München
24.09.2023 - 15:41 Uhr
OnetzPlus

Gedämpfter Söder wird von der CSU am Parteitag frenetisch gefeiert

Zwei Wochen vor der Landtagswahl stattet die CSU Markus Söder mit einem Traumergebnis aus. Auf dem Parteitag lästert er gegen die Ampel, lässt die Freien Wähler auflaufen und distanziert sich von der AfD. Nun muss er am 8. Oktober liefern.

Markus Söder, CSU-Parteivorsitzender und bayerischer Ministerpräsident, spricht auf dem Parteitag der CSU. Bild: Peter Kneffel
Markus Söder, CSU-Parteivorsitzender und bayerischer Ministerpräsident, spricht auf dem Parteitag der CSU.

Der Parteitag jubelt. Er jubelt Markus Söder zu. Stehend und minutenlang. Die Länge eines Fußballmatches plus Nachspielzeit hat Söder da gerade geredet. Jetzt steht er oben auf der Bühne der Münchener Messehalle C1 und saugt die Ovationen auf. Er, der immer ganz nach oben wollte in Bayern, dem viele in der CSU das aber nicht zugetraut hatten und dem in der Partei noch manches Mal Skepsis bis Abneigung entgegenschlägt wegen seines großen Egos und seiner Wetterwendigkeit. Aber in diesem Moment beklatschen sie ihn alle frenetisch. Vielleicht auch aus Respekt vor Söders Unermüdlichkeit im Wahlkampf mit seit dem Sommer mehr als 750 öffentlichen Auftritten.

"Zwei Wochen vor der Landtagswahl lässt die Partei ihren Vorsitzenden nicht im Stich", hat ein Delegierter schon vor Beginn des Parteitags orakelt. Er sollte recht behalten. Bei der abschließenden Wiederwahl zum Parteichef bekommt Söder 646 der 679 abgegebenen Stimmen. Nur 23 votieren gegen ihn, zehn machen ihre Stimme ungültig. Nach den Regularien der CSU sind das satte 96,5 Prozent Zustimmung. Söder steigt damit auf in Sphären von Edmund Stoiber und Franz Josef Strauß zu ihren besten Zeiten.

Aber noch einmal zwei Stunden zurück, als Söder ans Pult tritt. Im Saal herrscht erwartungsvolle Stille. Jeder weiß, dass es jetzt eine gute, eine aufrüttelnde Ansprache braucht, um auf den letzten Metern vor dem Wahltag doch noch aus dem Umfragetief von 36 Prozent zu kommen. Söder sammelt sich kurz, er macht das sonst nie. Dann ist er vom ersten Moment an auf Betriebstemperatur. "Noch zwei Wochen, und ich verspreche euch, wir werden diese Wahl gewinnen, weil es das Beste für Bayern ist", legt Söder los. Es dauert keine 20 Sekunden, da erntet er schon den ersten Beifallssturm.

"Schwarz-Grün isch over"

Was folgt, sind in vielen Wahlkampfauftritten erprobte Sequenzen. Allerdings lässt er platte Pointen weitgehend weg – sogar wenn es gegen die Berliner Ampel geht, die er aber trotzdem erneut die "schlechteste Bundesregierung aller Zeiten" nennt. Auch sein Furor gegen die Grünen, der Bierzelte regelmäßig zum Überschäumen bringt, kommt gedämpfter. Natürlich vergisst Söder nicht, über deren feministische Außenpolitik zu lästern und deren "Verbotspolitik" zu geißeln. Und er stellt klar: "Schwarz-Grün wird es nach der Landtagswahl definitiv nicht geben, Schwarz-Grün isch over." Aber er verzichtet auf die harten, manchmal auch ehrenrührigen Attacken. Nur einmal geht es mit ihm durch. "Am Ende entscheiden Eltern und Bürger, was sie und ihre Kinder essen wollen, und nicht einige grün verhungerte Funktionäre", blafft Söder zum Thema Ernährung heraus.

