Ausputzer Gottes

Im Fußball wäre er der letzte Mann, der Ausputzer - einen, den es im modernen Taktikkick nicht mehr gibt. Im Bistum Regensburg kümmert sich Pfarrer Manfred Strigl um jene Seelen, die an der Schwelle zum Austritt stehen.

Pfarrer Manfred Strigl lädt ein, in der Kirche zu bleiben: „Auch die Unbequemen können in der Institution mit ihrem Anliegen viel erreichen.“ Neuerdings beantwortet der Schnaittenbacher auch E-Mail-Anfragen zur Aktion „Kirchenaustritte“.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Warum sollte es der Kirche anders ergehen, als der Gesellschaft, deren Teil sie ist? Jahr für Jahr verlieren Vereine, Verbände und eben auch die Kirchen Mitglieder. Ein Trio im Bistum will sich damit nicht abfinden: "Wir, das sind der Tirschenreuther Regionaldekan Georg Flierl, Diözesan-Caritasdirektor Michael Weißmann und ich", zählt Manfred Strigl, Leiter des Begegnungshauses Johannisthal, auf.

Die Ruhe dieses spirituellen Ortes im Oberpfälzer Wald, ein in die Natur eingebettetes und von den Architekten-Brüdern Brückner behutsam modernisiertes Kraftzentrum, strahlt auf den Schnaittenbacher Pfarrer aus. Gelassen sitzt der 56-Jährige unterm Sonnenschirm in der Bruthitze dieses Brachialsommers - und denkt laut über die vielen Telefonate mit Beladenen und Zweifelnden, mit Enttäuschten und Verärgerten nach. "Eigentlich ist Austrittstelefon der falsche Begriff", sinniert Strigl, "am Ende des Gesprächs, wenn der Ärger verflogen ist, sagen viele, sie haben den Austritt nicht ernsthaft in Erwägung gezogen."

Wo der Schuh drückt

Jeden drückt der Schuh ein wenig anders, eines aber haben die Anrufer gemeinsam: "Die Leute wollen sich aussprechen", sagt Strigl, "sie wollen wahrgenommen werden." Das scheint auch im kirchlichen Umfeld manchmal zu kurz zu kommen. "Manche waren bei ihnen wichtigen Themen anderer Meinung, wurden aber nicht vorgelassen zum Pfarrer", nennt er ein Beispiel für "christliche Servicekultur", die von den Vertretungen im Pfarrbüro abhänge: "Manche sind exzellent, manche weniger", stellt Strigl lakonisch fest. Häufig gehe um die Taufe, die Hochzeit, die Beerdigung. "Und nichts ist schlimmer, als wenn sich jemand nicht ernst genommen fühlt."

Oft diktiere ein Generationenkonflikt das Gesprächsprotokoll: "Für den Opa oder die Oma war der Glaube Lebensinhalt", sagt Strigl. "Sie können nicht verstehen, warum die Enkel nicht mehr jeden Sonntag in die Kirche gehen." Kann man dann noch die Eucharistie empfangen? "Ich will niemanden in einen Konflikt treiben", beschreibt der Pfarrer den Balanceakt zwischen Katechismus und Pragmatismus.

"Ich will keine Mauern aufbauen", sagt Strigl, "man soll die eigene Position klar, aber liebevoll beschreiben." Andere Anrufer haderten wegen ihres überkommenen Gottesbildes: "Ein strafender, kein gütiger Gott, der sie zeitlebens verfolgt hat." Strigl versucht das Bild zu korrigieren, ohne es völlig weichzuzeichnen: "Beliebigkeit ist auch keine Lösung."

