Interview mit Dion DiMucci: Der ewige Wanderer

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Verdammter Blues - wen er einmal unter seinen Fittichen hält, den lässt er nicht mehr los. Dion DiMucci, geboren im Juli 1939 in der New Yorker Bronx, weiß, wovon an dieser Stelle die Rede ist.

Dion weiß, wie man singt und er weiß genau, wie man diese Blues-Songs richtig erschafft. Er hat ein paar Freunde zur Hand , die ihm helfen, einige echte Koryphäen. Aber am Ende ist es Dion allein und seine meisterhafte Stimme, die einen immer wieder zurückkehren lassen, um diese Blues-Songs mit ihm zu teilen.
von Autor MFGProfil

"Ich bin dieser Bestie seit meiner Teenager-Zeit verfallen", lacht er gleich zu Beginn des Telefoninterviews und klingt dabei hörbar gequält. Es verwundert jedenfalls nicht, dass die neue Scheibe des Mannes, den das Rockmagazin "Rolling Stone" unter den "besten hundert Sängern aller Zeiten" listet, "Blues With Friends" betitelt ist.

Seit ein Onkel ihm mit 12 die erste (gebrauchte) Gitarre in die Hand drückte, war es um den spindeldürren Amerikaner mit den Italo-Wurzeln geschehen. Bereits als Teeny trat er in lokalen Bars auf. Bereits als Teeny kam er mit harten Drogen in Berührung. Eine Abhängigkeit, die Dion erst mit 30 in den Griff bekam.

Unabhängig von diesen Abgründen kann das ehemalige Gang-Mitglied auf eine formidable Rock-'n'- Roll-Karriere zurückblicken. Und auf jede Menge Klassiker, welche in den 50ern und 60ern reihenweise die Charts enterten, etwa "A Teenager In Love", "Runaround Sue" oder der unvergessliche "The Wanderer".

Der vermutlich schwärzeste Tag seines Künstler-Daseins dürfte der 3. Februar 1959 gewesen sein. Dion war mit Buddy Holly, Ritchie Valens, The Big Bopper und anderen erfolgreichen Rock-Jungspunden auf Tournee. Holly hatte einen Flieger organisiert, der Platz für den Piloten sowie drei der Musiker bot, um von Fargo, North Dakota nach einem Konzert schneller zum nächsten Auftrittsort im US-Bundesstaat Minnesota zu gelangen.

Der Rest der Crew musste sich auf eine quälende Busfahrt durchs Schneetreiben gefasst machen. "Ich wäre gerne mitgeflogen", grübelt Dion rückblickend, "doch der Ticketpreis von 36 Dollar war mir zu hoch. Also entschied ich mich für den Bus. Mein Glück - und mein ewiger Fluch!" Denn die drei befreundeten Musiker kamen in dem Flieger bei einem Unfall ums Leben.

Eine Geschichte, die Dion bis heute beschäftigt. "Aber es muss ja weitergehen", murmelt der Über-80-Jährige. Und weil dem so ist, gibt es jetzt ein neues Album namens "Blues With Friends", das er mit alten und neuen Kumpels aufgenommen hat, etwa Joe Bonamassa, Jeff Beck, Paul Simon oder Bruce Springsteen. Was darauf zu hören ist? "Blues natürlich", lacht Dion, "etwas anderes habe ich nicht gelernt."

ONETZ: Sie nennen Ihre neue Produktion „Blues With Friends“. Sind das in der Tat allesamt Kumpels, die Ihnen darauf zur Seite gestanden haben?

Dion: Absolut! Wobei dieses Album ursprünglich überhaupt nicht als Duett-Konzept geplant war. Stattdessen habe ich im Laufe der letzten vier Jahre 14 Songs komponiert, um damit ein neues Solo-Werk zu bestücken. Eines Abends vor vielleicht zwei Jahren saß mein alter Buddy Joe Bonamassa bei mir im Studio rum, weil ich ihn eingeladen hatte, sein Urteil über meine Lieder abzugeben.
Was soll ich sagen? Joe meinte spontan, er würde gerne bei einigen der Kompositionen mit einsteigen. Er schnappte sich eine meiner Klampfen und hat improvisiert. „Wow“, dachte ich, „das klingt großartig!“ Als er mit seiner Einlage fertig war, sagte er lapidar: „Ach ja, zu diesem und jenem Stück könnte ich mir Brian Setzer von den Stray Cats oder Jeff Beck als Ergänzung vorstellen.“ Woraufhin ich meinte: „Na ja, auch meine alten Kumpels Van Morrsion, Bruce Springsteen, Paul Simon oder Billy Gibbons von ZZ Top würden sich gut machen.“
Zunächst habe ich das als Spinnerei abgetan. Aber Joe bohrte nach: „Lass uns doch mal ein paar Versuchsballons starten.“ Das taten wir in den kommenden Monaten. Und mit einem Mal erklärten sich all diese großartigen Musiker – und noch einige mehr -, bereit mitzumischen bei diesem Projekt. Eine echte Freundschaftsaktion.

