18.05.2018 - 20:00 Uhr

Mit dem Fahrrad entland der ehemaligen Grenze: Mauerrunde

Die Route entlang des Verlaufs der ehemaligen Grenzanlagen inmitten und am Rande der heutigen Bundeshauptstadt lässt sich in mindestens drei, besser aber mehr Tagen erradeln. Sportlich geht das sicher wesentlich schneller. Wer Kilometer abspulen will, ist auf einem Flussradweg oder einer Tour entlang diverser Straßen besser aufgehoben. Wer aber in die neue deutsche Geschichte eintauchen will, Berlin in seinem Mix von Großstadt, ländlichem Flair und der bedrückend nahen Realität von Politik, Diktatur und Terrorregime, von Wende und Veränderung kennenlernen will, der ist hier richtig.

Der Spurensuche dienen abwechslungsreich gestaltete Tafeln entlang des gesamten Weges.
Der Spurensuche dienen abwechslungsreich gestaltete Tafeln entlang des gesamten Weges.

Für den Oberpfälzer ist die Gegend um den ehemaligen Grenzübergang Dreilinden im Europarc ein idealer Punkt, die Räder auszuladen und los zu strampeln. Wer zu Hause noch einen alten Stadtplan des geteilten Berlins in der Schublade findet, sollte ihn mitnehmen. Er leistet auf der Route noch einmal gute Dienste zur Orientierung und hilft der Erinnerung an die Zeit der Mauer bei Passanten auf die Sprünge.

Zu Zeiten des geteilten Deutschlands war bei Dreilinden Anfang und Ende der Transitstrecke über die A 9 aus dem Süden. Das ehemalige Gelände der Grenzabfertigung ist von der Rad- und Fußwegüberführung auf der 1997 erbauten Königswegbrücke gut zu überblicken. Die Frage, den Rundweg links oder rechts herum zu radeln ist relativ egal - vielleicht von den Wochentagen, dem Wetter und persönlichen Vorlieben abhängig. Im Uhrzeigersinn liegen die Gebiete der ehemaligen DDR in aller Regel links der Strecke, die Westberlins rechts des Lenkers.

Nach einem kurzen Waldstück geht es bei Kohlhasenbrück über den Teltowkanal in ein Gebiet, das allein vom ehemaligen Grenzverlauf spannend ist. Wie ein Hammer ragte die Bernhard-Beyer-Straße in den Süden. Das ein oder andere "Haus am See, meine Frau ist schön", Villen und Schlösschen begleiten den Weg oberhalb des Griebnitzsees zur Glienickerbrücke. Die 1907 gebaute Eisenbogenkonstruktion war legendärer Schauplatz des Kalten Krieges. USA und Sowjetunion tauschten hier Spione aus. Heute ist sie eine unspektakuläre, aber besonders in der untergehenden Sonne reizvolle Ecke mit Blick über die Havellandschaft.

Eine der vielen den Toten gewidmeten Gedenktafeln entlang der ehemaligen Mauer erinnert an dieser Stelle an Herbert Mende. Der damals 23-Jährige wurde hier 1962 durch Schüsse so schwer verletzt, dass er sechs Jahre später an den Folgen stirbt - ein Maueropfer, das mit Flucht nichts zu tun hatte. In unregelmäßigen Abständen markieren orange Winkeleisen die Erinnerungstafeln für jeden einzelnen Toten. Von geplanten Fluchtversuchen ist ebenso die Rede wie von spontanen Aktionen nach durchzechten Nächten und von getöteten DDR-Grenzern.

Weit ausführlicher als unterwegs sind die Beschreibungen im Internet unter berliner-mauer-gedenkstaette.de. Die Authentizität des Ortes lässt sich aber nur da im Ansatz nachvollziehen, wo beispielsweise das Zementwerk immer noch am westlichen Ufer des Teltowkanals steht. Arbeiter des Werkes versuchten 1967, Max Sahmland aus dem Wasser zu ziehen, der bei seiner Flucht von Grenzsoldaten auch dann noch beschossen wurde, als er die westliche Seite der Wasserstraße erreicht hatte.

Die Stele, die an ihn sowie Dieter Berger und Michael Kollender erinnert, die ebenfalls am Teltowkanal zu Tode kamen, steht in krassem Nebeneinander zu einem gläsernen Autohaus in dem Gewerbegebiet, das jetzt hier bei Adlershof wächst.

Der Spionage-Tunnel, eine der vielen Anekdoten des Kalten Krieges, ist einige Hundert Meter weiter Thema der Infotafeln. Der mit graubraunen Schildern weitgehend gut markierte Mauerradweg überquert das Wasser direkt neben der als Zubringer Schönefeld bezeichneten Autobahn A 113. Sie verläuft hier auf der Trasse der ehemaligen Grenzanlagen. Magerer als das unbestritten wichtige Gedenken an die Maueropfer sind die Infos entlang des Wegs zu solchen Nachwende-Veränderungen des Grenzstreifens der geteilten Vergangenheit. Die Auswahl der Infos auf diesem geschichtsträchtigen Radweg kann natürlich gar nicht vollständig sein. Zuviel gibt es zwischen Reichstag, Brandenburger Tor, Spree und Havel, Falkensee, japanischer Kirschblütenallee und Großziethen zu berichten, zu erzählen, nachzudenken.

Zu sportlich angegangen, bleiben viele der Infos buchstäblich auf der Strecke. Auf der anderen Seite können Apps und Internetangebote nur eine Ergänzung zur Vor- oder Nachbereitung sein. Unterwegs sind die Betreuer des Grenzturms Nieder Neuendorf an der Havel oder die Rentnertruppe, die in Wannsee auf die Fähre wartete, informative Zeitzeugen und Ansprechpartner.

Mauerweg

Der rund 160 Kilometer lange Berliner Mauerweg kennzeichnet den Verlauf der ehemaligen DDR-Grenzanlagen zu West-Berlin. Die Route verläuft meist auf dem ehemaligen Zollweg (West-Berlin) oder dem Kolonnenweg.

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Weitere Informationen:

www. chronik-der-mauer.de gruen-berlin.de/projekt/berliner-mauerweg

 
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