15.03.2021 - 17:40 Uhr
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Tüll und Tränen: Brautmodenläden am Limit im Lockdown

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Wo sonst Freudentränen fließen, herrscht nun Verzweiflung: Der anhaltende Lockdown macht Brautmodengeschäften in der Oberpfalz besonders zu schaffen. Vor allem weil einige Läden nun öffnen dürfen – und andere nicht.

Statt mit zukünftigen Bräuten ist Nina Blaß vom "Braut Zauber" in Schwarzenfeld (Kreis Schwandorf) alleine im Laden: Seit Beginn des Lockdowns im Dezember ging kein Kleid mehr über die Theke.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

"Im Moment ist es der Worst-Case für uns. Es brennt." So drastische Worte findet Melanie Blumberg, Inhaberin von "bezaubernd"-Brautmoden in Mitterteich (Kreis Tirschenreuth), für die aktuelle Situation der Brautmodengeschäfte. Wo sonst Freudentränen fließen, herrscht Verzweiflung wegen des anhaltenden Lockdowns.

Seit Dezember ging kein Traumkleid mehr über die Theke. Bräuten, die in diesem Sommer heiraten, läuft die Zeit davon. "Für uns ist die Saison so gut wie vorbei. Die Braut sucht sich ihr Kleid zwischen September und Februar aus, damit sie im Sommer heiraten kann", erklärt Blumberg, schließlich hätten viele Brautkleider eine Lieferzeit von vier bis sechs Monaten.

Saisongeschäft Brautmode

Der Lockdown verhagelte eine ganze Saison für Brautgeschäfte in der Oberpfalz. Besonders ärgerlich: In vielen Städten und Kreisen mit niedriger Inzidenz (unter 100) sind seit Montag, 8. März, wieder Anproben mit Terminvereinbarung möglich. Zuvor hatte es bereits im Kreis Regensburg Ausnahmegenehmigungen gegeben. Für Nadine Gradl, Inhaberin von La Novia Brautmoden in Weiden, sind die Ausnahmen absolut unverständlich: "Das mit Regensburg ist uns natürlich ein Dorn im Auge. Das ist Wettbewerbsverzerrung, entweder sollen alle öffnen dürfen oder keiner."

Dass alle Bräute aus Weiden und Amberg jetzt nach Regensburg zum Brautkleid-Shopping fahren, glaubt Gradl trotzdem nicht: "In unserem Geschäft merken wir seit Dezember Termine vor, das sind jetzt schon drei Seiten. Das machen die Kollegen in Regensburg natürlich auch, die müssen also auch erst ihre Liste abarbeiten." Sollte die Ungleichheit mehrere Wochen dauern, könne es aber schon vorkommen, das zukünftige Bräute abwandern.

"Wie ein Todesstoß"

Bei Nina Blaß, im "Braut Zauber" in Schwarzenfeld (Kreis Schwandorf), ist der Ernstfall bereits eingetreten. In einer Mail wendet sich die Ladeninhaberin an Oberpfalz-Medien. Denn als klar wird, dass andere Brautläden in der Region öffnen dürfen, sagen reihenweise Bräute ihre Termine ab: "Wir sind wirklich am Boden zerstört." Die Öffnung, abhängig von der Inzidenz eines Ortes, nennt die junge Inhaberin "einen Todesstoß".

"Wir haben gebetet, dass es nicht so kommt. Das ist das blödeste, was den Brautläden in der nördlichen Oberpfalz passieren konnte. Es ist sehr, sehr schwierig für uns im Moment." Den Bräuten, die ihr den Rücken kehren, macht sie dabei keinen Vorwurf. "Vergessen von der Politik", fühlt sich Blaß dennoch. "Wir haben alles versucht und uns an das Landratsamt, das Gesundheitsamt, die Handwerkskammer und sogar die Bayerische Staatskanzlei gewendet." Doch es hagelte Absagen. "Blumenläden und Co. dürfen nun wieder öffnen. Die Hochzeitsbranche, die ebenfalls ein Saisongeschäft ist, wurde einfach komplett vergessen." Was die Inhaberin nicht versteht: „Warum stellt eine Braut bei uns im Kreis Schwandorf ein so hohes Risiko dar, dass wir nicht beraten dürfen, in einer anderen Region stellt die gleiche Braut aber keine Gefährdung dar?“

Auch für Melanie Blumberg ist das eine ungerechte Situation: "Das trifft uns besonders hart. Wir kämpfen sowieso schon ums Überleben. Wenn die Kunden, die noch treu auf ihren Termin warten, jetzt einfach woanders hingehen, wars das für uns."

