Interview mit Landwirt Eibisch: Tierwohl kann man kaufen

Dass Tiere im Stall ein gutes Leben führen, kostet Geld. Aber wer zahlt dafür? Ein Gespräch mit Ely Eibisch, Landwirt und Vize-Bezirksvorsitzender des Bayerischen Bauernverbandes über Tierwohl.

Für den Begriff „Tierwohl“ gibt es keine genaue Definition, gemeint damit ist aber eine Verbesserung der Lebensqualität und des Wohlergehens des Nutztiers.
von Christa VoglProfil

ONETZ: Herr Eibisch, wer bestimmt über Tierwohl in bayerischen Ställen?

Ely Eibisch: Es gibt Tierwohl-Richtlinien, die von den landwirtschaftlichen Betrieben eingehalten werden müssen. Die EU erarbeitet die Rahmengesetze, bei der Umsetzung haben die Mitgliedstaaten aber einen gewissen Spielraum. Oft werden in Deutschland diese Richtlinien auf Bundesebene verschärft umgesetzt, und auch auf Landesebene kann es dazu striktere Vorgaben geben.

ONETZ: Können Sie dazu ein Beispiel geben?

Zum Beispiel die Ferkelkastration. In Bayern ist seit dem 1. Januar vorgeschrieben, dass die Ferkel vor diesem Eingriff betäubt werden müssen. In anderen EU-Staaten gibt es diese Regelung nicht. Das ist natürlich mit zusätzlichen Kosten für unsere Landwirte verbunden. Und dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass durch die erhöhten Kosten die Ferkelerzeugung in einen EU-Mitgliedstaat verlegt wird, in dem es diese hohen Standards nicht gibt.

ONETZ: Wenn diese Richtlinien von der EU erarbeitet und anschließend vom deutschen Parlament umgesetzt werden: Warum wird dann den Landwirten der Schwarze Peter zugeschoben?

Den Verbrauchern ist oft nicht klar ist, dass diese Tierwohlstandards gesetzliche Anforderungen sind. Von der EU, von der Bundesregierung, von der Landesregierung. Und jeder unserer Landwirte muss sie erfüllen. Die korrekte Umsetzung wird von den zuständigen Veterinärämtern ganzjährig kontrolliert und Beanstandungen können über Cross-Compliance (Anm. Red.: Die Bindung bestimmter EU-Agrarzahlungen an Verpflichtungen aus den Bereichen Umweltschutz, Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze sowie Tierschutz) sanktioniert werden. Das ist ungefähr so wie das Gesundheitsamt für die Gastronomie.

ONETZ: Und trotzdem wird nach mehr Tierwohl gerufen. Wie kann das umgesetzt werden?

Der Verbraucher kann das für sich selbst sehr schnell umsetzen. Wer mehr Tierwohl möchte, kann sich Tierwohl kaufen. Nämlich indem er das nächste Mal beim Einkaufen zum Beispiel auf Regionalität achtet, dafür ein bisschen mehr Geld ausgibt und damit die Bauern vor Ort unterstützt.

ONETZ: Und welchen Beitrag muss die Politik dazu leisten?

Zwar gibt es in vielen Supermärkten bereits Regale mit regionalen Produkten. Aber das reicht nicht aus. Die Politik muss schnellstens dafür sorgen, dass die Herkunft der Lebensmittel ersichtlich ist, dass jeder ohne großen Aufwand feststellen kann, wo genau das Lebensmittel produziert wurde. Zum Beispiel, ob das Fleisch von Tieren aus bayerischen Ställen kommt oder ob es aus Brasilien importiert wurde, wo keine vergleichbaren Tierwohlstandards existieren und von Rindern stammt, die mit genverändertem Futter gemästet wurden. Erst mit diesem Herkunftsnachweis ist es möglich, seine Einkäufe bewusst regional auszurichten.

ONETZ: Aber reicht das aus? Immerhin hat gerade erst Lidl das Projekt „Bauern-Soli“ gestoppt. Weil ihm wegen der etwas höheren Fleischpreise die Kunden weggelaufen sind (s. Infokasten).

Ja, das ist enttäuschend, aber deshalb resigniere ich nicht. Meine Meinung steht fest: Der Verbraucher kann alles ändern. Aber nur er. Die Politik macht das, was der Verbraucher will. Wir Landwirte sind gerne bereit, die entsprechenden Vorgaben umzusetzen.