Dabei bedient er sich einer Art Täter-Opfer-Umkehr, als er erklärt, es gäbe im Land wichtigere Themen als Debatten um das Gendern, Winnetou-Kostüme oder das Fleischessen. Denn war es nicht Söder selbst, der vor wenigen Monaten aus Nebensätzen grüner Hintersassen und "woker" Zeitgenossen einen Kulturkampf inszenierte? Der mit der Wortschöpfung "Zwangsveganisierung" Stimmungsmache betrieb? Der Deutschland davor retten wollte, dass das Wort "Mutter" durch "gebärende Person" ersetzt wird, obwohl das niemand ernsthaft gefordert hatte? Söders früher Wahlkampf basierte vor allem auf solchen Mythen. Eingezahlt aufs Konto der CSU hat das alles nicht, im Gegenteil. Es scheint auf dem Parteitag so, als habe Söder eingesehen, dass der damit nur die Rechtspopulisten befeuert hat.

Von denen in Gestalt der AfD distanziert sich Söder maximal: "Ich verspreche euch: Diese Leute kommen nicht an die Macht, diesen Leuten legen wir das Handwerk – so wahr mir Gott helfe." Für diesen Satz bekommt Söder den mit Abstand längsten Zwischenapplaus seiner Rede. Dass die AfD Deutschland aus der Nato führen und die EU "sterben lassen" wolle, rückt Söder in die Nähe von Vaterlandsverrat. "Die mit Abstand schlimmsten Kreml-Knechte in Deutschland sind die von der AfD", widert es ihn an. Zwei Sätze später legt Söder auch ein – "bei allem Ärger im Detail" – ein klares Bekenntnis zur EU als für Deutschland und Bayern existenziell wichtigen Wirtschafts- und Werteraum ab.

Angst vor CSU-Leihstimmen

Vergleichsweise klare Kante zeigt Söder auch zum Koalitionspartner. Dass Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger nach der Wahl mehr Macht will und Anspruch auf das Agrarministerium erhebt, bügelt der CSU-Chef großflächig nieder. Da seien "dem einen oder anderen" – den Namen Aiwanger nimmt Söder nicht in den Mund – wohl die Umfragen zu Kopf gestiegen. Die CSU werde das Ministerium mit seiner Chefin Michaela Kaniber behalten, stellt Söder klar und witzelt, dass die Freien Wähler den Posten mit einem Politologen besetzen wollten. Nun hatte die CSU mit Reinhold Bocklet einst auch einen solchen im Chefsessel des Ministeriums, und Kaniber ist gelernte Steuerfachangestellte. Aber dass Söder die Freien Wähler auflaufen lässt, ist den Delegierten wichtiger als solche Widersprüche. Zumal Söder noch betont, dass er CSU-Leihstimmen aus Solidarität mit dem von der Flugblatt-Affäre belasteten Aiwanger nicht goutiere. "Am 8. Oktober geht es nicht um ein Flugblatt, das vor 35 Jahren geschrieben wurde, sondern um die Zukunft Bayerns in den nächsten zehn Jahren", betont er.

Was Söder da konkret vorhat, lässt er einmal mehr im Ungefähren. Seine Vision für die Zukunft sei "Wohlstand für alle", eine intakte Umwelt, ohne dass diese gegen Menschen und Mittelstand ausgespielt werde, und ein Land mit modernster Technik aber auch der Wahrung von Brauchtum. Dem Parteitag reicht das, um Söder zumindest mal bis zum Wahltag größtmögliches Vertrauen auszusprechen. Liefert er am 8. Oktober nicht, werden die Personaldebatten losgehen. Dann wäre der Jubel vom Samstag nur noch ein fernes Echo. So war das schon immer in der CSU.

Hintergrund:

Oberpfälzer im neuen CSU-Vorstand

  • Albert Füracker (Neumarkt)
  • Susanne Hierl (Neumarkt)
  • Astrid Freudenstein (Regensburg)
  • Martina Englhardt-Kopf (Schwandorf)
  • Thomas Ebeling (Schwandorf)
  • Andreas Meier (Neustadt/WN)
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.