30.08.2019 - 08:34 Uhr
MarktredwitzDeutschland & Welt

Bahn-Experte zum "ungebremsten" Zug: Zwischenfälle häufen sich

Schlamperei und schlechte Ausbildung sorgen immer öfter für Zwischenfälle auf deutschen Schienen, sagt Helmut Diener. Was sich zuletzt zwischen Schirnding und Schwarzenfeld abgespielt hat, macht aber selbst den Experten sprachlos.

Der Güterzug rollte kurz hinter Nabburg in der Gemeinde Stulln im Landkreis Schwandorf aus
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Nach dem Zwischenfall mit einem Güterzug, der vergangene Woche ohne Bremsen rund 100 Kilometer durch die Oberpfalz gerollt war, übt Helmut Diener heftige Kritik am deutschen Bahnwesen. Der Marktredwitzer ist Bundesvorsitzender von Mobifair. Der gewerkschaftsnahe Verein mit Sitz in Frankfurt setzt sich für mehr Sicherheit im Schienenverkehr ein.

Obwohl der ausgebildete Lokführer Diener sich seit Jahrzehnten mit dem Thema befasst, könne er sich an etwas Vergleichbares nicht erinnern. "Es kommt schon vor, dass sich ein Waggon selbstständig macht, aber so etwas habe ich noch nie gehört", sagt Diener, der bis vor einigen Jahren bei der Gewerkschaft Transnet in Weiden beschäftigt war. Die Schuld liegt nach derzeitigem Stand bei den Lokführern, die die Bremsen an dem mit Holz beladenen Güterzug falsch gekoppelt und auf den obligatorischen Bremstest verzichtet hatten. Die etwa fünfminütige Prozedur hätte sofort gezeigt, dass die Bremsen an dem rund 1500 Tonnen schweren Zug nicht greifen, sagt Diener. Allerdings weigere er sich, die beiden inzwischen wohl gekündigten Männer zu den alleinigen Sündenböcken zu machen. Vor allem das Eisenbahnbundesamt komme seiner Kontrollpflicht nicht ausreichend nach.

Die Fahrstrecke des Ungebremsten Zuges

Die Misere habe bereits mit der Bahnprivatisierung ihren Anfang genommen. Damals wurde der Markt für private Anbieter geöffnet, das Kontrollsystem sei aber nie angepasst worden. "Heute gibt es rund 450 Bahnunternehmen in Deutschland", rechnet Diener vor. Die Einhaltung von Gesetzen und Vorgaben werde diesen Unternehmen selbst überlassen. "Es muss erst etwas passieren, damit das Eisenbahnbundesamt aktiv wird."

Oberpfalz

Mangelnde Kontrolle

Fehlende Kontrollen und hoher Konkurrenzdruck sind für die Unternehmen Anreiz, es mit den Bestimmungen nicht so genau zu nehmen. So sei es ein offenes Geheimnis, dass die vorgegebenen Höchstarbeitszeiten für Lokführer regelmäßig nicht eingehalten werden, 15-Stunden-Fahrten auf Güterzügen sind demnach keine Seltenheit. Auch die Prüfung der Ladungssicherheit werde zu oft vernachlässigt. Diener sagt aber auch, dass das Unternehmen, dem der ungebremste Zug von vergangener Woche gehört, bisher nicht negativ aufgefallen ist.

Schlechte Ausbildung

Kritik übt der Mobifair-Chef im Gespräch mit unserer Redaktion an der Lokführer-Ausbildung. "Inzwischen gibt es 33 Schulen in Deutschland", die Standards seinen völlig unterschiedlich und würden kaum überwacht. Die Folge sind häufigere Zwischenfälle, die von schlecht ausgebildeten und überforderten Lokführern verursacht werden.. "Wir hatten im vergangenen Jahr 540 Signalverfehlungen", rechnet Diener vor. Nie zuvor hätten Lokführer so häufig rote Signale übersehen. Für den Experten ist diese Häufung ein Indiz für mangelhafte Ausbildung.

Helmut Diener
Hintergrund:

"Ein großer Glücksfall"

Ausdrücklich widerspricht Mobifair-Vorsitzender Helmut Diener der Darstellung der DB Netz AG, mit dem Zwischenfall sei keine größere Gefahr verbunden gewesen. „Dass nichts passiert ist, war ein großer Glücksfall“, hält Diener dagegen. Ausdrücklich lobt er die Arbeit der Fahrdienstleiter entlang der Strecke. „Hätte nur einer einen Fehler gemacht, hätte das schlimm ausgehen können.“

Auch die SPD im Landtag hat den Vorfall inzwischen aufgegriffen und mit einer Anfrage an die Staatsregierung reagiert. Die verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion, Inge Aures, möchte so die Hintergründe des Vorfalls erfahren. Außerdem geht es in der Anfrage darum, dass der Vorfall erst vier Tage später durch einen Zeitungsartikel öffentlich wurde. Von offizieller Stelle gab es zuvor keine Erklärung. (wüw)

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