26.07.2019 - 13:09 Uhr
KemnathDeutschland & Welt

Harald Lesch im Interview: "Autos mit 2000 kg und 280 PS - Was soll das?"

Endlich ernst machen im Kampf gegen den Klimawandel, bevor es zu spät ist - dafür hat der Astrophysiker Harald Lesch in Kemnath ein flammendes Plädoyer gehalten. Sein Argument: Jeder einzelne kann etwas beitragen.

Prof. Dr. Lesch in Kemanth
von PMLProfil

Zu ihrem zehnjährigen Bestehen hatte die Neue Energien West eG (NEW eG) und die mit ihr verbundene Bürger-Energiegenossenschaft West eG den bekannten Astrophysiker und Naturphilosophen Professor Doktor Harald Lesch zu einem Vortrag eingeladen. Wir haben die Chance zu einem kurzen Interview mit Prof. Lesch genutzt und ihn zu seiner Sicht auf den Klimawandel und die Verantwortung von Politik, Wirtschaft und eines jeden Einzelnen befragt.

ONETZ: Wie hat es Herr Haberberger [Anm. d. Red: Vorstand der NEW eG] geschafft, Sie für diesen Vortragsabend zu gewinnen?

Prof. Dr. Harald Lesch: Das Thema Klimaerwärmung ist so wichtig. Da bin ich schon fast so etwas wie ein Handelsreisender geworden. Vor allen Dingen aber lohnt es sich, über den Begriff des Notfalls nachzudenken. Wir müssen den Klimawandel wirklich wie einen Notfall behandeln. Denn nach allem was wir so zusammentragen an Informationen laufen wir in einen echten Notfall rein. Und jeder sollte sich überlegen, was macht man denn, wenn man einen Notfall in der Familie hat? Meistens bemerkt man es erst, wenn es zu spät ist und dann kommt der Arzt hinterher und sagt, was jetzt zu tun ist. Dann fangen die Familienangehörigen an, zu überlegen was geändert werden muss. Muss es etwas anderes zu Essen geben, muss einer zur Betreuung zu Hause bleiben, muss vielleicht das Haus umgestaltet und umgebaut werden. Und im Grunde sind wir beim Klimawandel jetzt gerade dabei, dass wir eigentlich mal mit jemandem reden müssten: „Was machen wir denn jetzt eigentlich?“ Deswegen bin ich, wann immer Zeit ist, unterwegs und versuche die Leute auf das Thema aufmerksam zu machen.

ONETZ: Welche Chance geben Sie der Menschheit, wenn sich nicht schnell etwas an der Politik und dem Bewusstsein in Gesellschaft und Wirtschaft ändert?

Prof. Dr. Harald Lesch: Ich glaube wenn wir das Richtige tun, dann ist es auf jeden Fall besser, als einfach so weiterzumachen wie bisher. Was dann tatsächlich passiert, an was für drastische Klimasituationen oder Wetterextreme wir uns noch anpassen müssen, das weiß noch niemand. Aber es deutet alles darauf hin, dass es eher schlimmer als besser wird. Deswegen sollten wir so schnell wie möglich wirklich richtig handeln und nicht nur irgendwie Klimagesetze unterschreiben. Oder bei Klimakonferenzen alles unterschreiben, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Es geht ums Handeln. Wir müssen halt aus dem Kohlenstoff raus – es hilft ja nix. Ich hab mich neulich mit einem Automobilkonzern darüber unterhalten, warum man sich nicht auf die ganze einfache Lösung einigt, die Autos weniger zu motorisieren. Weniger PS heißt weniger Kohlendioxyd-Ausstoß. Die gucken einen dann an, als wäre man ein Außerirdischer. Die sagen: „Wie weniger PS?“ Wenn der Kunde irgendwann mal im Wasser steht oder wenn es überhaupt nicht mehr funktioniert, dann ist deren Geschäft endgültig zu Ende. Ich stamme aus einer Zeit, da gab es noch Wagen mit 34 PS auf Deutschlands Straßen. Versuchen Sie heute einen Wagen mit 34 PS zu kriegen. Die schlagen sich doch die Schenkel wund vor Lachen. Ich hab jetzt so einen kleinen, der hat 65 PS. Der erzeugt 94 Gramm CO² – gemessen. Und für die meisten Leute reichen diese kleinen Autos aus. Stattdessen haben sie Autos mit 2000 kg und 280 PS und sonst irgendwas. Was soll das? Also abgesehen von Förstern und Landwirten braucht kein Mensch ein allradgetriebenes Auto.