Papst Franziskus habe Recht: "Unsere wichtigste Aufgabe ist es, an der Not dran zu sein, Hilfen anzubieten - und die meisten sind Realisten genug, um zu wissen, dass ich keine Lösung aus dem Stand anbieten kann." Was viele aber überrascht: Auch wenn die Kirche zu den großen Streitthemen wie Kommunion der Wiederverheirateten eine klare Meinung habe: "Wir schauen den Einzelfall an, weil wir wissen, jede Geschichte ist anders." Die Frage sei, wie man die pastoralen Leitsätze handhabe, welche Spielräume der Seelsorger habe: "Man sieht von außen nicht, wie wir in der Kirche ringen, wie der Bischof Herz zeigt."

Man könne Brücken bauen, auch in ganz profanen, aber existenziellen Dingen wie im Fall entlassener Mitarbeiter nach einer Insolvenz, die eigentlich Kirchensteuer auf ihre Abfindung zahlen müssten: "Wir haben den Kontakt zum Konsistorium hergestellt", erzählt der Pfarrer, "der Leiter des Kirchensteueramtes lotet aus, welchen Spielraum er hat."

Das allzu Menschliche

Nur wenige Besucher laufen an diesem Dienstagvormittag an den Freisitzen zwischen Rezeption und Kapelle vorbei, in deren Mensa die Reliquien des Hl. Wolfgang, von Johannes Paul II., Anna Schäffer und Paul Josef Nadini, dem Gründer der Mallersdorfer Schwestern, eingelassen sind. Eine Referentin auf dem Weg zum Seminar erinnert den Pfarrer an sein ökologisches Versprechen: "Man kann ganz gut auch mit dem Zug aus Regensburg herfahren", sagt sie lachend. Gut, zumindest nach Windischeschenbach, dann wartet noch ein Fußmarsch von rund drei Kilometern. Pfarrer Strigl ein wenig zerknirscht: "Man spart halt schon viel Zeit mit dem Auto."

Es sind solche Begegnungen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Wahrheit, die auch bei den Telefonaten helfen - nach dem Motto, der Geist ist willig, der Mensch aber schwach: "Wir sehen schon, dass es anderswo viel schlimmer zugeht, dass in unserer komplizierten Welt, alles mit allem verwoben ist - und der Reichtum Europas, die Konsumgesellschaft auch mit ein Grund für Umweltzerstörung, Bürgerkriege, Flucht und Elend sind." Und dennoch, auch die Sorgen in der eigenen kleinen Welt wiegen schwer: "Manche sagen, lass mich doch in Ruhe damit, ich muss mich um meine Probleme kümmern." Die Belastbarkeit von Menschen sei eben auch unterschiedlich.

Info:

Austritte im Bistum Regensburg

6499 Katholiken erklärten im vergangenen Jahr im Bistum Regensburg ihren Austritt aus der Kirche. „Vordergründig spielt die Kirchensteuer eine Rolle“, fasst Pfarrer Manfred Strigl zusammen, „aber meist stecken tiefere Enttäuschungen oder der verlorengegangene Glaube dahinter.“ Im Bistum leben 1 166 109 Katholiken. Der Austritt entspricht einer Quote von 0,557 – pro 1000 Katholiken schieden rund 5 aus. Die Bistümer Passau und Regensburg rangieren mit ihren Austrittsquoten (0,55) am unteren Ende. Es folgen Würzburg (0,6), Eichstätt (0,65), Bamberg (0,71), Augsburg (0,72) und München (1,06). Mit diesem Trend möchte sich die Kirche nicht abfinden und hat erneut die Aktion „Kirchenaustrittstelefon“ gestartet: Vertreter des Bistums stehen bis 31. August zur Verfügung. Und keine Angst: „Wir respektieren die Entscheidung der Anrufer“, beteuert Strigl. (jrh)

Diakon Michael Weißmann: Telefon 0151/73 02 94 84

Pfarrer Georg Flierl: Telefon 09631-1451; info[at]pfarrei-tirschenreuth[dot]de

Regionaldekan Manfred Strigl: Telefon 0151/26 15 13 75; manfred.strigl[at]haus-johannisthal[dot]de

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