07.03.2019 - 18:48 Uhr
GrafenwöhrDeutschland & Welt

Übung mit Soldaten aus 27 Ländern: Krach in Grafenwöhr

Es knallt, kracht und knattert auf und um den Übungsplatz Grafenwöhr. Dass das derzeit mit der Übung Dynamic Front zu tun hat, hat sich herumgesprochen. Was sich hinter dem Begriff verbirgt, eher noch nicht.

Nicht nur in Grafenwöhr auch in Torun in Polen und in Riga in Lettland läuft Dynamic Front. Aber auch dort sind Soldaten aus Grafenwöhr im Einsatz, so wie Artillerie der in Grafenwöhr stationierten 173. Luftlandeeinheit der US-Armee, die hier in Polen eine Granate abfeuert
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Als Soldat muss man warten können. Das gilt auch für die Soldaten aus 27 Ländern, die auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr noch bis Samstag die Artillerie-Übung Dynamic Front 19 absolvieren. Für Anwohner mag es sich anhören, als würde es ununterbrochen knallen. Für die Soldaten an den rund 100 beteiligten Waffensystemen vergeht aber oft viel Zeit, bis die Angelegenheit "dynamisch" wird. "Das gehört dazu", sagt André Potzler. Entscheidend sei, wach zu sein, wenn es darauf ankommt, schiebt der Sprecher des Trainingskommandos der 7. US-Armee hinterher.

Tatsächlich soll die 12-Millionen-Dollar-Übung aber mehr leisten, als die Geduld zu schulen. Es geht um armee-übergreifende Zusammenarbeit. Oft steht der nicht nur die Sprachbarriere im Weg, wie Übungsorganisator Major Andrew Champion ausführt. Jede Armee habe ihr eigenes System, um die Artillerie zu koordinieren und zu steuern. So wie - etwas vereinfacht - Computernutzer manchmal verzweifeln, wenn Windows- und Apple-Computer "zusammenarbeiten" sollen, so kämpfen die verbündeten Armeen damit, ihre Systeme kompatibel zu machen. ASCA heißt die Schnittstelle, die diese Aufgabe übernehmen soll. ASCA zu verbessern, ist Ziel von Dynamic Front. Die Übung gibt es seit 2015. Die Ergebnisse fließen jeweils in die Fortsetzung ein. Im vergangenen Jahr habe es sich etwa als Nachteil erwiesen, dass die Nato keine Doktrin, keine feststehende Handlungsvorgabe, für bestimmte Szenarien hat. Inzwischen wurde eine solche Doktrin erarbeitet. Bei Dynamic Front 19 muss sie nun beweisen, ob sie etwas taugt.

Bis zu 40 Kilometer

Was das für die Soldaten an den Geschützen bedeutet, kann Travis Hunt erklären. Der US-Captain befehligt eine von 18 155-Millimeter-Haubitzen des 2. Kavallerie-Regiments der US-Armee. Diese Stryker-Brigade ist in Vilseck stationiert. Der Offizier beschreibt ein typisches Szenario: Ein estnischer Spähposten hat an der bis zu 40 Kilometer entfernten Front ein Ziel für die Artillerie ausgemacht und meldet dies ans Hauptquartier - in seiner Sprache und in seinem System. In der Zentrale sitzt ein kanadischer Soldat, der entscheiden muss, wie und von wem sich das Ziel am besten bekämpfen lässt. Im Falle des Falles erteilt er Hunt die Anweisungen, ebenfalls im eigenen System, Dank ASCA erhält Hunt Koordinaten und Vorgaben wiederum für sein System verständlich und kann schnell der kämpfenden Truppe an der Front zu Hilfe kommen.

Wie schnell dies funktioniert, ist ein Maßstab, für die Qualität der Zusammenarbeit. Und auch der Erfolg der Übung, lasse sich daran ablesen, sagt Oberstleutnant Christian Kiesel. Der Kommandeur des 131. Artilleriebataillons der Bundeswehr ist mit dem Fortschritten zufrieden. Am Montag habe es zehn Minuten gedauert, von der Meldung des "vorgeschobenen Beobachters" ans Hauptquartier über die Information an die Artillerie-Einheit im Feld bis zum Schuss. "Am Mittwoch haben wir 3 Minuten und 12 Sekunden erreicht."

Für Kiesel und seine Truppe ist die Übung in Grafenwöhr ein Heimspiel. Die 131er sind in Weiden stationiert, der Übungsplatz sei "zweite Heimat". Davon profitiert aktuell auch eine französische Einheit. Diese nutzt mit den Raketenwerfern vom Typ Mars das gleiche Waffensystem. "Wir haben die Kameraden über das Gelände auf dem Übungsplatz informiert", sagt Major Andreas Leischner, der die deutsche Mars-Batterie befehligt. Und natürlich sitze man am Feierabend auch bei einem Bier zusammen, ergänzt sein Chef Kiesel.

Auch diese persönlichen Kontakte seien gewollt und können im Ernstfall helfen, "Leben zu retten", wie es Travis Hunt ausdrückt. "Partnerschaft ist mehr, als dasselbe Abzeichen auf der Schulter zu tragen", sagt der US-Captain. Es helfe, wenn man die Menschen persönlich kennt, mit denen man zusammenarbeitet, von deren im Ernstfall das eigene Leben und das der Kameraden abhängt.

Fünf minütiges Inferno

Major Leischner benennt noch einen Aspekt, bei dem die Übung hilfreich sein kann. In der Öffentlichkeit hat die Bundeswehr zuletzt nicht die beste Figur abgegeben. Im direkten Vergleich zeige sich dann aber, dass die deutsche Armee sich nicht verstecken muss. "Wir sind gut trainiert und organisiert", sagt Leischner. Und auch bei der Ausrüstung gilt: "Im direkten Gespräch erfährt man, dass die US-Amerikaner auch ihre Probleme haben."

Von Problemen ist ansonsten bei der Übung wenig zu bemerke. Auch nicht auf dem Schwarzen Berg, hoch über der Impact-Area, in die die Geschosse einschlagen. Wegen des hervorragenden Überblicks haben hier nicht nur die Späher ihre Posten bezogen. Als am Nachmittag ein "kombiniertes Schießen" ansteht, ist die Offiziersdichte hier oben recht hoch. Man ist gekommen, um das fünfminütige Inferno etwa 150 Meter weiter unten zu beobachten. Dichte Rauchwolken steigen auf, während es aus allen Richtungen zu knallen und zu pfeifen scheint. Für Laien ist nicht zu erkennen, ob die Geschosse dort landen, wo sie sollen. Die gelöste Stimmung nach dem Beschuss spricht aber dafür.

Die Qualität der Übung lässt sich letztlich erst nach dem Samstag bewerten. Dann werden mehrere tausend Geschosse in der Impact-Area eingeschlagen haben. Hinzu kommen eine Menge "virtueller Granaten". Ein Großteil der Übung findet längst nur mehr digital statt. Die Spezialisten füttern ihre Rechner mit verschiedenen Szenarien und bewerten, was die Schnittstelle ASCA daraus macht. Die Ergebnisse dienen wiederum dafür, die Dynamic Front 20 zu planen. Denn auch im kommenden Jahr werden sich die Artilleristen auf dem Übungsplatz wohl wieder in Geduld üben, während in den umliegenden Dörfern die Fensterscheiben für eine Woche etwas heftiger vibrieren.

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