23.10.2020 - 16:39 Uhr
PragDeutschland & Welt

Morde am Eisernen Vorhang: Ermittler im Wettlauf mit der Zeit

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Seit 2016 wird gegen Spitzenpolitiker der Tschechoslowakei ermittelt. Zwei sind gestorben, zwei demenzkrank. Und noch immer ungesühnt ist der Tod von DDR-Bürgern, die über die CSSR die Flucht versuchten.

Vor 1989 starben etliche DDR-Bürger beim Versuch, über die Grenze des Bruderstaats Tschechoslowakei nach Bayern zu fliehen. Ihr Tod blieb weitgehend ungesühnt. Die Ermittlungen gegen hochrangige CSSR-Politiker drohen nun, am hohen Alter der Beschuldigten zu scheitern. Das Bild des NT-Fotografen Gerhard Götz, ehemaliger Beamter des Bundesgrenzschutz, stammt aus den 70ern.
von Christine Ascherl Kontakt Profil
Richard Schlenz ist einer der Toten am Eisernen Vorhang, zu denen die Staatsanwaltschaft Weiden Ermittlungen anstellt.
Mit dieser Postkarte informierten die Freunde von Richard Schlenz die Kollegen der Leipziger Straßenreinigung über dessen Tod. Zu Viert hatten sie den Grenzfluss Morava nach Österreich durchschwimmen wollen. Schlenz starb im Kugelhagel. Den Freunden gelang die Flucht nach Wien.

Seit vier Jahren wird ermittelt: sowohl in Deutschland als auch in Tschechien. Zwei hochrangige Mitglieder des Politbüros sind seither verstorben: 2019 der frühere slowakische Ministerpräsident Peter Colotka (94), im Juli 2020 Ex-Generalsekretär Milos Jakes (98). Die Prager Staatsanwaltschaft hat zudem die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen zwei weitere Verantwortliche beschlossen: die Ex-Innenminister Lubomír Strougal (97) und Vratislav Vajnar (90). Beide leiden an fortschreitender Demenz.

Letzte Vernehmungen

Für die Angehörigen der Opfer ist es nur ein schwacher Trost, dass die Beweise gereicht hätten. Die Politiker hätten die Straftaten "zweifellos begangen", wird Staatsanwalt Tomás Jarolímek in Tschechien zitiert.

Ist am Ende alles vergebens? "Unsere Ermittlungen laufen weiter", beharrt Oberstaatsanwalt Christian Härtl, der für die deutsche Seite die Ermittlungen führt. Das Verfahren ist sogar noch gewachsen. Anfangs konzentrierte sich das Weidener Verfahren auf vier Signal-Fälle: die Tötung des Familienvaters Gerhard Schmidt auf Höhe Mähring und Kurt Hofmeister kurz vor Stadlern bei Schönsee sowie Richard Schlenz und Hartmut Tautz an der slowakisch-österreichischen Grenze.

Zwillingsbrüder auf der Flucht

Inzwischen sind sieben weitere Fälle von verletzten und getöteten Flüchtigen dazu gekommen, darunter der Potsdamer Frank Prziborowski. Der 19-Jährige hatte im Oktober 1978 mit seinem Zwillingsbruder Jörg bei Domažlice in Richtung Furth im Wald fliehen wollen. Frank wurde erschossen, Jörg schwer verletzt inhaftiert.

Die Recherchearbeit ist erledigt, unter anderem im Archiv der Staatssicherheit in Berlin. Nächste Woche schließen Beamte des Landeskriminalamtes die Vernehmungen von Geschädigten ab. Befragt wurden Angehörige von Opfern sowie Ostdeutsche, die ihren Fluchtversuch über die bayerisch-böhmische Grenze überlebt hatten.

Zum Jahrestag der Deutschen Einheit wurde vielfach an die Toten an der innerdeutschen Grenze erinnert. Was oft vergessen wird: DDR-Bürger hatten im Kalten Krieg auch versucht, über andere Ostblockstaaten in den Westen zu gelangen. 30 Jahre waren ihre Schicksale weitgehend vergessen. Erst jetzt bekommen diese Geschichten Gesichter.

Dazu trägt auch ein Forschungsprojekt der Freien Universität Berlin bei. Der Forschungsverbund SED-Staat hat sein Spektrum erweitert: auf Flüchtlinge, die in Bruderstaaten ums Leben kamen. Im Oktober wurde ein Online-Handbuch veröffentlicht. Die "Toten am Eisernen Vorhang sind per interaktiver Karte recherchierbar. Die Grenzregion der Oberpfalz ist - noch - weiße Fläche. Nach und nach werden diese Ergebnisse eingepflegt, verspricht Leiter Dr. Jochen Staadt.

Für Angehörige und Überlebende ist die Aufarbeitung wichtig. Vor tschechischen Gerichten laufen noch immer Dutzende Schadenersatzprozesse von DDR-Bürgern, die am Eisernen Vorhang der CSSR festgenommen worden waren. Die Beträge sind symbolisch, den Klägern geht es vielmehr um die Anerkennung von Schuld. Der Prager Anwalt Lubomír Müller hat bis dato für 48 Mandanten die Rehabilitation und Entschädigung durchgefochten. Weitere Gerichtstermine stehen an.