ONETZ: Wenn aber der Verbraucher einerseits nach Tierwohl ruft, sich aber andererseits konsequent mit Billigfleisch eindeckt: Ist dann nicht der Staat gefragt? So wie zum Beispiel beim Verbot von Plastiktüten?

Von einer gesetzlichen Regelung, wie sich der Verbraucher zu verhalten hat, halte ich nichts. Ich bin der Meinung, dass mit Aufklärungsarbeit, einer klaren Herkunftsbezeichnung auf den Produkten und dem Verbot von Dumpingpreisen schon viel gewonnen wäre. Für 40 Cent kann kein Bauer in Deutschland einen Liter Milch erzeugen, das geht nicht, aber jeder kauft sie zu diesem Preis ein. Hohe Standards auf der einen Seite und niedrige Preise auf der anderen, vertragen sich nicht.

ONETZ: Und wer legt diese 40 Cent für den Liter Milch fest? Wie kommt es zu Dumpingpreisen für Schweinefleisch?

Der Lebensmitteleinzelhandel möchte natürlich Geld verdienen. Insgesamt fünf große Lebensmittelkonzerne machen 90 Prozent des Lebensmittelumsatzes. Sie werben mit „günstigen Lebensmitteln“. Und diese können sie auch anbieten. Denn dem Lebensmitteleinzelhandel ist egal, ob die Produkte aus Brasilien oder Russland stammen. Und wie es den Tieren dort geht, interessiert niemanden, Hauptsache das Fleisch ist billig. Aber Tatsache ist, dass dieses Fleisch nicht zu unseren Standards erzeugt worden ist und es nicht aus der Region stammt. Und was die Milch betrifft: Durch die Macht der großen Lebensmittelkonzerne haben die Molkereien keinen Spielraum mehr, sie können nicht verhandeln, sondern müssen den Preis akzeptieren, der ihnen angeboten wird.

ONETZ: Das klingt nicht besonders rosig.

Die Gesellschaft entwickelt sich. Auch wir Landwirte bleiben nicht stehen, auch wir müssen dieser Entwicklung gerecht werden. Und wir sind dazu bereit. Sind mehr Blühflächen gefordert? Wir setzen das um. Mehr Tierwohl? Ja, natürlich, das ist möglich. Wichtig dabei ist aber, dass dieser zusätzliche Aufwand auch vergütet wird, damit das Überleben der Betriebe gesichert ist.

ONETZ: Wie sehen Sie die Zukunft der Landwirte?

Unser Essen fällt nicht vom Himmel, es muss erzeugt werden. Auch über die Tiere. Wenn aber die Anforderungen – zum Beispiel an das Tierwohl – immer mehr zunehmen, die Vergütung für diesen Mehraufwand aber nicht entsprechend angepasst wird, dann hören die Landwirte auf, unsere Nahrungsmittel weiterhin zu produzieren, dann werden sie aufgeben. Dann wird die Produktion ins Ausland verlagert und unsere Landwirte werden zu reinen Kulturlandschaftspflegern.
Im Gegenzug muss aber zum Beispiel in Brasilien Regenwald gerodet werden, um Platz zu schaffen für neue Anbauflächen, für neues Weideland. Das Fleisch der darauf weidenden Tiere wird dann um die halbe Welt transportiert, bevor es auf unseren Tellern landet. Da fragt dann aber keiner nach der CO2-Bilanz und dem Tierwohl.
Aber so weit sollten wir es nicht kommen lassen, wir sollten uns alle an einen Tisch setzen: Die Politiker, die Landwirte, die Verbraucher. Jeder muss seinen Beitrag leisten.

Viele Bauern resignieren

Schwandorf
Ely Eibisch setzt auf den Verbraucher: "Wer mehr Tierwohl möchte, kann sich Tierwohl kaufen."
Info:

Nach 7 Wochen: Lidl kassiert "Bauern-Soli" ein

Mit viel PR hat Lidl den "Bauern-Soli" eingeführt, still und leise hat ihn der Discounter wieder zurückgenommen. Ende 2020 hatte Lidl angekündigt, den Preis für Schweinefleisch zu erhöhen. Die zusätzlichen Einnahmen sollten Bauern ein besseres Einkommen garantieren. Anfang Februar der Rückzieher: In einer knappen Mitteilung erklärte Lidl, die Preise wieder zu senken. Der Verbraucher sei nicht bereit, im Supermarkt mehr Geld zu zahlen, lautete die Begründung.

Landwirt Ely Eibisch: "Sind mehr Blühflächen gefordert? Wir setzen das um. Mehr Tierwohl? Ja, natürlich, das ist möglich."
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