04.08.2020 - 15:13 Uhr
NeukirchenDeutschland & Welt

Ein Energie-autarkes Haus für den Durchschnittshaushalt

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Michael Heuss hat ein Ziel: Der pensionierte Beamte zeigt, dass das Energie-autarke Haus auch im Durchschnittshaushalt möglich ist. "Wir haben unsere private Energiewende abgeschlossen." Und Neukirchens Bürgermeister Peter Achatzi ist auf einem guten Weg.

Michael Heuss vor seinem Einfamilienhaus mit Photovoltaik sogar an den Wänden: "Wir haben da lange rumgetüftelt, das rentiert sich." Der Hyundai Kona Elektro in der Einfahrt gehört übrigens Bürgermeister Peter Achatzi, der gerade zu Besuch ist.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

So richtig über das Thema Energie nachzudenken begann Michael Heuss Ende 2011 gleichzeitig mit der Bundeskanzlerin. "Nach dem Reaktorunglück in Fukushima hat Angela Merkel den Atomausstieg verkündet", erinnert sich der Badener. Seitdem ist er der Energiewende auf der Spur. "Meine Frau Stella und ich machten uns auf die Suche nach einem geeigneten Haus", erzählt der 69-Jährige. In Neukirchen (Landkreis Amberg-Sulzbach) wurden sie fündig. "Wir modernisierten den soliden Altbau von 1962 und bauten ihn Energie-autark um.

"Ich bin selbst ja kein Techniker", nimmt er Laien die Scheu. "Aber ich habe hier fähige Handwerker gefunden, die sich mit mir reinknieten." Heute produziert das Paar 35 Megawatt Strom im Jahr - 35.000 kWh: "Dabei verbrauchen wir im Haus inklusive Klimatisierung nur etwa 5000 kWh und rund 6300 kWh für unsere zwei Elektroautos."

Elektroauto im ländlichen Raum

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Stella Heuss fährt täglich mit ihrem VW e-up zu ihrem Arbeitgeber Siemens nach Erlangen: "Zusammen kommen wir auf 42.000 Kilometer im Jahr", sagt Heuss, "da soll noch mal jemand sagen, ein Elektroauto sei im ländlichen Raum ungeeignet." Und für die Einkäufe zu Hause reiche sein e-Smart. Seine drei Ladepunkte stellt das Paar auch anderen Neukirchenern zur Verfügung.

Das besondere an Heuss' Energiekonzept: Er hat nicht nur die Photovoltaik-Anlage (jetzt 30 Kilowatt-Peak) auf und an diversen Gebäudeteilen erweitert. Das mit Flüssiggas betriebene Blockheizkraftwerk (BHKW) produziert durch Kraft-Wärme-Koppelung 6 KW/Stunde Strom und 13 KW/Stunde Wärme für Warmwasser und Heizung: "Das BHKW sorgt für die Grundlast, wenn keine Sonne scheint", erklärt er, "Der CO2-Ausstoß dieser High-Tech-Anlage ist fast nicht messbar, der Wirkungsgrad liegt bei 98 Prozent."

Michael Heuss hat seine eigene Tankstelle: „Im Vergleich zu unseren bisherigen Spritkosten von etwa 3780 Euro/Jahr kämen wir bei gleicher Fahrleistung auf rund 1890 Euro/Jahr, wenn wir Strom zukaufen müssten.“ Sein Kombi-Modell Modell aus KWK, Photovoltaik und Speichern amortisiere sich nach etwa zehn Jahren und entlaste die Umwelt.

Unabhängig in der Corona-Krise

Der Heidelberger glaubt an die Innovationskraft deutscher Ingenieurskunst: "Wenn die Anlage 2026 ausläuft, werde ich auf Brennstoffzelle gehen", hat er den nächsten Schritt im Blick. ... "Dann ist diese Technik ausgereift und für den Alltagsgebrauch tauglich."