"Dies ist ein Sieg für uns"

Noch lange nicht vorbei ist die Aufarbeitung auch aus Sicht der Platform of European Memory and Conscience in Prag, die 2016 mit ihren Strafanzeigen die Ermittlungen angestoßen hatte. Auf den Einstellungsbeschluss der Prager Staatsanwaltschaft reagiert man zweckoptimistisch. "Auch wenn es nicht so scheint, ist dies ein Sieg für uns", meint die frühere Geschäftsführerin Neela Winkelmann.

Der Rückzug der Beschuldigten könne als "indirektes Schuldeingeständnis" gesehen werden. Zudem habe sich die Anzeige in Tschechien gegen 200 Personen gerichtet. Winkelmann geht daher davon aus, dass die Verfolgung der Täter nicht nur in Deutschland, sondern auch in Tschechien weitergeht.

Hintergrund:

Online-Handbuch: Tote am Eisernen Vorhang

Ein Forschungskonsortium der Freien Universität Berlin, der Universität Greifswald und der Universität Potsdam hat ein digitales Handbuch mit Biografien von Männern, Frauen und Kindern veröffentlicht, die am Eisernen Vorhang ums Leben kamen. In dem zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung zugänglich gemachten Handbuch kann online nach den Todesumständen von Opfern des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze recherchiert werden. Verzeichnet sind neuerdings auch Biographien von DDR-Flüchtlingen, deren Fluchten an den Grenzen anderer Ostblockstaaten oder in der Ostsee tragisch gescheitert sind.

Die Oberpfalz ist - noch - ein weißer Fleck, obwohl auch an dieser Grenze zur Tschechoslowakei Flüchtige gewaltsam starben. Das tschechische Institut für Totalitarismusforschung (USTR) hat 2016 ebenfalls eine Online-Karte mit Opfern veröffentlicht und kommt zwischen Waldsassen und Schönsee auf über 40 Tote, darunter zwei DDR-Bürger (https://mapa.zelezna-opona.cz).

Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität recherchiert zu diesem Thema erst seit November 2019. Die Ergebnisse werden nach und nach in das Online-Handbuch eingepflegt, das seit 3. Oktober 2020 mit Teilergebnissen bereits im Internet zugänglich ist. Über Landkartenausschnitte sowie eine Filter- und Volltextsuche kann online recherchiert werden. "Durch den Landkartenzugang und die Filterfacetten ist es möglich die regionalen oder Orte der Zwischenfälle am Eisernen Vorhang aufzusuchen sowie die Herkunft der Betroffenen und ihre Fluchtwege nachzuvollziehen", erläutert Dr. Jochen Staadt Projektleiter im Forschungsverbund SED-Staat. Das Angebot, richte sich insbesondere an schulische Einrichtungen und regionale Institutionen der politischen Bildung. In das Handbuch sind Ausschnitte aus bereits geführten Zeitzeugeninterviews eingefügt.

https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/

96 Jahre alt und dement: Die Staatsanwaltschaft Prag hat die Ermittlungen gegen Lubomir Strougal (Archivbild von 2002) eingestellt.
Mit 97 Jahren verstorben: Seit Juli 2020 lebt der Beschuldigte Milos Jakes nicht mehr.
90 und dement: Auch die Ermittlungen gegen Vratislav Vajnar wurden in Tschechien eingestellt.
Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin ist bei seinen Recherchen auch auf völlig unbekannte Schicksale gestoßen: so etwa die Lebensgeschichte von Marion Slowik, zweifache Mutter aus Berlin, die 1989 an der slowakischen Grenze in der Donau ertrank.
Hintergrund:

Neues Online-Handbuch: Tote am Eisernen Vorhang

Vor einigen Tagen, am 3. Oktober, hat der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin ein digitales Handbuch mit Biografien von Männern, Frauen und Kindern veröffentlicht, die am Eisernen Vorhang ums Leben kamen. Neu aufgenommen sind und werden gerade die Lebensgeschichten von DDR-Flüchtlingen, deren Fluchten an den Grenzen anderer Ostblockstaaten oder in der Ostsee tragisch gescheitert waren.

Über Landkartenausschnitte kann online recherchiert werden. Die Oberpfalz ist dabei – noch – ein weißer Fleck. Aber nicht mehr lange. „Wir werden nach und nach unsere Rechercheergebnisse in das Handbuch einpflegen“, informiert Leiter Dr. Jochen Staadt.

Sechs Todesfälle von DDR-Bürgern an der tschechoslowakischen Grenze sind aber bereits enthalten, darunter die bislang öffentlich völlig unbekannte Geschichte von Marion Slowik. Die zweifache Mutter ertrank in der Donau vor den Augen ihrer Söhne (11 und 14). „Ihre Geschichte gehört zu jenen Schicksalen, die erst jetzt durch die Arbeit des FU-Projektes entdeckt wurden“, bestätigt Professor Dr. Stefan Appelius, einer der Rechercheure des Forschungsverbundes. Er hat 2019 für das Projekt die Söhne interviewt, die auch über die Zeit nach dem Fluchtversuch berichteten: Der ältere Torsten kam bei den Großeltern unter, der elfjährige Karsten kam ins Heim. Beide Kinder waren im letzten Moment vor dem Ertrinken gerettet worden und wurden in einem Flugzeug der Staatssicherheit zurück nach Ostberlin gebracht.

Der Link zum Handbuch des Berliner Forschungsverbundes

Artikel aus dem Onetz über die Ermittlungen

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.