der schwer zu kontaktierende Krauss zwar, dass er in Greding war, mit der Liedauswahl will er nichts zu tun gehabt haben.

Laut Nolte war "eine Verkettung unglücklicher Umstände" Schuld an der Hymnen-Panne. An der ihm unterstellten Nähe zu Krauss sei nichts dran. "Ich kenne den besagten Herrn aus der Zeit, als er noch Parteimitglied war. Nach seinem Ausscheiden habe ich ihn auf diversen Veranstaltungen angetroffen." Zum geplanten Ausschluss aus dem Vorstand sagt Nolte: "Es handelt sich um Machtspielchen, wie sie in politischen Parteien leider üblich sind."

Der Regensburger ist nicht der einzige Oberpfälzer, dessen Name in der Freiherrn-Affäre fällt. Eine Nebenrolle spielt Landtagsabgeordneter Roland Magerl. Mit Krauss und anderen wollte er den "Blauen Ring e.V." gründen. Einen Verein, der AfD-Mitglieder unterstützen sollte, die "infolge von politisch motivierten Anschlägen" geschädigt wurden, wie Magerl erklärt. Weil dem Verein das Gemeinnützigkeits-Siegel verwehrt wurde, sei daraus nichts geworden. Zu von Krauss pflege er keinen Kontakt. "Er war gelegentlich bei AfD-Veranstaltungen. Dort läuft man sich zwangsläufig über den Weg."

Hintergrund:

Das Lied der Deutschen

Der Text zum „Lieds der Deutschen“ stammt aus dem Jahr 1841. Ab 1922 galt es offiziell als deutsche Hymne. Im dritten Reich wurde nur die erste Strophe gesungen, die mit den Worten „Deutschland, Deutschland, über alles“ beginnt. Seit 1952 gilt die dritte Strophe (Einigkeit und Recht und Freiheit) als Hymne. Die ersten Strophen sind nicht verboten. Wer sie singt, weiß aber, dass er sich in die Nähe des Nationalsozialismus begibt.

Kommentar:

Ein Dank an Stefan Löw

Was musste AfD-Politiker Stefan Löw sich alles gefallen lassen, weil er mit einer nur beinahe richtigen Berufsbezeichnung seine Chance bei der letzten Landtagswahl erhöht hatte. Es wird Zeit für eine Entschuldigung. Tatsächlich half Löw, dass auf dem Wahlzettel das „a.D.“ hinter „Polizeibeamter“ fehlte. Löw bekam außerhalb seines Wahlkreises im Vergleich zu anderen Oberpfälzer AfD-Kandidaten viele Stimmen. Das wäre wohl anders gewesen, hätten alle gewusst, dass Löw mit 28 Jahren bereits Pension bezieht.
Heute sollten sich die Kritiker über die Trickserei des U30-Pensionärs freuen. Löw zog bei der Wahl am vor ihm gelisteten Benjamin Nolte vorbei. Wäre alles normal gelaufen, ein demagogisch begabter Hardliner würde die Oberpfalz im Landtag vertreten, einer der offensichtlich auch Bayerns AfD-Führung zu weit rechts steht. Ein ruhiger Hinterbänkler ist dagegen doch ein „Glücksfall“.

Wolfgang Würth

 
Kommentare

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Tobias Punzmann

Zum letzten Satz im Kommentar mit dem Dank an Stefan Löw ist noch anzumerken, dass Nolte der oberpfälzischen "Alternative" lange genug nicht zu weit rechts war. Sonst wäre er nie auf Platz 2 der Landtagsliste gelandet. Im Gegensatz zur stramm rechten hiesigen "Alternative" war er aber der JA, auf die der Verfassungsschutz schon ein besonderes Auge hat, zu rechtsextrem und wurde auf Grund rassistischer Ausfälle rausgeschmissen. Seine extremrechte, völkisch-nationale Gesinnung war also durchaus bekannt und akzeptiert. Zwischen Magerl und Löw, die auch nicht gerade im Verdacht stehen, zum liberalen Teil der Partei zu gehören, hat er im Landtagswahlkampf noch gut gepasst.

Der Artikel deckt wieder einmal die übliche Taktik auf, die Grenzen des Sagbaren ins Unsägliche zu verschieben, von den Anhängern dafür großes Lob zu ernten, um dann gegenüber der erzürnten Masse der Anständigen, mit irgendwelchen Ausreden und hinter dem Rücken gekreuzten Fingern zurückzurudern. Diesmal war's wohl ein ominöser "Freiherr" mit der falschen Musikauswahl, kein Ausrutscher mit der Maus oder ein unbekannter Mitarbeiter. Ein ander Mal hat wohl nur jemand gefragt, wie hoch der Schnee früher in Stalingrad gelegen ist. Oder der Landtagsabgeordnete, der nur irgendein T-Shirt mit dem Aufdruck "Patriot" im Internet kaufen wollte und dann in einem Shop gelandet ist, in dem die anderen T-Shirts mit Hakenkreuz-Schriftzügen und anderen eindeutigen Parolen gar keine Bedenken geweckt haben. Vor allem, weil der Shop-Betreiber noch aus dem selben Ort stammt und sicher kein Unbekannter in der Szene ist. Zufälle gibt's!

26.06.2019
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