24.05.2018 - 08:44 Uhr
FriedenfelsDeutschland & Welt

Baron schießt scharf gegen bayerische Forstpolitik

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg gilt bundesweit als Fachmann für Hochwild und als versierter Forstmann. Im Interview spart er kein Thema aus: ob Wolf, Landwirtschaft oder die geschmähte Fichte - mit überraschenden Einsichten.

"Es ist lächerlich, alle 20 Jahre bei einer mindestens 100-jährigen Perspektive des Walds die Vorgaben zu ändern. Die Staatsforsten müssen dann - oft kopfschüttelnd - die Direktiven umsetzen." Scharf kritisiert Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg die Forstpolitik des Freistaats.
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

In der landschaftlichen Idylle des südlichen Steinwalds pflegt und hegt der 60-Jährige rund 3000 Hektar Wald. Vor wenigen Jahren stellte der Freiherr sein landwirtschaftliches Gut von "konventionell" auf "biologisch" um. Sein eigen sind eine Brauerei nebst bodenständiger Gastwirtschaft im Geflecht eines vitalen Wirtschaftsbetriebs, von dem sich andere, bekanntere Fürstenhäuser eine Scheibe abschneiden könnten. Dabei pflegt die adlige Familie den Gemeinsinn, wie großmütiges Sponsoring in und um Friedenfels zeigt.

In der landschaftlichen Idylle des südlichen Steinwalds pflegt und hegt der 60-Jährige rund 3000 Hektar Wald. Vor wenigen Jahren stellte der Freiherr sein landwirtschaftliches Gut von "konventionell" auf "biologisch" um. Sein eigen sind eine Brauerei nebst bodenständiger Gastwirtschaft im Geflecht eines vitalen Wirtschaftsbetriebs, von dem sich andere, bekanntere Fürstenhäuser eine Scheibe abschneiden könnten. Dabei pflegt die adlige Familie den Gemeinsinn, wie großmütiges Sponsoring in und um Friedenfels zeigt. Das Interview führten Clemens Fütterer und Joachim Gebhardt.

ONETZ: Neben Windrädern und Stromtrassen emotionalisiert die Oberpfälzer kein Thema mehr als der Wolf.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: In und um die Truppenübungsplätze sind mindestens zwei Paare nachgewiesen. Es besteht kein Zweifel, dass in unserer Region gerade die erste bayerische Wolfs-Population entsteht. Im dicht besiedelten Europa (ohne Russland) leben etwa 18 000 Wölfe: Das ist eine stattliche Zahl von Tieren, aber im Großen und Ganzen geht es gut. Wölfe brauchen keine Wildnis. In unserer Kulturlandschaft müssen wir uns mit ihnen arrangieren, damit sie akzeptiert werden. Dafür gibt es eine einfache Grundbedingung: Die Wölfe müssen genug Beutetiere finden, damit sie sich weniger an Nutztieren vergreifen. Ein Problem sehe ich gerade in der Weidetierhaltung. Hier einen Konsens zu finden, ist schwierig, aber ich halte ihn für möglich.

Der Wolf muss Todesangst vor den Menschen haben, dazu muss er bejagt werden. Ich gehöre nicht zu den Jägern, welche den Wolf aufhalten wollen. Der Wolf wird uns zeigen, dass wir im Umgang mit Wildtieren vieles falsch machen - und er wird unseren Umgang mit der Natur völlig umkrempeln.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg

ONETZ: In der Jägerschaft sind Forderungen nach einem Abschuss des Wolfs unüberhörbar.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Es ist zu früh, um über eine Bejagung zu reden. Ich trete aber für eine reguläre Bejagung ein, wenn unabhängige Wildbiologen eine ausreichende Population feststellen. Der Wolf muss Todesangst vor Menschen haben, dazu muss er bejagt werden. Ich gehöre nicht zu den Jägern, welche den Wolf aufhalten wollen. Dieser Beutegreifer stellt eine Herausforderung dar. Er wird uns zeigen, dass wir im Umgang mit Wildtieren vieles falsch machen - und er wird unseren Umgang mit der Natur völlig umkrempeln.

ONETZ: Viele Jäger betrachten den Wolf als Konkurrenten bei der Jagd.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Das sehe ich sehr entspannt. In Mitteleuropa gibt es so viel Schalenwild wie noch nie. Allein in Deutschland werden jährlich 1,2 Millionen Rehe erlegt, also gibt es vielleicht über 3 Millionen. Das ist ein Schlaraffenland für Wölfe. Trotz des immer höheren Jagddrucks steigt die Zahl der Rehe. Es ist ein Trugschluss zu glauben, je mehr Rehe geschossen werden, desto weniger Schaden gibt es am Wald. Wir brauchen mehr Ruhe in unseren Wäldern anstelle einer fast ganzjährigen Jagdsaison.

ONETZ: Und in Ihren Wäldern?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Seitdem wir vor Jahren Ruhezonen von mehreren 100 Hektar Größe eingerichtet haben, stellen wir einen deutlichen Rückgang der Wildschäden fest, natürlich mit Ausnahmen.

