14.09.2020 - 19:35 Uhr
GrafenwöhrDeutschland & Welt

Wolfsregion nördliche Oberpfalz – Rudel fühlen sich wohl

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Vier Jahre ist es her, dass auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr der erste Wolf in eine Fotofalle tappte. Zeit, Bilanz zu ziehen. Was wurde aus den Wölfen? Wie schützen Landwirte in der Region ihre Weidetiere?

Auch in der Oberpfalz erobern sich die Wölfe ihre alte Heimat zurück
von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

Die Aufnahme einer Wildtierkamera auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr (Kreis Neustadt/Waldnaab) bestätigt im September 2016, was bereits seit Monaten vermutet wurde: Der Wolf ist zurück – nach gut 270 Jahren können an drei Orten standorttreue Wölfe nachgewiesen werden. Nachwuchs scheint es in diesem Jahr auch zu geben.

Hans Lehner ist Jäger und arbeitet seit zwanzig Jahren im „Netzwerk große Beutegreifer mit. Seine Aufgabe ist es, Hinweise auf Wölfe, etwa durch Losungen oder Rissfunde, zu dokumentieren. Für Anwohner, Polizei und Jäger ist er als Ansprechpartner vor Ort tätig.

Anzeichen für Nachwuchs im Manteler Forst gab es bereits Ende Mai, als die Wölfin in eine Fotofalle tappte. „Das Gesäuge war eindeutig zu erkennen“, berichtet Lehner. Offizielle Hinweise auf den Nachwuchs gibt es noch nicht, allerdings haben sich bei ihm bereits Jäger gemeldet, die vier Welpen von ihren Hochsitzen aus beobachtet haben.

Die Wölfe im Manteler Forst, die zwischen Parkstein und Kohlberg leben, siedelten sich zu Beginn des Jahres an. Nachgewiesen wurde dies durch Losungsproben und Fotos von Wildtierkameras. Auch konnte herausgefunden werden, woher die Tiere stammen. Die Fähe stammt aus Nochten in Sachsen, der Rüde stammt aus dem Veldensteiner Forst. Interessant, findet Lehner, denn „normalerweise nehmen Jungtiere mehrere hundert Kilometer auf sich, um ein eigenes Revier zu finden“. Wölfe leben in einem Familienverband, der aus den Elterntieren und ihren Nachkommen der vergangenen zwei bis drei Jahre besteht. Sie bleiben so lange im Rudel, bis sie geschlechtsreif sind.

Elektrischer Weidezaun für Schafe

Die Rückkehr des Wolfs stellt Landwirte vor neue Herausforderungen. Wie werden Herdentiere wie Schafe, Ziegen und Rinder vor Angriffen geschützt? Alexander Burggraf aus Kirchenthumbach (Kreis Neustadt/Waldnaab) züchtet seit zwölf Jahren im Nebenerwerb englische Suffolk-Schafe. Seine Tiere stehen im Herdbuch und haben nicht nur für die Zucht einen hohen Wert. Bisher verkauft er einen Teil seiner Schafe an andere Züchter weiter. Nächstes Jahr möchte er Fleisch- und Wurstprodukte in der Region verkaufen.

Seine 20 Schafe, Lämmer und Böcke wird Burggraf in Zukunft mit einem großen elektrischen Weidezaun und einem mobilen Stall schützen. „Unsere Weide ist nur einen Kilometer Luftlinie vom Truppenübungsplatz entfernt“, erklärt er. Auch die Nähe zum Wolfsrudel im Veldensteiner Forst gibt ihm zu denken: „Wir sind hier im Risikogebiet.“ Maßnahmen zum Herdenschutz werden derzeit vom Freistaat fast komplett gefördert. Die Akzeptanz für wildlebende Wölfe soll dadurch gesteiergt werden.

Sieben Anträge auf Herdenschutz

„So lange die Wiese grün ist, sind unsere Tiere auf der Weide“, erklärt Burggraf. Eine Förderung für gut zwei Kilometer Zaun und einen mobilen Stall hat er in diesem Jahr beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) beantragt. Der mobile Schafstall ähnelt einem Pferdeanhänger. Am Abend werden die Tiere dort bis zum nächsten Morgen untergebracht. „Ich bin froh, dass es diese Förderung gibt“, sagt er, „so kann ich besser schlafen“. Den letzten Angriff auf Nutztiere gab es im Landkreis Neustadt/Waldnaab laut Landesamt für Umwelt (LfU) zuletzt im Januar 2020. „Man muss abwarten, ob sich der Wolf von der Höhe des Zauns oder einem Stromschlag abhalten lässt“, meint Burggraf.

Mit seinem Vorhaben ist Burggraf nicht alleine. In diesem Jahr gingen im AELF bereits sieben Anträge für Zaunprojekte ein. „Es handelt sich dabei um elektrische Weidezäune für Ziegen und Schafe“, erklärt Mitarbeiter Bernhard Strehler. Ein Landwirt wird für seine Rinderherde einen Zaun bauen. Für einen Herdenschutzhund hat sich keiner entschieden.

