Mit Kerzen haben die Menschen in der Ukraine am Samstag der Opfer des "Holodomor" vor 85 Jahren gedacht. Das ukrainische Wort bedeutet "Tötung durch Hunger". Die Verantwortung für die mörderische Hungersnot in den Jahren 1932 und 1933, die je nach Schätzung in der Ukraine zwischen drei und vier Millionen Menschenleben forderte, lastet die Führung um den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko der damaligen kommunistischen russischen Führung unter Diktator Josef Stalin an.
Stalin sei es darum gegangen, die ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterdrücken. Kiew spricht deshalb vom Völkermord an den Ukrainern und strebt eine internationale Anerkennung dieses Genozids an. Aus ukrainischer Sicht hat der erzwungene Getreideexport aus der Ukraine und die Kollektivierung der Landwirtschaft die Hungersnot verstärkt.
Eine Sicht auf die damaligen Ereignisse, der die heutige russische Führung erwartungsgemäß widerspricht. Das Außenministerium in Moskau verwies am Wochenende prompt darauf, dass damals auch andere Völker im jungen sowjetischen Staat von der großen Hungersnot betroffen gewesen seien.
Der russisch-ukrainische Konflikt dreht sich um Territorien und Einflussgebiete, in seinem Kern geht es aber um die Interpretation der gemeinsamen Geschichte. Was gehörte wann zu wem? Wer hat den Mut Fehler einzugestehen? Wer hat die Kraft Geschichte endlich Geschichte sein zu lassen?
Vor diesem Hintergrund kann es nicht überraschen, dass an dem Wochenende, an dem die Ukrainer des "Holdomor" gedenken, in der Meerenge von Kertsch zu Zwischenfällen kommt. Für den russischen Präsident Wladimir Putin ergibt sich mit der Seeblockade die Möglichkeit, die Ukraine zu treffen. Poroschenko seinerseits kann den Westen erneut in die Pflicht nehmen und mit patriotischem Getöse die Ukrainer hinter der Fahne versammeln. Das wird weiter zu beobachten sein. Doch falls ein Akteur falsch reagiert, wird aus dem Kalten Krieg ein heißer werden.













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