ONETZ: Bei uns in der Gegend fahren auch viele SUVs.

Prof. Dr. Harald Lesch: Ich bin 1995 nach München gekommen. Ich werde den Morgen nicht vergessen, wie ich mit meinem Filius in die Grundschule marschiert bin. Da hab ich zum ersten Mal diese riesigen Mengen an großen Autos gesehen. Da hab ich zu ihm gesagt: „Mensch, hier müssen lauter Förster und Landwirte unterwegs sein!“ Und wenn man das heute sieht: Ein Fünftel der Neuzulassungen sind solche riesen Schlitten. Solange man sich das leisten kann. Wenn man meint, sich das leisten zu müssen. Aber es ist natürlich völlig unvernünftig.

ONETZ: Umso größer, umso schwerer, umso mehr CO²?

Prof. Dr. Harald Lesch: Mit viel Leistung. Die durchschnittliche Motorisierung in Deutschland sind 153 PS! Das ist der Durchschnitt! Das muss man sich mal überlegen!

ONETZ: 153 PS ist der Durchschnitt?

Prof. Dr. Harald Lesch: Das ist der Durchschnitt! Niemand von uns, mal abgesehen von ein paar Einzelpersonen, sind Testfahrer. Wenn du Gas gibst bei so einem Auto, du jagst davon und fährst 230 – 250!

ONETZ: Wofür?

Prof. Dr. Harald Lesch: Das sind fast 70 Meter pro Sekunde. Na gut. Ich will nicht auf den Autos rumreiten. Aber ich finde es einfach unvernünftig von uns. Die Kunden versagen dann natürlich auch, wenn sie meinen sie müssten Autos haben, die so wahnsinnig groß sind.

ONETZ: Was kann also jeder Einzelne tun oder kann der Einzelne überhaupt etwas tun?

Prof. Dr. Harald Lesch: Selbstverständlich! Wenn du dich nicht mit irgendeinem Motor fortbewegst, also auch mit einem Flugzeugmotor oder sowas, erzeugst du keine Kohlendioxyd-Emission. Daher: Zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sein. Zu Hause Urlaub machen. Mit der Bahn irgendwo hinfahren oder mit dem öffentlichen Nahverkehr, wenn er da ist. Ansonsten muss er ausgebaut werden. Das ist für die Fläche natürlich ein riesiges Problem. Es wäre wirklich gut, wenn dann eben tatsächlich auch von der Staatsregierung dafür gesorgt wird, dass in der Fläche die entsprechenden Busse zur Verfügung stehen.

Wenn wir aber die Gesamtmenge Energie nehmen, die wir in Deutschland verbrauchen – also das, womit wir heizen, Industrie betreiben und womit wir uns fortbewegen – dann sind die Erneuerbaren nur 13 %.

Prof. Dr. Harald Lesch

ONETZ: Wie sehen Sie Genossenschaften, wie jetzt hier die Neuen Energien West, die Sie eingeladen haben?

Prof. Dr. Harald Lesch: Ich finde sie großartig! Je mehr Gemeinsamkeit, umso besser. Immer dann, wenn man das Gefühl hat, es ist nur einer in der Gruppe, der gewinnt, dann beginnt doch gleich der Frust. Also sowas wie eine Genossenschaft ist immer das Richtige. Gerade für Ortschaften, in denen richtig viele Leute zusammenkommen. Es ist ja nicht nur diese Energie-Aktion selbst, sondern was dann passiert. Es gibt endlich auch wieder ein gemeinsames Handeln. Möglichst alle sollten daran beteiligt sein – das führt zu Gemeinschaft und das ist das A und das O.

ONETZ: Was ist aktuell die größte Gefahr oder das größte Problem für das Klima, das besteht, oder von Deutschland ausgeht?