Standorttreue Wölfe in der Region

Ob sich ein Wolf in einem Gebiet niederlässt, hängt vor allem von der verfügbaren Nahrung und ausreichenden Rückzugsgebieten ab. Das LfU bezeichnet Wölfe als standorttreu, wenn „sie innerhalb eines halben Jahres mindestens zweimal und im siebten Monat erneut genetisch nachgewiesen werden“. Die bereits als solche eingestuften Rudel in Grafenwöhr und Veldenstein (Kreis Bayreuth) entwickelten sich unterschiedlich – ein Überblick:

Keine Welpen in Grafenwöhr

Dass der Wolf auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr nicht auf der Durchreise war, belegten vor vier Jahren weitere Aufnahmen zweier Wildtierkameras. Die gefundene Losung wurde für weitere Untersuchungen ins Labor gebracht – und überraschte: Es handelte sich um zwei Wölfe. Ihre Herkunft lässt sich sogar bestimmen. Das männliche Tier stammt aus der zentraleuropäischen Tieflandpopulation, ein Gebiet welches sich von Polen bis nach Nord- und Ostdeutschland erstreckt. Die Fähe stammt aus einem Rudel in Brandenburg. Auf Nachwuchs wartet man seit vier Jahren vergeblich. Das Wolfspaar auf dem Truppenübungsplatz genießt das Leben wohl lieber zu zweit.

Familiendrama in Veldenstein

„Zu 96 Prozent ernährt sich der Wolf von Rehen, Rothirschen und Wildschweinen“, erklärt der Bund Naturschutz. Als im April 2017 dreimal verendetes Rotwild am östlichen Rand des Veldensteiner Forsts gefunden wurde, hatte man zunächst die Vermutung, dass dafür das Wolfspaar aus Grafenwöhr verantwortlich war. Genauere Informationen lieferten die Speichelspuren an den erlegten Tieren und spätere Losungsfunde. Das Ergebnis ließ aufhorchen: Es handelt sich um eine Fähe aus einem Rudel südwestlich von Potsdam. Im Januar 2018 wurde die Wölfin als standorttreu eingestuft. Zwei Monate später konnten an einem toten Hirschkalb die genetischen Spuren eines männlichen Wolfs nachgewiesen werden.

Im Veldensteiner Forst wurden von 2018 bis 2019 elf Welpen genetisch nachgewiesen, teilte das Landesamt für Umwelt mit. Mindestens vier dieser Tiere leben derzeit noch im Rudel, zwei wurden Opfer von Verkehrsunfällen. Im vergangenen September wurde die Mutter der Welpen ebenfalls durch einen Verkehrsunfall getötet. Der Nachwuchs war zu diesem Zeitpunkt schon so weit ausgewachsen, dass er ohne das Muttertier überleben konnte.

Dennoch werden 2020 wieder Jungtiere im Veldensteiner Forst erwartet. Im Mai dieses Jahres gelang der Fotonachweis einer Wölfin mit Gesäuge. Die Identität des aktuellen Muttertieres ist aber nicht bekannt. „Es könnte sich um eine neue Fähe oder um eine Tochter des Rüden handeln“, meint Hans Lehner. „Auskunft darüber, wer die Dame ist, kann nur über genetische Untersuchungen herausgefunden werden.“

Kommentar: Zwischen Angst und Zuversicht

Grafenwöhr

Forschungsprojekt zum Wolf auf dem Truppenübungsplatz

Kirchenthumbach

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Hintergrund :

Der Wolf

  • Seit 2006 leben Wölfe wieder in Bayern. Die Tiere stammen aus der zentralen Flachlandpopulation – ein Gebiet, das sich von Polen über Nord- und Ostdeutschland erstreckt – oder aus der süd-westlichen Alpenregion.
  • Als Wolfsrudel bezeichnet man ein Wolfspaar, das mit seinen Welpen und Jährlingen zusammen lebt. Die Welpen kommen Anfang Mai, nach zweimonatiger Tragezeit zur Welt. Die Jährlinge sind ein bis zwei Jahre alt. Noch nicht geschlechtsreif helfen bei der Aufzucht der Kleinsten mit.
  • Sobald die Jährlinge geschlechtsreif sind, verlassen sie in der Regel das elterliche Territorium. Dann beginnt für sie die Suche nach einem Partner und einem eigenen Revier mit Wanderungen von oft vielen hundert Kilometern.
  • Der männliche Wolf heißt Rüde, eine Wölfin wird als Fähe bezeichnet. Ein Wolfspaar lebt in einer monogamen Partnerschaft und bleibt ein Leben lang zusammen.
  • Rüden werden zwischen 25 und 47 Kilogramm schwer, Fähen zwischen 22 und 36 Kilogramm.
  • Eine durchschnittliche Reviergröße liegt zwischen 150 bis 350 Quadratkilometern. Durch regelmäßige Markierungen und Heulen, grenzen Elterntiere ihr Territorium ab.

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