München
16.11.2018 - 11:47 Uhr

Horst Seehofers bitteres Ende als CSU-Vorsitzender

Nun hat die CSU Gewissheit: Horst Seehofer gibt Anfang 2019 den Parteivorsitz ab. Ein unwürdiger Abgang: Der CSU-Chef hat sich zuletzt selbst demontiert.

Im Januar 2019 will Horst Seehofer den CSU-Parteivorsitz abgeben. Bild: Matthias Balk/dpa
Im Januar 2019 will Horst Seehofer den CSU-Parteivorsitz abgeben.

Es war um das Jahr 1990, als der damalige CSU-Vorsitzende Theo Waigel das Münchener Presse-Korps zu einem geselligen Abend in eine der großen Brauereien der Landeshauptstadt einlud. Waigel hatte einen Gast dabei, den er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen wollte. Er erschien mit einem jungen schlaksigen Mann, der alle anderen an Körpergröße überragte: Horst Seehofer. Der war zu dieser Zeit zwar schon bald zehn Jahre Bundestagsabgeordneter, doch außerhalb Ingolstadts ein in der Landespolitik unbeschriebenes Blatt.

Waigel hatte das politische Talent dieses Hünen erkannt und hielt ihn zu Höherem berufen. Der Abend in München sollte die Berichterstatter für Seehofer sensibilisieren, auf dass Leser und Zuschauer bald mehr von diesem Mann erfuhren, der so spitzbübisch schauen konnte und eher heiser hustete als lachte. Tatsächlich brachte Waigel den Oberbayern kurz darauf als Staatssekretär im Bundessozialministerium unter. 1992 wurde er gar Gesundheitsminister unter dem Kanzler Helmut Kohl (CDU). Auch in der CSU rückte Seehofer auf. 1994 wurde er Waigels Vize.

Schon damals war Seehofer zwar fest in der CSU verwurzelt, aber alles andere als stromlinienförmig und mitunter auch ein Querkopf. Wie nur wenige andere hatte er das Ohr am Bürger und der Parteibasis, mit seiner Meinung hielt er selten hinterm Berg. Bei den Wahlen zum CSU-Vize war er deshalb als "Versteher", als "einer von uns" nicht selten Stimmenkönig auf den Parteitagen. Selbst aus kleinen Verhältnissen stammend verschrieb er sich der Sozialpolitik und wurde zur "Stimme des kleinen Mannes". Als Antipode zum damals neoliberalen Zeitgeist galt er vielen Funktionären in CDU und CSU als "Herz-Jesu-Sozialist".

Nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 wurde Seehofer zum Vize der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewählt. Erst wirkte er dort an der Seite von Wolfgang Schäuble, dann von Friedrich Merz und schließlich von Angela Merkel. Deren Wahl zur CDU-Partei- und Fraktionschefin 2002 sollte die weitere Karriere Seehofers prägen. Wer den Dauerzwist der beiden in den vergangenen Jahren verstehen will, findet die Basis in dieser Zeit gelegt. Zum ersten Mal gerieten sie aneinander, als Merkel in der CDU die "Kopfpauschale" in der Krankenversicherung durchsetzte. Der unabhängig vom Einkommen geplante Einheitstarif widersprach Seehofers Verständnis vom solidarischen Sozialstaat. 2004 trat er als Fraktionsvize im Bundestag zurück und überwarf sich in dieser Frage auch mit CSU-Chef Edmund Stoiber. In der Sache sollte er recht behalten, die Pauschale erwies sich als politische Totgeburt.

Der begnadete Redner und genauso gute Zuhörer Seehofer sollte aber nicht lange auf sein Comeback warten müssen. 2005 ernannte ihn die Kanzlerin Merkel zum Agrarminister. Zwei Jahre später griff er nach dem die CSU zerreißenden Sturz Edmund Stoibers nach dem CSU-Vorsitz. Doch Ironie der Geschichte: Die gezielte, über die Bild-Zeitung lancierte Indiskretion über eine uneheliche Vaterschaft Seehofers kostete ihm wohl den Erfolg über Erwin Huber. Ausgerechnet Seehofer, der das virtuose Spiel mit dem Verbreiten von Interna und dem politischen Fallenstellen bis zur Perfektion beherrschte, stolperte damals über eine Intrige.

Schon ein Jahr später aber war an Seehofer kein Vorbeikommen mehr. Das - aus damaliger Sicht - beispiellose Scheitern des CSU-Führungsduos Günther Beckstein und Erwin Huber bei der Landtagswahl 2008 spülte ihn ganz nach oben. Unbelastet von den Ränken und Fehlern der CSU in Bayern wurde er quasi als der Messias aus Berlin an die Spitze von Staatsregierung und Partei gerufen. Wobei er im Hintergrund natürlich nicht unentscheidend an den Rücktritten Hubers und Becksteins mitgebastelt hatte. Auch das verdeckte Spiel über die Bande gehört zu Seehofers Stärken.

Es folgten Seehofers wohl erfolgreichste Jahre. Unkonventionell, aber bisweilen anbiedernd bürgernah leitete er die Geschicke Bayerns und der CSU. Sein Meisterstück war die Landtagswahl 2013, als er die absolute Mehrheit zurückeroberte. Doch wie seinerzeit Edmund Stoiber 2003 mit dem Erringen der Zwei-Drittel-Mehrheit fühlte sich Seehofer mit diesem Erfolg unverwundbar und legte damit den Keim für die Phase der Demontage, in der er sich nun befindet. Kritiker bezeichnete er als "Kleinstrategen", der Kampf gegen Markus Söder als möglichen Nachfolger geriet ihm zur Manie. Er machte den Menschen unhaltbare Versprechungen und legte sich in der Flüchtlingspolitik auch dann noch unbeirrbar mit Merkel an, als selbst Wohlmeinende - darunter sein einstiger Mentor Theo Waigel - dringend davon abrieten. Seehofer lebte zunehmend in seiner eigenen Welt.

Den letztmöglichen Absprung zum ehrbaren Rücktritt hat er wohl verpasst, als er nach dem CSU-Debakel bei der Bundestagswahl 2017 - anders als Theo Waigel 1998 in ähnlicher Lage - die Zeichen der gegen ihn sprechenden Zeit nicht erkannte und sich stattdessen das Amt des Bundesinnenministers aufhalste. So ist es einsam geworden um Horst Seehofer in der CSU. Sein Schicksal hat er jetzt nur noch bedingt in den eigenen Händen. Über einer großen Politiker-Karriere wird am Ende der Schatten einer unwürdig gestalteten letzten Etappe liegen.

 
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