Medien müssen sich ihre Glaubwürdigkeit "wieder verdienen"

Als Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger geht Springer-Chef Mathias Döpfner mit der Branche hart ins Gericht.

Mathias Döpfner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und Vorstandsvorsitzender von Axel Springer SE, im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Printmedien in Deutschland müssen sich nach den Worten des Präsidenten der Zeitungsverleger, Mathias Döpfner, einer wachsenden Entfremdung zwischen Lesern und Redaktionen stellen - und das nicht erst als Folge des Fälschungsskandals beim "Spiegel". Nicht die Digitalisierung sei das Problem von Zeitungen und Zeitschriften, sondern eine sich seit Jahren hinziehende intellektuelle und inhaltliche Krise des Journalismus. Springer-Vorstandschef Döpfner äußerte im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) Zweifel am Auftritt von Journalisten auf Twitter und Facebook. Er empfehle größte Zurückhaltung, wenn nicht gar totale Enthaltsamkeit.

Die Branche müsse mit einer "Lebenslüge" aufräumen, sagte Döpfner: "Dass die vielbeschworene Zeitungskrise durch technologischen Wandel verursacht ist. Das stimmt nicht, das ist ein Alibi." Vielerorts hätten sich Selbstzufriedenheit und Überheblichkeit breitgemacht. "Ich will nicht verallgemeinern, das gilt niemals für alle", so der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). "Aber leider haben sich entsprechende Geisteshaltungen in ganz verschiedenen Verlagen und Redaktionen eingenistet und dazu geführt, dass es zu einer tiefen Entfremdung zwischen Leserinnen und Lesern und den journalistischen Angeboten gekommen ist." Das bedeute nicht, den Lesern nach dem Mund zu reden, aber genauer zu wissen, was wen wie interessiere.

Nicht verunglimpfen lassen

In einem Brief an die Verleger zum neuen Jahr ermutigte Mathias Döpfner die BDZV-Mitglieder, sich heuer auf ihre Kernaufgaben zu besinnen und sich die Glaubwürdigkeit "wieder zu verdienen". "Denn nur so können wir die Populisten und Feinde der Pressefreiheit in ihre Schranken weisen." Auch nach dem Fälschungsskandal um den früheren "Spiegel"-Reporter Claas Relotius werde man sich nicht als "Lügenpresse" verunglimpfen lassen.

"Das Problem, dass einstweilen aus dem ,Sturmgeschütz der Demokratie' ein ,Luftgewehr der Fantasie' geworden ist, das muss der Spiegel' lösen", sagte Döpfner im Interview. Dafür habe das Blatt gute Chancen mit seinem neuen, unbelasteten Chefredakteur. Eine ähnliche Einstellung wie beim "Spiegel" herrsche in vielen Redaktionen und Jurys für Reporterpreise. "Haltung ist oft wichtiger als Handwerk, Weltanschauung wichtiger als Anschauung."

So erscheint Döpfner auch der Auftritt von Journalisten in sozialen Medien "zunehmend problematisch". Die Vorstellung, dass Medienvertreter rein privat twittern oder auf Facebook posten, sei absurd, kein Mensch könne das unterscheiden. "Ein Chefredakteur oder Redakteur ist dort keine private Person." Journalisten hätten ja eine gute Plattform, um sich auszudrücken: "Ihr Medium."

Kritik an Twitter-Aktion

Auch die jüngste Twitter-Aktion #Nazisraus in Richtung AfD sei "höchst problematisch". Der Hashtag sei ein Zeichen für die zunehmende Unfähigkeit, durch Argumente eine Partei zu entzaubern, die außer Zorn und Ressentiment nicht viel zu bieten habe. "Journalisten sollten dafür besonders sensibilisiert sein." Solche Statements förderten ein intolerantes Meinungsklima und eine intellektuelle Unfähigkeit, mit anderen Meinungen und unterschiedlichen Auffassungen weltoffen und zivilisiert umzugehen. Er habe kein Verständnis, wenn sich Journalisten damit selber stilisierten, erklärte Döpfner..

Döpfner warnte davor, nach der Affäre um den Fälschungsskandal beim "Spiegel" schnell zur Tagesordnung überzugehen. Viele Medien gingen "erstaunlich zurückhaltend" mit dem Fall um. Offensichtlich wirke das Argument, dass Relotius auch in anderen Publikationen veröffentlicht habe, wie eine Beißhemmung. Der Fall sei vor allem auf Medienseiten und im Feuilleton abgehandelt worden. Wenn jetzt die Medienbranche aber weggucke, schade das der Glaubwürdigkeit der Medien. "Es steht hier also sehr viel auf dem Spiel", sagte der BDZV-Präsident.

Zustellung ein Problem

In seinem Brief an die Verleger nannte Döpfner die Sicherung des Zustellernetzes als ein wichtiges Verbandsziel für 2019. Durch staatliche Entscheidungen sei nicht mehr gesichert, dass morgens in jedem Briefkasten eine Zeitung landet. Es dürften in Deutschland aber keine weiße Flecken bei der Zustellung der Zeitung entstehen, die Döpfner einen "nicht zu unterschätzenden Demokratieverstärker" nannte.

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