Prof. Dr. Harald Lesch: Dass wir nach wie vor zu viele fossile Energieträger nutzen. Beim Strom haben wir 40 % erneuerbar. Wenn wir aber die Gesamtmenge Energie nehmen, die wir in Deutschland verbrauchen – also das, womit wir heizen, Industrie betreiben und womit wir uns fortbewegen – dann sind die Erneuerbaren nur 13 %. Wir haben also noch nicht einmal richtig angefangen in die Erneuerbaren zu gehen. Für ein Industrieland wie Deutschland, das jetzt seit grob 20 Jahren Bundesregierungen hat, die sich immer irgendwie dem Klima verpflichtet fühlen, da sind 13 % erbärmlich. Da könnte man deutlich mehr machen. Also die größte Gefahr, die von Deutschland ausgeht, ist tatenlos weiterzumachen. Deswegen müssen wir zusehen, dass wir im politischen Raum als Bürger die ganze Zeit aktiv sind und den Politikern sagen, wie wir es gerne hätten.

Es ist eine Katastrophe, dass wir nicht schon längst auf einem viel besseren Weg beim Umweltschutz sind. Und wenn uns die Kinder darauf aufmerksam machen müssen, das ist doch eigentlich schon erbärmlich.

Prof. Dr. Harald Lesch

ONETZ: Fridays for future?

Prof. Dr. Harald Lesch: Ganz wichtig! Immer raus, raus, raus. Möglichst nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern möglichst auch viele Omas und Opas, und Eltern und alle mitgehen. Druck und Druck und Druck machen. Auf jeden Fall jetzt nicht aufhören. Man merkt es ja auch in der CSU, wie grün die auf einmal werden. Zumindest an der Spitze. Das Klimaschutzgesetz und viele andere Entwicklungen machen mich eigentlich ganz hoffnungsfroh. Man muss das ganz klar sehen: Die Themen Klimawandel, Umwelt und Energiewende werden von vielen Politikern nicht mehr angesprochen. Sie haben Angst, sie würden die Wählerinnen und Wähler an die AfD verlieren. Das heißt, die AfD übt dadurch, dass sie einfach da ist, schon so Druck auf die aus, dass sie nicht mehr über die Themen reden, die wichtig sind. Aber insgesamt muss man natürlich sagen: Es ist eine Katastrophe, dass wir nicht schon längst auf einem viel besseren Weg beim Umweltschutz sind. Und wenn uns die Kinder darauf aufmerksam machen müssen, das ist doch eigentlich schon erbärmlich.

ONETZ: Auf die Frage, warum so viele Menschen von den Fakten oder vom Klimawandel nichts hören wollen, haben Sie in einem anderen Interview einmal gesagt: „Weil wir als Gesellschaft es nicht fertig bringen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein logisch sinnvolles Verhalten begünstigen.“ Wie kann man dieses Verhalten begünstigen?

Prof. Dr. Harald Lesch: Durch Steuervorteile. Massive Steuervorteile, für das, was ökologisch sinnvoll ist. Wir müssen im Grunde über Parlamentsentscheidungen Gesetze schaffen, wo alles das, was an Lebensmitteln fair gehandelt und ökologisch produziert wird, gefördert wird. Das muss von uns in den Markt gedrückt werden. Damit diese gegenüber der Massenproduktion eben Vorteile haben.

Hier gibt es eigentlich keine Zweifel mehr: Wir müssen in die Erneuerbaren rein. Und zwar so schnell wie möglich.

Prof. Dr. Harald Lesch

ONETZ: Also eigentlich die Agrarpolitik umkrempeln?

Prof. Dr. Harald Lesch: Na klar. Egal wie man es dreht und wendet, jeder Bauer, dem das Land gehört und der es nicht nur einfach gepachtet hat, der hat doch ein großes Interesse daran, dass sein Boden auch nicht verkommt. Jeder Landwirt kann doch mit der Hand in den Boden greifen und sehen, dass das so nicht weiter gehen kann. Das saugt den Boden aus. Die Landwirtschaft braucht Fruchtwechsel und regelmäßige Vielfalt auf dem Acker. Vielfalt auf dem Acker heißt Vielfalt an Pflanzen. Das würde natürlich auch dazu führen, dass wir wieder Insekten kriegen. Der Staat müsste helfen. Er müsste viel stärker ökologische Landwirtschaft unterstützen. Langfristig wird sich jeder von uns freuen, wenn er Lebensmittel kaufen kann, von denen er weiß, die sind ordentlich produziert und nicht vergiftet.

ONETZ: Wie diskutieren Sie mit Faktenleugnern?

