03.08.2021 - 10:11 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Friedrich Ani lässt Oberkommissarin Fariza Nasri erneut ermitteln

Brutale Gewalt gegen Frauen und die zerstörerische Macht des Schweigens machen "Letzte Ehre" zur harten Kost. Aber Friedrich Ani inszeniert die Düsternis sprachlich virtuos, voller Empathie. Und an seiner Zuversicht "schnitzt" er weiter.

Schriftsteller Friedrich Ani
von Anke SchäferProfil

ONETZ: Herr Ani, bevor wir zum neuen Kriminalroman kommen: Was ist aus der Zuversicht geworden, die Sie sich bei unserem letzten Interview im November 2020 fürs neue Jahr schnitzen wollten?

Friedrich Ani: Der Schnitzvorgang war weitgehend erfolgreich, das heißt, die Zuversicht existiert, durchwürzt allerdings von einer Menge Skepsis, vor allem, was den Umgang der Gesellschaft mit dem Virus anbelangt. Mir scheint, viele Menschen finden es noch immer lustig, blöd zu bleiben und eine Impfung für eine Verschwörung zu halten. Also: Weiterschnitzen!

ONETZ: Seit einigen Wochen heißt es ja „Bayern Spielt“. Was halten Sie von dieser Initiative des Freistaates, die der Kulturbranche zumindest über den Sommer helfen soll?

Friedrich Ani: Wollen wir hoffen, dass die Gelder bei denen ankommen, die sie wahrhaftig benötigen, und dass den stets fulminanten Ankündigungen des Champions-League-Siegers im Ankündigen auch Taten folgen, von der Staatskanzlei ohne Untiefen direkt zu den Kulturtätigen.

ONETZ: Und Sie selbst – sind in nächster Zeit Lesungen mit dem neuen Kriminalroman geplant?

Friedrich Ani: Die eine oder andere Lesung ist anberaumt. Viel ist noch nicht los, aber ich bleibe geduldig.

ONETZ: Anders als im Vorgänger-Roman „All die unbewohnten Zimmer“ kommt Oberkommissarin Fariza Nasri diesmal ohne Ihre Stamm-Protagonisten Tabor Süden, Jakob Franck und Polonius Fischer aus. Sind die drei Herren damit endgültig in den Ruhestand gewechselt?

Friedrich Ani: Ruhestand … Mei … Solange ich schreibe, müssen die Herren mit Allem rechnen … Was Polonius Fischer betrifft, glaube ich aber, dass er vor mir in den nächsten Büchern verschont bleibt. Bei den anderen bin ich mir nicht so sicher.

ONETZ: Was kann eine weibliche Hauptfigur wie Fariza Nasri anders machen, welche Möglichkeiten bietet Ihnen der Perspektivwechsel?

Friedrich Ani: Sie wirft einen eigenen Blick auf die Dinge und die Menschen, mit denen sie es zu tun bekommt. Aber ich habe die Figur nicht erfunden, um ihr eine Botschaft zu geben, die anders geartet sein könnte als die meiner männlichen Figuren. Und Botschaften haben die alle eh nicht. Sie hören zu, schauen hin, versuchen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Mann, Frau, mit oder ohne Sternchen - ich versuche, meine lebendig zu gestalten, wahrhaftig in ihrem Handeln, Empfinden und Denken.

ONETZ: Gewalt gegen Frauen, Verschweigen und die toxischen Nachwirkungen dieser Mixtur sind Dreh- und Angelpunkte der neuen Geschichte. Kann man im Umkehrschluss folgern, dass nur der Mut, darüber zu sprechen, sich anzuvertrauen den ewigen Teufelskreis durchbrechen kann?

Friedrich Ani: Auf jeden Fall. Das ist der Anfang: Sprechen, laut werden, das Schweigen eindämmen, Vertrauen gewinnen zu jemandem, der es ernst mit einem selbst meint. Gegen die Angst anbrüllen.

ONETZ: Schon beim Lesen sind Ihre unaufgeregten, umso erschütternderen Schilderungen schwer auszuhalten. Wie ertragen Sie beim Schreiben die – zumindest vorübergehend – tägliche Auseinandersetzung mit all dem Schrecklichen?

Friedrich Ani: Das ist keine Frage des Ertragens. Ich bin es meinen Figuren schuldig, nicht wegzulaufen. Ich halte ihren Schmerz aus, ich bringe sie zum Sprechen, da darf ich mich nicht vor den Echos fürchten.

ONETZ: Man soll ja die Spannung nicht verderben, aber eine Frage brennt nach der Lektüre doch auf den Nägeln: Werden auch bei Protagonistin Fariza Nasri aller guten Dinge, respektive Fälle, drei sein?

Friedrich Ani: Im Moment gibt es den Plan, im nächsten Roman Fariza Nasri und Tabor Süden noch einmal zusammen zu bringen. Ich mag die beiden in all ihrer Zauseligkeit und seelischen Unbestechlichkeit, vielleicht haben sie sich was zu sagen. Und wenn nicht: Dann haben sie vielleicht ein schönes Schweigen zusammen.

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Hintergrund:

Zu Person und Buch

  • Friedrich Ani, geboren 1959, lebt in München
  • neben zahlreichen Kriminalromanen (Tabor Süden, Polonius Fischer, Jakob Franckh) hat er Bühnenstücke, Romane, Erzählungen Jugendromane geschrieben, sein letzter Lyrikband „Die Raben von Ninive“ ist 2020 erschienen
  • zudem Verfasser zahlreicher Hörspiele und Krimi-Drehbücher, etwa für den „Tatort“, „Kommissarin Lucas“ oder die Reihe „München Mord“ (zusammen mit Ina Jung und Moritz Binder)
  • ausgezeichnet u.a. mit dem Deutschen Krimipreis, dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis
  • „Letzte Ehre“, Kriminalroman, 270 Seiten, gebunden, Suhrkamp Verlag, 22 Euro
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