ONETZ: Warum ist Ihnen der Blues als Ausdrucksform derart wichtig?

Dion: Ich bin seit langer Zeit tief gläubiger Christ. Jesus hat mich von diesem Heroin-Dreck weggebracht. Für mich ist der Blues die simpelste, direkteste Möglichkeit, musikalisch mit Gott ins Gespräch zu kommen. Wie mit Gott bist du auch mit dem Blues niemals alleine. B. B. King hat mal gesagt: „Wir Blues-Männer mögen traurige Musik spielen. Aber wir tun das, um unsrer Zuhörer und letztlich uns selbst glücklich zu machen.“ Das mag sich paradox anhören. Doch es ist die Wahrheit. Blues steht für ein Lebensgefühl, in dem Kummer zu Trost wird.

ONETZ: Wie wurde diese Wundertüte an Album organisiert?

Dion: Wir haben uns die Einfälle und Ideen via Internet hin und her geschickt. Basis waren meine Grund-Kompositionen. Und die Kollaborateure (lacht) haben munter improvisiert. Eigentlich mag ich so eine eher unpersönliche Art zu arbeiten nicht. Irgendwann hat es aber dennoch Spaß gebracht. Ich war jede Nacht aufs Neue baff erstaunt, wenn ich vor dem Computer saß, was sich meine Mitstreiter haben einfallen lassen zu meinem Zeug.

ONETZ: „Blues With Friends“, eine große virtuelle Sause?

Dion: Das Ganze war in der Tat eine Art ausgelassener Party. Die meisten Stücke wurden im Dezember finalisiert. Dadurch allesamt wahre Weihnachtsgeschenke für mich! Das größte Geschenk hat mir allerdings Van Morrison bereitet, nachdem ich seine Zusage hatte. Denn er ist der Lieblingssänger meiner Frau Sue, mit der ich seit 57 Jahren verheiratet bin. Seit dieses Lied im Kasten ist, bin ich ihr absolut unsterblicher Held. Danke, Van! (lacht)

ONETZ: Wer zeichnete für die finale Absegnung verantwortlich?

Dion: Das war meine Wenigkeit. Wobei ich aus Respekt auf alle Wünsche meiner Kreativpartner eingegangen bin, keine Frage. Worüber ich mich sehr gefreut habe: Dass Bob Dylan, den ich seit sechzig Jahren kenne, zwar keinen musikalischen Beitrag geliefert hat, dafür aber einen Text fürs Booklet. Dass ich alles richtig mit der Platte gemacht habe, beweist der Umstand, dass dieses Ding gleich nach Erscheinen in die Top Ten der US-Charts eingestiegen ist. Wow!

ONETZ: Wir sehen Sie auf dem Cover von „Blues With Friends“ mit einer Gitarre in der Hand. Welche Bedeutung hat dieses Instrument für Sie?

Dion: Seit Buddy Holly mir am 3. Februar 1959 seine Klampfe in die Hand gedrückt hat, ehe er in diesen verfluchten Flieger einstieg, verbunden mit der Bitte, ich möge gut auf sie aufpassen – seitdem hat sie einen Heiligen-Status für mich. Nach wie vor übe ich beinahe jeden Tag auf ihr. Gitarrespielen ist wie Mediation. Ich entdecke immer wieder Neues, wenn ich mich mit dieser rätselhaften Sphinx beschäftige.

ONETZ: Man bezeichnet Sie gerne als „lebende Legende“. Wie gehen Sie mit dieser Einschätzung um?

Dion: Eine Legende zu werden, das ist nicht so schwer, wenn man ein bisschen Talent besitzt. Mit dem Leben ist das eine andere Nummer. Das Ding ist viel komplizierter. Überleben ist ab einem gewissen Alter recht schwierig. Aber auch spannend. Ich hoffe, ich darf mir diese Sache noch eine Zeitlang anschauen.

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Deutschland und die Welt

Hier finden Sie die Webseite von Dion DiMucci

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