Prof. Dr. Harald Lesch: Das weiß ich auch nicht. Das ist so eine Sache. Irgendwann ist es auch mal gut. Ich kann mich nicht mit Leuten öffentlich darüber streiten, dass die Sonne im Osten aufgeht und im Westen unter. Also da habe ich kein Interesse mehr dran. Mich interessieren die, die am Rand stehen und die nicht so genau wissen, was sie davon halten sollen. Die möchte ich auf die Seite der Vernunft holen. Ich verstehe gar nicht warum diese Verschwörungstheoretiker das alles so persönlich nehmen. Den Klimawandel. Warum werde ich zum Beispiel im Netz angefeindet, bis zum geht nicht mehr. Wenn ich zum Beispiel erzähle, dass Kohlendioxyd-Moleküle Infrarotstrahlung absorbieren [Anm. d. Red.: Kohlendioxyd-Moleküle (CO²) speichern Wärmestrahlung (Infrarotstrahlung) stärker als andere Bestandteile der Luft. Je mehr CO² sich in der Atmosphäre befindet, umso stärker kann sich diese erhitzen.], ist das doch kein Angriff auf irgendjemanden. Ich habe die Welt nicht gemacht. Warum beleidigt man mich da? Warum unterstellt man mir, ich wäre der Gehilfe von irgendeiner grünen Taliban?

Irgendwann ist es auch mal gut. Ich kann mich nicht mit Leuten öffentlich darüber streiten, dass die Sonne im Osten aufgeht und im Westen unter.

Prof. Dr. Harald Lesch

ONETZ: Was ist Ihnen an der Thematik Ihres Vortrags heute Abend besonders wichtig?

Prof. Dr. Harald Lesch: Gerade diese Sache mit den Genossenschaften. Es ist vorbildlich. Es ist wichtig. Soweit, wie es nur irgendwie geht müssen wir alle so etwas unterstützen. Anteilscheine erwerben – und wenn es nur 50 Euro sind. Ich habe ein wunderbares Beispiel: Wildpoldsried im Allgäu. Das ist eine Gemeinde, dort haben sich dir Bürger vor 20 Jahren zusammengesetzt und überlegt, wo sie in 20 Jahren stehen wollen und was sie für ihre Entwicklung haben: Fläche. Und natürlich genau das gleiche Problem wie hier auch, also den Wegzug von Leuten. Dann haben die sich überlegt, dass sie voll auf die erneuerbaren Energien setzen wollen. Heute produzieren die fünf bis sechs Mal mehr Energie, als sie selbst verbrauchen. Und das ist der Punkt. Wenn man das macht, dann sollte man wirklich mit voller Leidenschaft dabei sein. Ich kann nur alle aufrufen: Es ist das richtige. Das ist das Allerwichtigste. Hier gibt es eigentlich keine Zweifel mehr: Wir müssen in die Erneuerbaren rein. Und zwar so schnell wie möglich. Insofern wäre es toll, wenn möglichst viele Leute sich mit Investments an solchen Genossenschaften beteiligen, zum Beispiel an Umweltbanken. Damit unser Geld eben da arbeitet, wo es wirklich vernünftige Dinge tut und nicht irgendwelche anonyme Investoren aus irgendwelchen Teilen dieser Welt so partizipieren wie das momentan der Fall ist. Für unsere Kinder, für unsere Kindeskinder. Das ist es. Es ist eigentlich nicht so schwierig.

Info:

Zur Person

Professor Doktor Harald Lesch, geboren 1960 in Siegen und aufgewachsen im kleinen mittelhessischen Dorf Nieder-Ohmen als Sohn einer Gastwirtsfamilie, gehört zu den bekanntesten Wissenschaftlern in Deutschland. Er ist Professor für Physik an der LMU München und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie ebenfalls in München. Darüber hinaus ist er Wissenschaftsjournalist, Hörbuchsprecher und Fernsehmoderator. Seit 1998 ist der Astrophysiker regelmäßig mit eigenen Wissenschaftssendungen im Fernsehen vertreten sowie häufig Gast in politischen Talkshows.

Seit einigen Jahren nutzt er auch youtube, wo Hundertausende jedes seiner Videos verfolgen und kommentieren. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten und sein öffentliches Engagement wurde er mit einer ganzen Reihe an Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erhielt der in Haar bei München lebende den Bayerischen Verdienstorden. Damit würdigt die Landesregierung Leschs Einsatz als Mitglied im bayerischen Klimarat, dem er seit 2015 angehört.

22.07.2019, Bayern, München: Wissenschaftsjournalist Harald Lesch (l.) aus München bekommt von Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, den bayerischen Verdienstorden überreicht.
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