Heuss will mit seinem Vorbild andere Häuschenbesitzer zum Umdenken bewegen: "Man sieht jetzt in der Coronakrise, wie schnell man eingeschränkt werden kann." Der richtige Zeitpunkt, um sich unabhängig zu machen, findet der Pionier. Das zahle sich nicht nur ökonomisch aus: "Die älteren Mitbürger haben die Verantwortung für die Vergangenheit, die Jungen die Verantwortung für ihre Zukunft." Mit einer Einsparung von 25 Tonnen CO2 im Jahr hat das Paar sein privates Klimaziel übererfüllt. "Und das kann jeder leisten, ohne sich selbst einschränken zu müssen."

Oben das Ersparnis der Familie Heuss, unter der Familie Achatzi.

Die beiden Energieproduzenten sparen nicht nur Geld für Sprit, Strom und Heizung - ihre jährliche Stromrechnung beträgt 12 Euro plus Grundgebühr. Zum Energiekonzept gehören auch Stromspeicher, mit denen sich der individuelle Bedarf steuern lässt. Den überschüssigen Strom speisen sie ins Netz ein. Und Heuss warnt: "Das Klima wird immer unberechenbarer", verweist er auf die USA, wo Versicherungen schon heute keine Hurrikan-Schäden mehr versicherten. "Wenn wir nicht massiv gegensteuern, wird uns das künftig sehr viel Geld kosten." TV-Bilder aus Sibirien, wo bei 37 Grad plus Dörfer im Schlamm versinken und giftiges Methan aus dem Permafrostböden entweicht, hätten ihn schockiert. "Wenn sich der Golfstrom verändert, fliegt uns alles um die Ohren."

„Wenn sich der Golfstrom verändert, fliegt uns alles um die Ohren.“

Michael Heuss

Michael Heuss

Achatzis Hauskraftmanagement

Ein paar Straßen weiter sitzt Neukirchens Bürgermeister Peter Achatzi mit seinem Photovoltaik-Experten Siegfried Schröpf auf der Terrasse. "Die PV-Anlage von 2007 mit 5,6 Kilowatt-Peak speist ein", erklärt der Geschäftsführer von Grammer Solar in Amberg, "die zweite von 2017 mit E3/DC-Speicher ist ein voll vernetztes Energiemanagementsystem." Ein durchschnittliches Hauskraftwerk dieses Typs koste etwa 20.000 Euro. Achatzi kam auf Grammer zu, weil er ein Hauskraftmanagement aus einer Hand wollte: "Da passen alle Komponenten zusammen", sagt er, "der Wechselrichter ist eine Komponente im System, eine spezielle Regelung sorgt dafür, dass zum Beispiel nur Solarstrom geladen wird. " Das spare Kosten und die zeitlich flexible Ladung erhöhe den direkten Verbrauch der Solarenergie. So kann sich Achatzi sicher sein, dass er in Kombination mit dem Speicher (6,9 kWh) seinen Hyundai Kona Elektro zu 100 Prozent mit Solarstrom lädt.

Auch Peter Achatzi setzt inzwischen voll auf E-Mobilität.

Eine App fürs ganze Haus

"Ich kann mein ganzes Hauskraftwerk über eine App regeln", freut sich der gelernte Installateur, der schon als Azubi Brauchwassererwärmungsanlagen und Wasserkollektoren verbaute. "Als wir in der ganzen Straße einen Stromausfall hatten, war ich der einzige, der das gar nicht mitbekommen hat." Im Normalbetrieb hat er ständig im Blick, wie viel er über die Wallbox geladen hat. "Von April bis Oktober fahre ich ausschließlich mit Strom vom Dach - etwa die Hälfte der 20.000 Kilometer im letzten Jahr."

Mit seinem Hyundai (64 kw/h-Batterie) hat er eine Reichweite von 440 Kilometern. "Ich komme mit einmal kurz nachladen bis Tirol", sagt er. "Eng geworden ist es in den vielen Jahren nur zweimal, stehen geblieben bin ich noch nie." Man dürfe nicht vergessen, dass ein E-Auto rekuperiere, also die Bremsenergie zurück in die Batterie fließe. "Man hat durch die Fahrweise viel selbst in der Hand. Wenn es knapp werde, fahre er Landstraße. "Dann kann man zuschauen, wie die Reichweite wieder wächst."

Peter Achatzi managt seine Haustechnik mit einer App.
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