Kirche und Missbrauch: Aufarbeitung im Schneckentempo

Papst Franziskus hat erstmals für die gesamte katholische Kirche eine Meldepflicht für Fälle sexuellen Missbrauchs erlassen. Ein kleiner Schritt, mehr nicht, meint Frank Werner.

Papst Franziskus bei einem Besuch in Nordmazedonien.
von Frank Werner Kontakt Profil
Kommentar

Im Vatikan gehen die Uhren anders. Langsamer. Viel langsamer. Bis auf die große Vertrauenskrise durch die Fälle des sexuellen Missbrauchs reagiert wurde, floss viel zu viel Wasser den Tiber hinunter. Immerhin: Papst Franziskus hat das Thema zur Chefsache erklärt.

Binnen eines Jahres müssen allen Diözesen weltweit Meldestellen für solche Fälle einrichten. Die neuen Normen sind Ausfluss des Anti-Missbrauchgipfels von Ende Februar. Der Papst zeigt guten Willen. Mehr aber auch nicht.

In der Diözese Regensburg ist durch das Engagement von Bischof Rudolf Voderholzer schon weit mehr an Aufarbeitung geschehen. Hier wird nichts im stillen Kämmerlein des Klerus behandelt, sondern transparent und in Kooperation mit der Staatsanwaltschaft. Dass dies nicht überall auf der Welt wegen drohender Todesstrafen so konsequent ablaufen kann, mag sein. Aber es darf auch kein Vorwand sein, um die Mauer des Schweigens zu zementieren.

Die große Reinigung im Vatikan von innen heraus muss radikal sein. Es geht um Sitte und Moral, um die Seele der Kirche. Es geht um den Schutz der Kinder, die schwächsten Glieder in der Gesellschaft. Um das Misstrauen abzubauen, darf es keine Tabus geben.

Zwei Männer des Bistums Regensburg spielen in der Aufarbeitung eine unselige Rolle. Ausgerechnet Franziskus' Vorgängers Benedikt hat vor kurzem die sexuelle Revolution der 1968er Jahre und die Säkularisierung der westlichen Gesellschaft für den sexuellen Missbrauch von Kindern in der Kirche verantwortlich gemacht. Kein Wort zur Eigenverantwortung der katholischen Kirche oder zum Leiden der Opfer.

Beifall bekommt Benedikt dafür vom früheren Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Solange solche Denkweisen nicht endgültig aus den Köpfen sind, wird die Vertrauenskrise nicht enden.

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