Problem Perspektivlosigkeit

Besonders deprimierend sei die Perspektivlosigkeit, die bei den Geschäften herrsche, sagt Nadine Gradl. "Wir können keine Termine für Änderungen ausmachen, viele Bräute heiraten im Mai und Juni und wollen ihr Kleid anpassen lassen. Wenn wir wieder öffnen dürfen, ist der Termindruck rießig." Für Bräute, die sich jetzt auf die Suche nach einem Kleid machen, schrumpft vor allem die Auswahl gewaltig. Sie müssten auf Lager- und Bestandsware zurückgreifen, denn wegen der langen Lieferzeiten kommen die Kleider nicht mehr rechtzeitig für die Hochzeiten im Sommer. Ein schwieriges Unterfangen, denn rund "80 Prozent der Ware bestellen wir extra für die Bräute in der richtigen Größe", erklärt Gradl.

Immer wieder hat auch Melanie Blumberg aus Mitterteich Anträge auf eine Ausnahmegenehmigung beim Landrats - und Ordnungsamt gestellt. "Feste Terminvereinbarungen gibt es bei uns schon immer und wir würden von allen Bräuten einen negativen Test verlangen." Außerdem sei der Brautkleidverkauf keine körpernahe Dienstleistung. Doch auch ihre Bemühungen liefen gegen eine Wand. "Dabei wären auch die Bräute bereit für die Maßnahmen, am Telefon haben viele gesagt, sie würden sofort einen Test machen, wenn sie nur kommen dürften."

Viel wichtiger als der reine Verkauf sei beim Brautkleid auch der emotionale Aspekt, meint Blumberg: "Wir führen sehr beratungsintensive Gespräche mit den Bräuten. Oft ist das auch ein ganz besonderes Erlebnis für die Frauen, nur im Geschäft gibt es dieses Feeling."

Zittern bis zur Hochzeit

So sieht das auch die zukünftige Braut Theresa Ehbauer. Die Ambergerin ist froh, dass sie ihr Kleid zwei Tage vor dem Lockdown noch persönlich im Laden anprobieren und kaufen konnte: "Ich hatte meine Mama und Schwiegermama dabei. Es war mir schon sehr wichtig, den Termin vor Ort im Laden zu haben. Sonst hätte man irgendwie das Gefühl, etwas zu verpassen." Jetzt sitzt sie auf heißen Kohlen vor ihrem großen Tag: Denn ihr Brautkleid muss noch rechtzeitig zur kirchlichen Trauung am 5. Juli abgeändert werden. "Auch die Schneider werden wohl einen großen Druck haben, wenn die Geschäfte wieder öffnen dürfen. Es ist einfach alles in der Schwebe und man kann so schlecht etwas planen."

Click-and-Meet in weiter Ferne

Eine "Click-and-Collect"-Lösung ist – im Gegensatz zu anderen Geschäften – bei der Brautmode nicht denkbar. Im Durchschnitt kostet ein Brautkleid rund 1500 Euro. "Kein Kunde kauft etwas in dieser Größenordnung ungetragen und ungesehen", sagt Melanie Blumberg. Dass die Kleider nun auf den Stangen hängen bleiben, bedeutet für die Geschäfte auch einen Wertverlust. Nadine Gradl aus Weiden erklärt: "Wir haben dann hier die alte Kollektion hängen und müssen schauen, was mit der passiert."

Die 7-Tage-Inzidenz liegt in Weiden am Montag bei 137, im Kreis Schwandorf bei 215 und im Kreis Tirschenreuth bei 195. Eine Öffnung nach den aktuellen Maßnahmen, wonach der Einzelhandel ab einer Inzidenz unter 100 mit Termin Ware anbieten darf, scheint für die Oberpfälzer Brautmodenhändler also in weiter Ferne. Nina Blaß fasst zusammen: "Wir sind verzweifelt und wissen nicht mehr weiter. Der Traum einer Hochzeit für viele Bräute wird zu deren und unserem Albtraum zurzeit."

Wie können Hochzeiten im Jahr 2021 aussehen?

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Auch ein Amberger Brautpaar traut sich trotz Corona

Amberg

Hochzeit klein aber fein

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Hintergrund:

Trauungen trotz Corona

  • Stadt Amberg: Im Jahr 2020 gab es in Amberg 223 Eheschließungen, 2019 waren es 211.
  • Stadt Weiden: Im Jahr 2020 fanden beim Standesamt Weiden insgesamt 163 Eheschließung statt. 2019 trauten sich 197 Paare.
  • Stadt Schwandorf: Im Jahr 2020 gaben sich in Schwandorf 113 Brautpaare das Ja-Wort. Im Jahr 2019 waren es 125.

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