ONETZ: Die Rückkehr anderer seltener Wildtiere verläuft jedoch weitgehend laut- und problemlos.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: ... wie bei Kolkrabe, Fisch- und Seeadler, Luchs oder Wildkatze. Wir leben in einer phänomenalen Zeit. Doch eine kleine Gruppe der Gesellschaft, die Berufsteichwirte, leidet unter den Artenschutz-Erfolgen. Auf dem Rücken dieser Minderheit wird die Ansiedlung von Fischotter, Kormoran und Biber gefeiert. Die Teichwirte empfinden bereits den Kormoran als Katastrophe, die jetzt vom Fischotter noch getoppt wird. Ich habe Verständnis für Wut und Verzweiflung. Der Staat muss die Schutzmaßnahmen zu 100 Prozent bezahlen und die Schäden ebenso unbürokratisch wie großzügig regulieren. Der Biber stellt eine große Bereicherung dort dar, wo er keine menschliche Infrastruktur berührt. In meinem eigenen Wald gibt es eine Menge von ihnen. Wir lassen ihn gewähren, wo es forstlich sinnvoll ist. Im Landkreis Tirschenreuth schätze ich die Zahl der Biber auf 3000. Es werden immer mehr. Jährlich werden etwa 60 überfahren oder getötet - diese Relation ist ein Witz. Das Vorkommen des Fischotters war vor zehn Jahren noch eine Sensation. Heute sind die Gewässer so sauber, dass er fast überall leben kann, aber auch den Otter muss man in absehbarer Zeit regulieren dürfen.

ONETZ: Können Sie die von den Behörden und Verbänden propagierte Angst vor der Afrikanischen Schweinepest (ASP) nachvollziehen?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Die Annahme und Forderung, wenn wir möglichst viele Wildschweine erlegen, ließe sich die Einschleppung der ASP verhindern, zeugen von wenig Fachwissen. Wenn, dann wird die ASP durch den Menschen über Autos und Lkw aus dem Osten eingeschleppt, nicht durch die Wildsau: Sie läuft nicht mal eben schnell von Warschau nach Weiden. Wir Jäger bejagen die Wildschweine ohnehin so intensiv wie möglich, und wir werden das noch zu steigern versuchen.

ONETZ: Die Bayerischen Staatsforsten forcieren den Umbau des Walds. In der Kritik stehen vor allem die Fichten-Monokulturen.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Die Bayerischen Staatsforsten machen das, was ihnen die Forstpolitik vorgibt. Die Fichte sollte man keineswegs pauschal verurteilen. In den höheren Lagen der Oberpfalz ist sie ideal; sie braucht einen nicht zu nassen Boden und genügend Niederschläge. In vielen Teilen Mittel- und Unterfrankens hat jedoch die Fichte nichts verloren. Die bayerische Forstpolitik macht alle 15 bis 20 Jahre eine Kehrtwende. Bis Ende der 1970er Jahre herrschte die Fichten-Reinertragslehre, die Buche galt als "böse". Darauf folgte der Umschwung auf den "naturnahen Waldbau", mit möglichst viele Baumarten und Altersklassen auf einer Fläche. Seit einigen Jahren soll nun der Wald für den Klimawandel umgebaut werden. Es ist einfach lächerlich, alle 20 Jahre bei einer mindestens 100-jährigen Perspektive des Walds die Vorgaben zu ändern. Die Staatsforsten müssen dann - oft kopfschüttelnd - die Direktiven umsetzen.

Mit Ulme, Wildkirsche und Buche können Sie keine Häuser bauen.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg

ONETZ: Wie halten Sie es mit Ihrem Wald?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Mit Ulme, Wildkirsche und Buche können Sie keine Häuser bauen. 70 Prozent unseres Waldbestands macht die Fichte aus, je 10 Prozent Kiefer und Buche, 10 Prozent Sonstige. Dabei werde ich es belassen, denn ich habe ein Interesse daran, dass meine Enkel- und Urenkel noch wertvolles Fichtenholz ernten können. Im Steinwald erkenne ich bis jetzt keinen großen klimatischen Veränderungsdruck, warum sollte ich also viel ändern?

In der "Geiz-ist-geil-Mentalität" bei den Lebensmitteln liegt die Wurzel des Übels. Dadurch kommt bei den Landwirten nur ein sehr kleiner Gewinn an. Die Landwirte sind nicht Täter, sondern nur das Opfer europäischer Agrarpolitik.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg

ONETZ: Sie stellten vor wenigen Jahren in Ihrem Gut die Landwirtschaft von "konventionell" auf "bio" um. Sind die Lebensmittel in Deutschland zu billig?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Unsere Nachbarländer, Franzosen und Italiener sowieso, geben weit mehr Geld für Nahrung aus als wir. In der "Geiz-ist-geil-Mentalität" bei den Lebensmitteln liegt die Wurzel des Übels. Dadurch kommt bei Landwirten nur ein sehr kleiner Gewinn an. Die europäische Agrarpolitik setzt auf immer größere Flächen und Einheiten - und zwingt die Landwirte zum Mitmachen. Denn ansonsten kommen sie finanziell unter die Räder. Die Landwirte sind nicht Täter, sondern Opfer europäischer Agrarpolitik. Auch die Artenvielfalt leidet so dramatisch. Es ist allerhöchste Zeit, dass sich etwas ändert.

ONETZ: Eine letzte Frage: Sie beklagen in der öffentlichen Diskussion um die Rückkehr der Wildtiere einen Mangel an Fachwissen. Es herrschten Halbwissen und Emotion.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Es gibt in Bayern keinen Lehrstuhl für Wildbiologie. Österreich leistet sich hier zwei große Institute, Bayern nichts. Ich hege den (boshaften) Verdacht, dass dies Absicht ist. Denn unter dem Motto "Wald vor Wild" muss man in Bayern über Wildtiere ja nicht viel nachdenken. Dies fällt uns irgendwann auf den Kopf, gerade bei der Rückkehr des Wolfs. Hätten wir in Bayern jetzt schon ein fachlich fundiertes Institut für Wildbiologie, würden die Politiker, die Lobby-Verbände, die Landwirte und die Jäger nicht so im Nebel stochern.

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Kai Gohlke

Interessante, wenn auch sicher strittige Thesen.

24.05.2018